In gewaltigen, dicken Lettern verkündeten die spanischen Zeitungen in den Morgenstunden des 20. November 1975 die Nachricht: “Franco ha muerto”. Franco ist tot. Dies war der Tag, den viele Oppositionelle herbeigesehnt und die Anhänger des Diktators gefürchtet hatten.
Wie sollte es mit Spanien weitergehen? Es begann der Prozeß des friedlichen Wandels (“transición”) einer Diktatur in einen demokratischen Rechtsstaat, der aus heutiger Sicht trotz aller Hemmnisse überraschend schnell und gut verlaufen ist. Nicht von ungefähr wurde der Wechsel in Spanien in den osteuropäischen Ländern nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als Vorbild betrachtet.
Dieser friedliche Wandel war nur möglich, weil die Erosion des Franco-Regimes bereits zu Lebzeiten des “Caudillo” begonnen hatte. Zwar hatte die spanische Wirtschaft in den 1960er Jahren einen enormen Aufschwung genommen, doch der Modernisierung der Wirtschaft war keine Modernisierung des Staatswesens gefolgt. Überall gärte es, nicht zuletzt im Baskenland, wo die ETA mit einer Serie von Attentaten und Anschlägen die Machtlosigkeit des vermeintlich starken Regimes deutlich machte.
Auch in den Reihen der Arbeiter, die sich in den illegalen Comisiones Obreras organisierten, wuchs der Widerstand, ebenso an den Universitäten. Sogar die Kirche, die lange Zeit eine feste Stütze Francos gewesen war, begann sich von ihm abzuwenden, forderte mehr soziale Gerechtigkeit und anerkannte – welch ein Affront für die spanischen Zentralisten – Baskisch und Katalanisch als kirchliche Amtssprachen.
Das Regime versuchte die Lage mit der Ausrufung des Ausnahmezustands im Januar 1969 in den Griff zu bekommen, doch damit verschärfte sich das Problem nur noch. Höhepunkt der Krise: die Ermordung von Francos Regierungschef Luis Carrero Blanco durch die ETA bei einer Bombenexplosion am 20. Dezember 1973. Es folgten zahlreiche fragwürdige Todesurteile, die Proteste auch außerhalb Spaniens hervorriefen – aber ebenso Massendemonstrationen für Franco. Daß der Diktator nicht nur Feinde hatte, zeigte sich, als sein Leichnam im Königspalast aufgebahrt wurde: Acht Stunden Wartezeit mußten jene in Kauf nehmen, die einen Blick auf den toten Caudillo werfen wollten! Wie noch von Franco selbst bestimmt, wurde Prinz Juan Carlos von Bourbon am 22. November 1975 zum König ausgerufen. Bereits in seiner ersten, vom Fernsehen übertragenen “Botschaft der Krone” versprach er: “Eine freie und moderne Gesellschaft bedarf der Teilhabe aller an den Entscheidungszentren, den Medien, den unterschiedlichen Ebenen des Erziehungswesens und am nationalen Wohlstand”. Zwar etwas verklausuliert, aber doch unüberhörbar kündigte Juan Carlos damit seinen Willen zur Demokratisierung des Landes an.
Doch mit Carlos Arías Navarro, dem letzten von Franco eingesetzten Regierungschef, war in dieser Hinsicht nicht viel Staat zu machen. Zwar versprach er den Bürgern Öffnung und Liberalisierung, doch es geschah nur wenig. Zum Partner des Königs im friedlichen Wandel wurde schließlich Adolfo Suárez, der nach der Entlassung Arías Navarros im Juli 1976 die Regierungsgeschäfte übernahm. Zwar entstammte auch er der franquistischen Bewegung, doch Suárez hatte eingesehen, daß ein Aufrechterhalten des Status Quo nicht mehr durchsetzbar war. Er versprach Neuwahlen innerhalb eines Jahres sowie die Abhaltung eines Verfassungsreferendums. Entscheidende Voraussetzung für diese Neuwahlen war jedoch die Zustimmung der Cortés, der Ständevertretung aus der Zeit der Diktatur, im November 1976 und schließlich deren Selbstauflösung. Wie groß der Hunger nach politischer Mitsprache war, zeigte sich in der Vielzahl der Parteien, die nun aus dem Boden sprossen: rund 180 Parteien entstanden in diesen Monaten!





