Das geschäftliche Engagement des deutschen Versorgungsunternehmens in London dauerte gerade einmal fünf Jahre. 2001 kaufte die Essener RWE AG für eine Milliardensumme die Gesellschaft Thames Water, die die britische Hauptstadt mit Wasser versorgt und sich um die gewaltigen Abwassermengen kümmert. Doch dann geschah das Unerwartete: Ende 2006 trennte sich RWE wieder von der britischen Tochter. Die Konzernstrategie habe sich geändert, verlautete aus der Unternehmenszentrale.
Das mochte zutreffen. Andere Gründe, so darf man vermuten, spielten bei dem überraschenden Verkauf der britischen Tochtergesellschaft offenbar ebenfalls eine Rolle. Wahrscheinlich hatte die Konzernleitung in Deutschland realisiert, dass sie sich in London auf ein riskantes Geschäft eingelassen hatte, das in Zukunft erhebliche Investitionen erforderte. Weil das städtische Rohrleitungssystem alt und löchrig ist, versickern dort jeden Tag nahezu 90 Millionen Kubikmeter Trinkwasser im Boden – ein Drittel dessen, was die Riesenstadt in 24 Stunden verbraucht. Auch Teile der Abwasserkanäle sind marode. Wusste der deutsche Konzern nicht, dass die Wasser- und Abwasserleitungen Londons zur Zeit der Königin Viktoria gelegt worden waren? Vor genau 150 Jahren war damit begonnen worden.
Als 1858 der Startschuss für die umfangreichen Arbeiten fiel, stellte das für die damals größte Stadt der Welt und die Regierung des Landes eine unerhörte technische und finanzielle Herausforderung dar. Nach seiner Vollendung nannten die Zeitgenossen das verzweigte unterirdische Leitungssystem das „wunderbarste Bauwerk der Neuzeit“. Der englische Sozialhistoriker Asa Briggs sprach 100 Jahre später zu Recht von „einer der größten technischen und sozialen Errungenschaften des Zeitalters“.
Die Ingenieure hatten für London ein Projekt der öffentlichen Gesundheitsvorsorge entworfen, wie es in diesen Dimensionen vorher noch nie irgendwo gewagt worden war. Dabei standen sie unter einem unerhörten Druck, denn von seiner schnellen Fertigstellung und Effizienz hing das Wohlergehen, ja die Bewohnbarkeit und das schiere Überleben der Millionenstadt ab. Ihre Einwohnerzahl wuchs immer noch. Unzählige Industriebetriebe, Werkstätten, Brauereien, Schlachthöfe und Gerbereien hatten sich in ihr angesiedelt.
Die Folgen dieser rasanten Entwicklung waren für die Menschen in London im 19. Jahrhundert katastrophal, für viele von ihnen tödlich, selbst für die privilegierten Bewohner des Buckingham-Palastes im eleganten Westen der Stadt. Der aus Deutschland stammende Prinz‧gemahl Albert starb 1861 im Alter von nur 42 Jahren an Typhus. Renommierte Mediziner machten dafür nicht länger die „schlechte Luft“, sondern verunreinigtes Trinkwasser verantwortlich. Mehrmals grassierte in der Stadt seit 1830 die Cholera, und Tausende Londoner fielen ihr zum Opfer, zuletzt in den Jahren 1848/49 und 1853/54. Die Kindersterblichkeit lag bei fast 50 Prozent.





