Botschaftsangestellte waren im Tagesgeschäft unverzichtbar
Der Aufgabenbereich Thomas Cokes beschränkte sich dann auch nicht auf das, was man bei einem Botschaftssekretär klassischerweise erwarten würde. Denn über seine Schreib- und Verwaltungsaufgaben hinaus war er an fast allen Belangen des diplomatischen Tagesgeschäfts beteiligt, ging in den anderen Botschaften in Istanbul ein und aus, besuchte Audienzen am Sultanshof und übernahm auch selbst kleinere diplomatische Missionen. Als einer von Chandos’ Nachfolgern, der Botschafter William Hussey, im Jahr 1691 überraschend starb, übernahm Coke sogar die Geschäfte der Botschaft und führte diese für eineinhalb Jahre bis zur Ankunft eines neuen Botschafters weiter.
Schließlich besaß Coke ein weitverzweigtes Netz aus Korrespondenten und Spionen, über das er permanent Informationen erhielt, die er seinen Vorgesetzten zur Verfügung stellte. Zugute kam ihm dabei der Umstand, dass seine Frau Annetta eine griechische Untertanin des Sultans war, die über ihre Familie ebenfalls beste Verbindungen in die Istanbuler Gesellschaft besaß.
Coke, so lässt sich ohne Übertreibung sagen, hatte während seiner gut 20-jährigen Amtszeit maßgeblichen Anteil an der englischen Diplomatie im Osmanischen Reich. Dennoch ist bislang nur wenig über ihn bekannt. Dies liegt vor allem daran, dass sich die Forschung bis heute fast ausschließlich auf die Diplomaten des ersten Rangs konzentriert, also in erster Linie auf adlige Botschafter, und deren Verhandlungen mit fremden Herrschern und Ministern. Wie am Fall Coke jedoch deutlich zu sehen ist, bietet diese Sichtweise nur ein unvollständiges Bild. Diplomatie funktionierte in der Frühen Neuzeit nur deswegen, weil verschiedene – männliche und weibliche – Akteure an ihr teilhatten. Sie war keine individuelle Leistung einzelner „großer Männer“, sondern eine kollektive Praxis.
Von Bedeutung waren dabei nicht allein die Botschaftssekretäre, auch wenn sie innerhalb der Botschaften eine besonders wichtige Rolle einnahmen. Daneben gab es zahlreiche weitere Angestellte wie Schatzmeister, Botschaftskapläne, Boten, Schreiber oder auch persönliche Bedienstete. Hinzu kamen gerade in Istanbul lokal angeworbene Personen wie Übersetzer, die sogenannten Dragomane. Bei ihnen handelte es sich in der Regel um katholische oder griechisch-orthodoxe Untertanen des Sultans, die während ihrer Amtszeit unter dem Schutz der jeweiligen Botschaft standen.
Auch sie übten neben ihrer reinen Übersetzungstätigkeit, etwa bei persönlichen Treffen des Botschafters oder seiner Angestellten mit osmanischen Ministern, verschiedene weitere Tätigkeiten aus. So erledigten sie den Großteil der Kommunikation mit dem Sultanshof allein, das heißt ohne von anderen Botschaftsangehörigen begleitet zu werden. Darüber hinaus verfügten auch sie in der Regel über umfangreiche familiäre Verbindungen, über die sie an Informationen gelangen konnten. Schließlich waren in den europäischen Botschaften in Istanbul auch muslimische Untertanen des Sultans angestellt, wie beispielsweise die Janitscharen, die den Palast bewachten, oder die Kalligraphen, welche die kunstvoll gestalteten Briefe an den Sultan und seinen Hof abfassten.





