Noch bleibt genügend Zeit: Der Buchungsschluss, um sich für die Azincourt-Gedenkfeier registrieren zu lassen, fällt 2012 auf den 1. Juli. Wer das Formular der „Agincourt Alliance“ bis dahin ausgefüllt hat, ist als zahlender Teilnehmer dabei. Um eine familientaugliche Zeitreise ins Mittelalter zu ermöglichen, wurde der Termin in den Hochsommer verlegt – 1415 fand die Schlacht von Azincourt unter widrigen Wetterbedingungen am 25. Oktober statt.
Was macht das alljährliche Massenspektakel so attraktiv? Manche Gründe gelten auch für andere Histotainment-Veranstaltungen: dass man temporär aus einer als kompliziert empfundenen Gegenwart in eine komplexitätsreduzierte, fremdartige Vormoderne aussteigen kann. Hinzu kommt bei der Azincourt-Memorialkultur, dass der große zeitliche Abstand einen entspannten Umgang mit dem heiklen Thema kriegerischer Gewalt ermöglicht. Verbreitete Stereotype über den mittelalterlichen Krieg haben zu dessen Romantisierung, Ästhetisierung und Verharmlosung beigetragen, und das reenactment bekräftigt diese falschen Bilder. Denn im Unterschied zur Realität des mittelalterlichen Krieges wird in der Rekonstruktion niemand getötet, verstümmelt oder vergewaltigt, und sollte ein Kämpfer doch verletzt werden, ist das Rote Kreuz rasch zur Stelle. Der Authentizitätsanspruch wird damit natürlich konterkariert; das Eigentliche der Schlacht, das Töten und das Getötet-Werden, bleibt ausgeklammert.
Dass vor allem Engländer ein Faible für die reenactments zeigen, hängt mit Besonderheiten dieser Schlacht zusammen. Zum einen steht man prinzipiell lieber auf der Seite der Sieger; zudem ist Azincourt besonders geeignet, das englische Selbstbild der brave and happy few, der band of brothers (so William Shakespeare um 1599 in „Henry V“) zu bestätigen, denen es immer wieder gelingt, über Feinde zu obsiegen, wenn nur die Moral stimmt. Mit dieser Botschaft wurde Azincourt vor allem seit dem 16. Jahrhundert versehen. Eine nicht abreißende Flut von Fachpublikationen, filmischen Umsetzungen usw. hat dafür gesorgt, dass die Schlacht im kulturellen Gedächtnis der Engländer verankert geblieben ist.
Die Chancen, zu erfahren, wie es „wirklich“ gewesen sei, scheinen gut. Wie kaum eine andere mittelalterliche Schlacht hat sie schon bei den Zeitgenossen einen starken Widerhall gefunden. Beschränkt man sich nur auf die chronikalischen Quellen, sind allein für England zehn, für Frankreich sogar 14 Berichte überliefert. Ein einheitliches Bild ergibt sich damit aber nicht, vielmehr streiten Fachleute bis heute etwa über die Truppenstärken. Ausgerechnet die englische Historikerin Anne Curry, eine der profundesten Kennerinnen der Schlacht, geht in ihrer jüngsten Darstellung davon aus, beide Parteien seien annähernd gleich stark gewesen; sie rechnet mit 12 000 Mann auf der französischen Seite, denen 9000 Engländer gegenüberstanden. Dem Mythos von der großen zahlenmäßigen Unterlegenheit der Engländer macht sie damit den Garaus.





