Besonders berühmt geworden sind die Pfahlbauten durch die Rekonstruktionen im Freilichtmuseum von Unteruhldingen am Bodensee. Am Anfang standen jedoch Funde am Zürichsee in der Mitte des 19. Jahrhunderts – anschließend wurden dann an vielen Stellen im Alpenraum die Spuren von Siedlungen in der markanten Bauweise entdeckt. Datierungen zufolge lebten Menschen in solchen Siedlungen von der Jungsteinzeit bis in die Bronzezeit. Zwar sind auch aus anderen Bereichen Europas Beispiele bekannt – doch keine Region hat so viele zu bieten wie die Alpenregion: Auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste stehen 111 Pfahlbaufundstellen aus den sechs Alpenanrainer-Ländern Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich, Slowenien. An einigen Fundorten haben sich Spuren erhalten, die spannende Einblicke in die Lebenswelt der prähistorischen Menschen liefern. Allerdings gibt es auch noch einige offene Fragen – so auch, wie der Pfahlbau-Boom in der Alpenregion seinen Anfang nahm.
Blick auch ein norditalienisches Inselchen
Im Fokus der aktuellen Studie stand nun der Varese-See, der sich in der Nähe des Lago Maggiore in Norditalien befindet. Aus früheren Funden ist bekannt, dass dort auf der nur 9200 Quadratmeter große Insel „Isola Virginia“ in der Neusteinzeit eine Pfahlbausiedlung gestanden hat. Der weiteren Untersuchung dieser archäologischen Stätte haben sich nun die Forscher um Ferran Antolín von der Universität Basel gewidmet. Das Team hat dazu Sedimentbohrkerne im prähistorischen Siedlungsbereich entnommen und die darin enthaltenen Überreste von Kulturpflanzen mittels der Radiokarbonmethode datiert sowie ihre Merkmale analysiert.
Aus ihren Ergebnissen ging hervor: Die Siedlungsgeschichte auf der kleinen Insel umfasste mehrere Phasen und die früheste reichte dabei sogar rund 7000 Jahre zurück. Sie bestand demnach früher als andere alte Zeugnisse der Pfahlbauweise im Alpenraum: Die frühesten bekannten Siedlungen der Schweiz datieren auf etwa 4300 v. Chr. Weitere interessante Hinweise lieferten dann die archäobotanischen Untersuchungen des rund 7000 Jahre alten Pflanzenmaterials aus der frühesten Besiedlungsphase: Die Forscher identifizierten Nacktweizen, Nacktgerste, Schlafmohn und Flachs.
In Befunden zeichnet sich eine Spur ab
Das Besondere ist dabei: Diese Kulturpflanzen waren damals untypisch für die Region, denn dort wurden normalerweise Spelzweizen wie Emmer angebaut. Die am Varese-See gefundenen Nutzpflanzen wurden hingegen eher im westlichen Mittelmeerraum angebaut. Daraus folgerte das Forschungsteam, dass die Siedlung auf Isolino Virginia von speziellen Gruppen gegründet worden sein könnte, die aus dem westlichen Mittelmeerraum stammten oder mit diesem durch Handel eng verbunden waren.





