Bei den Azteken des vorspanischen Mesoamerika könnten alle drei dieser Stereotypisierungen gleichermaßen erwartet werden, doch wird fast immer allein Menschenopferung als das alles bestimmende Merkmal der aztekischen Kultur angeführt. Erfreulicherweise sorgt das neue Werk von Berthold Riese für Aufklärung und bietet zugleich eine frische Perspektive auf eine der sowohl erfolgreichsten als auch kurzlebigsten Gesellschaften der amerikanischen Kulturgeschichte.
Der an der Universität Bonn lehrende Autor, ein erstrangiger Altamerikanist, erzählt ungewöhnlich ausführlich und spannend vom Aufstieg und Untergang des aztekischen Reichs. Die Azteken (oder Mexica, wie sie sich selbst nannten) sind, strenggenommen, keine Ethnie, also kein Volk im eigentlichen Sinn, sondern eine politische Gruppierung der Nahua Zentralmexikos. Diese gründeten im frühen 14. Jahrhundert den Stadtstaat México Tenochtitlán, der den Kern der heutigen Hauptstadt Mexikos bildet.
Von diesem Stadtstaat aus expandierte Tenochtitlán, ähnlich wie das antike Rom, im Lauf des 15. Jahrhunderts mit einer strategisch gut durchdachten Mischung aus Bündnissen und Eroberungen, bis es im frühen 16. Jahrhundert, am Vorabend der spanischen Conquista, den Großteil Zentralmexikos in einem komplex verwalteten Imperium vereint hatte. Auf dem Höhepunkt seiner Machtausdehnung brachte die Invasion des Hernán Cortés das Reich der Azteken und die autonome Entfaltung mesoamerikanischer Zivilisation gewaltsam zu einem jähen Ende – ein Trauma, von dem Mexiko sich nie so richtig erholen konnte.
Vieles, was Riese vermittelt, kommt uns thematisch ziemlich bekannt vor, auch wenn die Azteken selbst uns bisher weitgehend fremd geblieben sind. Dynastische Intrigen, Sexskandale am Hof, Bürgerkrieg, Umweltprobleme, Wirtschaftsspionage, religiöser Eifer – das alles ist ebenso Bestandteil der aztekischen wie der europäischen Geschichte, und mindestens ebenso spannend. Selbstverständlich werden Themen wie Menschenopferung und das Kriegswesen nicht ausgelassen – ganz im Gegenteil. Riese erläutert auch die schillerndsten Aspekte der aztekischen Geschichte auf eine Weise, die es erlaubt, sie in ihrem historischen und soziokulturellen Kontext zu begreifen. In Kapiteln mit Titeln wie „Gesang und Tanz am aztekischen Hof “, „Chalchiuhnenetzin wird wegen Ehebruchs hingerichtet“, „Der gescheiterte Versuch, den Acuecuexatl zu kanalisieren“ und „Genuss und Kurzweil“ wird nebenbei eine Vielzahl von Vignetten aus dem Alltag gemalt, die es uns ermöglichen, den Azteken nicht mehr wie außerirdisch wirkenden Exoten, sondern wie bekannten Nachbarn zu begegnen.
Rezension: Prof. Dr. Gordon Whittaker





