Einst nahmen zwei Jungvermählte auf dem Wienerberg für längere Zeit voneinander Abschied. Dort hatten sich Tausende Menschen eingefunden, um für die zum Abmarsch bereiten Kreuzzügler Gottes Segen zu erbitten. Die junge Frau wollte am Fuß eines schlichten Holzkreuzes warten und Wolle spinnen, bis ihr Gatte aus dem Heiligen Land heimkehre. Aus Dankbarkeit für das lange und schmerzhaft ersehnte Wiedersehen spendete sie mit dem ersparten Geld, das die gesponnene Wolle einbrachte, eine schmucke, steinerne Bildsäule.
So erzählt es in groben Zügen die Sage von der „Spinnerin am Kreuz“, die dem spätgotischen Kunstwerk aus Sandstein den Namen gab. Damals stand es noch völlig frei und von weitem sichtbar mitten im Grünland. Vom Wienerberg, einer Anhöhe am Südrand der kaiserlichen Residenzstadt, hatten Reisende einen ersten Blick auf den acht Kilometer entfernten Stephansdom. Bildsäulen und Bildstöcke dienten im Mittelalter vielfach auch als Wegmarkierungen. Heute steht das 16 Meter hohe Wahrzeichen auf einer verkehrumtosten winzigen Grasinsel, versteckt zwischen Häuserfassaden an der Triester Straße, der einst wichtigsten Handelsroute der Habsburgermonarchie zum Adriatischen Meer.





