Einst nahmen zwei Jungvermählte auf dem Wienerberg für längere Zeit voneinander Abschied. Dort hatten sich Tausende Menschen eingefunden, um für die zum Abmarsch bereiten Kreuzzügler Gottes Segen zu erbitten. Die junge Frau wollte am Fuß eines schlichten Holzkreuzes warten und Wolle spinnen, bis ihr Gatte aus dem Heiligen Land heimkehre. Aus Dankbarkeit für das lange und schmerzhaft ersehnte Wiedersehen spendete sie mit dem ersparten Geld, das die gesponnene Wolle einbrachte, eine schmucke, steinerne Bildsäule.
So erzählt es in groben Zügen die Sage von der „Spinnerin am Kreuz“, die dem spätgotischen Kunstwerk aus Sandstein den Namen gab. Damals stand es noch völlig frei und von weitem sichtbar mitten im Grünland. Vom Wienerberg, einer Anhöhe am Südrand der kaiserlichen Residenzstadt, hatten Reisende einen ersten Blick auf den acht Kilometer entfernten Stephansdom. Bildsäulen und Bildstöcke dienten im Mittelalter vielfach auch als Wegmarkierungen. Heute steht das 16 Meter hohe Wahrzeichen auf einer verkehrumtosten winzigen Grasinsel, versteckt zwischen Häuserfassaden an der Triester Straße, der einst wichtigsten Handelsroute der Habsburgermonarchie zum Adriatischen Meer.
Erstmals erwähnt wird „Die Spinnerin am Kreuz“ 1296 im Wiener Stadtrecht. Darin ist von „ain stainern kreuz ob meurling“ (gemeint ist der Wiener Vorort Mödling) die Rede. Die heutige Erscheinung geht auf einen Neubau aus dem Jahr 1452 zurück, nach Plänen des Dombaumeisters Hans Puchsbaum, eines Spezialisten für gotische Architektur.
Die Gestaltung ist für eine spätgotische Bildsäule einzigartig, sie verengt sich nicht, wie üblich, konisch nach oben, sondern verläuft gerade. Auf einem mehrstufigen Sockel mit achteckigem Grundriss ragt ein Tabernakel in die Höhe, bekrönt mit filigranen Türmchen und Ziergiebeln. Im Inneren des Pfeilerringes sind vier biblische Figurengruppen zu sehen: die Dornenkrönung, das Ecce homo, die Geißelung und die Kreuzigung.
Die „Spinnerin am Kreuz“ wurde mehrfach beschädigt und immer wieder aufgebaut. Nahezu völlig zerstört wurde sie dreimal: 1446 von Reiterscharen des ungarischen Heerführers János Hunyadi sowie während der zwei Türkenbelagerungen 1529 und 1683. Heute ist die größte Schadensquelle die Umweltverschmutzung: Straßenstaub, Streusalz, Ruß und Reifenabrieb setzen dem Sandstein zu. Witterungsbedingt mussten auch die Skulpturen längst durch Kopien ersetzt werden. Die Originale befinden sich heute im Bezirksmuseum Wien-Favoriten.





