1953 forderte die schwerste Nordsee-Sturmflut des 20. Jahrhunderts mehr als 2000 Menschenleben. Auch wenn die deutsche Nordseeküste weniger stark betroffen war, gab dieses Ereignis den Ausschlag für die Entscheidung, die Stadt Bremerhaven künftig besser gegen die stetig höher auflaufenden Fluten der Weser zu schützen. Am 27. September 1961 wurde nach dreijähriger Bauzeit das Sturmflutsperrwerk an der Geeste eingeweiht – eine glückliche Planung, denn keine fünf Monate später, im Februar 1962, suchte eine weitere Sturmflut Norddeutschland heim.
Ohne das Sperrwerk, so haben Berechnungen ergeben, wären 80 Prozent des Stadtgebiets mehr als zwei Meter hoch überflutet worden – mit unabsehbaren Folgen für Leib und Leben der Einwohner. Eine der Attraktionen des Deichmuseums Land Wursten ist ein Modell dieses Sperrwerks, in dem das Zusammenspiel von Wasserstand, Sieltoren und Klappbrücke in Szene gesetzt wird. Es ist nicht das einzige Modell dieses angesichts seiner Größe erstaunlich reichhaltig und vielseitig bestückten Museums.
Der Schutz vor dem Meer wird im Zuge des Klimawandels zur Überlebensfrage vieler Regionen weltweit. Das gilt auch und besonders für die Nordseeküste. Die Beschäftigung mit dem Deichbau ist aber nicht nur ein technisches Thema, sondern auch ein kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlich reiches Feld. Sie gewährt Einblick in jahrhundertelange Entwicklungen von Lebensräumen und Lebensweisen der Menschen in den betreffenden Regionen und ihre Wechselwirkungen mit den Naturgewalten.
Das Wurster Deichmuseum nimmt sich dieser Themen mit dem Fokus auf die niedersächsische Nordseeküste an. Das 1985 eröffnete Deichmuseum ist in einer ehemaligen Realschule in Dorum beheimatet, das zwischen Bremerhaven und Cuxhaven liegt. Auf zwei Etagen und 500 Quadratmetern Ausstellungsfläche erwartet die Besucher eine große Vielfalt an Exponaten, darunter Modelle, Dioramen, Karten, Fotografien, Kunstwerke, historische Zeitzeugenberichte und Arbeitsgeräte.
Zur Begrüßung werden die Besucher mit einer Dokumentation steigender Sturmfluten und wachsender Deichhöhen im Laufe der letzten 300 Jahre konfrontiert – sinnfällig mit einer Art Messlatte. 5,40 Meter maß der Deich im Jahr 1717, 100 Jahre später war er bereits auf 6,20 Meter gewachsen, aktuell erreichen die Deiche in der Region eine Höhe von rund zehn Metern.
Die Geschichte des Landes Wursten reicht aber viel weiter zurück. Zunächst siedelten die Menschen zum Schutz vor dem Wasser auf mit einfachen Mitteln aufgeschütteten Hügeln, sogenannten Wurten. Daher stammt der Name „Land Wursten“, 1238 erstmals als Verwaltungseinheit erwähnt. Aber bereits der römische Schriftsteller Plinius schreibt im Jahr 47 n. Chr.: „Dort hat ein elendes Völkchen hohe Hügel im Besitz, die wie Rednerbühnen von Menschenhand errichtet sind, entsprechend den Erfahrungen der höchsten Flutgrenze. Auf sie sind Hütten gesetzt. Ihre Bewohner gleichen Seefahrern, wenn das Wasser alles ringsum bedeckt, Schiffbrüchigen dagegen, wenn es zurückgetreten ist.“





