Als der Stauferkaiser Heinrich VI. 1197 starb, war sein Sohn Friedrich Roger (der spätere Friedrich II.) erst drei Jahre alt. Zwar hatten ihn die Reichsfürsten ein Jahr zuvor zum König gewählt, doch befand der Knabe sich nicht in Deutschland, sondern bei seiner Mutter Konstanze in Italien. Eine Gruppe von Fürsten um Erzbischof Adolf von Köln machte sich für einen König stark, der nicht aus dem Geschlecht der Staufer stammen sollte, während auf staufischer Seite Herzog Philipp von Schwaben, der Bruder Heinrichs VI., erst die Regentschaft für seinen Neffen übernehmen wollte, sich dann aber selbst zur Wahl stellte. So wählten 1198 zwei unterschiedliche Fürstengruppierungen zwei deutsche Könige: im März Philipp von Schwaben und im Juni Otto, den Sohn Heinrichs des Löwen.
Für den Welfen hatte man sich nicht entschieden, weil man von seinen politischen Fähigkeiten überzeugt war, sondern aus Mangel an geeigneten Alternativen. Die Kandidatur der Herzöge von Sachsen und Schwaben oder von Ottos älterem Bruder, des Pfalzgrafen bei Rhein, war zunächst aussichtsreicher erschienen, doch wollten diese nicht oder befanden sich noch auf der Rückreise vom Kreuzzug ins Heilige Land. So griff man den Vorschlag des englischen Königs Richard Löwenherz auf und verständigte sich auf Otto. Im Juli krönte ihn der Erzbischof von Köln mit einer neu angefertigten Krone in Aachen zum König. Knapp zwei Monate später ließ sich Philipp in Mainz krönen (siehe DAMALS 6–2008). Somit gab es in Deutschland zwei Könige, die beide mit gewisser Berechtigung auf die Legitimität ihrer Krönung pochen konnten, denn ein festes Verfahren der Königswahl existierte noch nicht. Philipp verfügte über die Reichsinsignien und die größere Wählerschaft, Otto war am traditionellen Krönungsort erhoben worden und machte geltend, die bedeutenderen Wähler auf seiner Seite zu haben.
Die Herrschaft über das Reich war für Otto nicht vorauszusehen gewesen. Zwar kursierte später eine Anekdote, derzufolge seiner Mutter früh geweissagt worden sei, dass einer ihrer Söhne Kaiser werden würde. Aber diese Erzählung wurde erst nach dem Tod Ottos aufgeschrieben. Zunächst deutete sich ein anderer Lebensverlauf an. Otto war der dritte von vier überlebenden Söhnen des zeitweise mächtigsten Reichsfürsten, der über die Herzogtümer Bayern und Sachsen gebot: Heinrichs des Löwen. Sein Urgroßvater war Kaiser Lothar III., sein Großvater mütterlicherseits König Heinrich II. von England. Die Welfen konnten ihre Herkunft bis in die Karolingerzeit zurückverfolgen und waren über ihre Ahnin Judith, die Gemahlin Ludwigs des Frommen, mit Karl dem Großen verwandt. Stellung und Herkunft machten sie zu einer der bedeutendsten Familien im Reich.
Als Mitglied dieser Familie wurde Otto wohl 1175 oder 1176 in Braunschweig geboren, das zu dieser Zeit immer mehr den Charakter einer Residenz annahm. Er hätte in späteren Jahren die Nachfolge seines Vaters als Herzog in Bayern antreten können, wäre dieser nicht nach seinem berühmten Zerwürfnis mit Kaiser Friedrich Barbarossa und dem sich anschließenden Prozess aller seiner Reichslehen verlustig gegangen und verbannt worden. 1182 ging er an den Hof seines Schwiegervaters in England; so kehrte Otto Deutschland im Kindesalter den Rücken.





