Zwar sind die formalen Herrschaftsbeziehungen vergangen, und Whitehall ist längst nicht mehr das politische Entscheidungszentrum der Welt, aber das kulturelle Erbe des Empire wirkt bis heute nach, und sei es als Modell einer zentralisierten Weltregierung, für das die USA mittlerweile das Erbe angetreten hat. Das meinte zumindest der britische Historiker Niall Ferguson in seiner vielgelesenen Studie „Empire. How Britain Made the Modern World“ von 2004, die nach Jahrzehnten anhaltender postkolonialer Kritik eine Ehrenrettung des britischen Weltreichs versuchte und die Form des „Empires“ durchaus als positives Vorbild empfahl.
Derartiger Populismus ist John Darwin, sicherlich einer der weltweit besten Kenner der Materie, fremd. Aber auch dem Oxforder Historiker geht es in gewisser Weise um eine Verteidigung des britischen Empire gegen eine zu pauschale und in Teilen politisierte Kritik. Er verweist dagegen auf die schiere Komplexität und Vielfalt des weltumspannenden Reichs und seiner Akteure auf allen Kontinenten. Diese verhindere jegliche generalisierende Aussage, denn zu unterschiedlich waren etwa die Erfahrungen britischer Siedler in den amerikanischen Neuengland-Staaten von denen in Australien oder Südafrika oder die Machtposition der englischen Kolonialakteure auf dem indischen Subkontinent im 17. Jahrhundert von der des britischen Raj (von Britisch-Indien) im 20. Jahrhundert, um nur zwei Beispiele zu nehmen.
Seine These, das britische Empire sei nie der monolithische ökonomische und politische Apparat gewesen, als den man es sich heute vorstellt, also in gewisser Weise unvollendet geblieben, untermauert Darwin durch die Entfaltung eines beeindruckenden Kaleidoskops. Differenzierung bei gleichzeitiger Lesbarkeit ist Darwins Stärke. Auf einen chronologischen Erzählstrang verzichtet er weitgehend. So entsteht ein beeindruckendes Werk, an dem sich die weitere historische Forschung wird abarbeiten und messen lassen müssen.
Rezension: Prof. Dr. Jürgen Zimmerer





