Rainald von Dassel kannte die Mailänder, und die Mailänder kannten ihn. Ein zeitgenössischer Chronist aus dem Gebiet der Lombardenmetropole beschrieb gar – was im Mittelalter höchst selten ist – seine äußerlichen Vorzüge und seine inneren Talente wohl aus eigener Anschauung: „[Er] war von mittlerer Größe und kräftig; er hatte ein schönes Angesicht von [frischer] Farbe; seine Glieder waren wohlgestaltet und von angemessener Länge, sein Haar war dicht und fast blond; er war beredt und bestens gebildet, wortgewandt, vorsichtig und sehr scharfsinnig, äußerst begierig, die Ehre des Kaisers zu erhöhen, und zwar so sehr, dass der Kaiser auf niemandes Rat mehr gab als auf seinen“. Ein anderer Zeitzeuge, ein namentlich nicht bekannter Mailänder Bürger, sah ihn ganz anders. Der Kanzler Friedrich Barba‧rossas sei 1159 in der Stadt aufgetaucht, habe sich äußerst herrisch gebärdet und Wut und Hass bei den Einheimischen geweckt. Im Garten von Sant’Ambrogio bedrängten sie ihn: „Er gab ihnen gute Worte, sprach aber lügnerisch.“ Und weiter: „Von diesem Tag an bemühte der genannte Kanzler sich leidenschaftlicher und mit größter Anstrengung, Mailand zu zerstören.“
Dieser Mann, in der Kanzlei des Staufers aufgestiegen und von der Kölner Kirche 1159 zu ihrem Erzbischof erwählt, setzte im Juni 1164 in dichter Folge eine bemerkenswerte Ereigniskette in Gang, die schließlich, und dauerhaft, zu einer neuen und höchst anziehenden Wallfahrtsstätte in der abendländischen Kirche führte: Er löste den bis dahin unbekannten Kult der Heiligen Drei Könige in seiner Bischofsstadt Köln aus.
Am 9. Juni 1164 nämlich gewährte Friedrich Barbarossa Rainald in Anbetracht seiner herausragenden Verdienste eine große Landschenkung beiderseits des Ticino nordwestlich von Mailand. Zwei Tage später, so überliefert uns der anonyme Mailänder Zeuge, „nahm Rainald, der Kanzler und Erzbischof von Köln, die Körper der heiligen Märtyrer Nabor und Felix, des heiligen Bekenners [Maternus?]… sowie drei andere Körper, die in einem Sarkophag in der Kirche des heiligen Eustorgius beigesetzt waren, weg, von denen man behauptete, es seien die der drei Magier, und schaffte sie nach Köln fort“. In einer Seitenkapelle von Sant’ Ambrogio in Mailand zeigen spätantike Mosaiken tatsächlich neben Felix und Nabor den confessor Maternus. Es ist gut möglich, dass Rainald beabsichtigt hatte, dessen Reliquien gleichfalls mitzunehmen. Der Name Maternus hätte die Erinnerung an den Kölner Maternus, den Ersten in der dortigen Bischofsreihe, hervorrufen können. Doch ist es dazu wohl nicht gekommen.
Am nächsten Tag, dem 12. Juni, war Rainald mit seiner kostbaren Fracht bereits in Vercelli und sandte an die Kölner einen jubelnden Brief, in dem die Reihenfolge der mitgeführten Reliquien vertauscht ist: Zunächst erwähnt er die Körper der „drei heiligen Magier und Könige“, dann die der „allerheiligsten Märtyrer Nabor und Felix“. Der Reiseweg der kostbaren Fracht nach Köln ist uns nur undeutlich überliefert, was auch mit der Gefahr zu tun haben mag, der sich Rainald im Grenzgebiet zwischen Burgund und Frankreich ausgesetzt sah. Über Turin und den Mont Cenis zog er zunächst bis nach Vienne an die Rhone, wo er eine Versammlung der burgundischen Erzbischöfe leitete, die er mit wenig Erfolg auf den Barbarossa-Papst Paschalis III. zu verpflichten suchte. Auch gab er Anweisung, Burgen an der Westgrenze des Königreichs Arelat, das Hoch- und Niederburgund umfasste und seit 1033 der deutschen Krone zugeordnet war, anlegen zu lassen. Die angespannte, ja gefährliche Reisesituation erhellt ein Brief Papst Alex‧anders III. an Erzbischof Heinrich von Reims vom 6. Juli 1164. Dieser sollte unbedingt Rainald den Weg versperren und ihn gefangen nehmen, „jenen Urheber und das Haupt der Verwirrung der Kirche“. Diese Bemerkung zielte auf die Rolle des Kölners im Papstschisma seit 1159 ab, nicht aber auf den Raub der Magierreliquien. Vermutet wird allgemein, dass Rainald den Weg über Hochburgund und die Burgundische Pforte an den Rhein genommen hat. Die Patrozinienkunde gibt hier wohl brauchbare Hinweise, denn in der Region Besançon hat sich mit ziemlicher Dichte ein relativ früher Dreikönigenkult etabliert, ähnlich im Elsass, wo in Ribeauvillé (Rappoltsweiler) Dreikönigsreliquien überliefert sind.





