Rudolfs Königtum stand an einer Zeitenwende. Noch in der Zeit des „Interregnums“ waren mit König Alfons X. von Kastilien und León und dem englischen Königssohn Richard von Cornwall Römische Könige gewählt worden, die für ein geographisch weit über den deutschsprachigen Raum weisendes Reich standen und damit an die späte staufische Herrschaft anknüpften. Graf Rudolf von Habsburg, wiewohl der Stauferpartei im Reich zugehörig, stand für einen bescheideneren Machtanspruch, gleichzeitig aber auch für eine Konsolidierung nach einer Zeit der Wirren.
Rudolf war zwar keineswegs ein „kleiner Graf“, doch durchaus ein von den Kurfürsten gewählter Kompromisskandidat, der angesichts seines für damalige Verhältnisse relativ hohen Alters (55 Jahre) keine lange Regentschaft und schon gar nicht die Begründung einer mächtigen Dynastie erwarten ließ. Dass der König sich durchsetzen konnte, das machen zahlreiche Beiträge des Bandes deutlich, lag vor allem an seiner vorausschauenden, „modernen“ Politik.
In das nach dem Aussterben des Geschlechts der Zähringer 1218 entstandene Machtvakuum im Südwesten drängten Rudolfs Vorgänger und er selbst, setzten auf Verschriftlichung und Verdichtung von Herrschaftsrechten und auf die Städte und nicht so sehr auf Burgen. Und doch war damit der spätere Aufstieg der Habsburger keineswegs gesichert.
Die Beiträge zeigen zudem, dass es nicht die vielzitierte geschickte Heiratspolitik der Habsburger, sondern dynastische Zufälle waren, die im 16. Jahrhundert den Aufstieg zur Weltmacht ermöglichten. So kam es zwar zur Doppelhochzeit von 1496/97 (Philipp der Schöne, der Sohn Maximilians I., heiratete im Herbst 1496 Johanna von Kastilien; während die Tochter Margarete im Gegenzug den Kronprinzen Juan heiratete). Doch zu diesem Zeitpunkt war keineswegs absehbar, dass innerhalb weniger Jahre alle spanischen Thronfolger sterben und der Erbanspruch auf die Kinder Philipps des Schönen und Johannas von Kastilien fallen sollten. Ähnlich unvorhersehbar war auch, dass Anna von Ungarn und Böhmen, die Gemahlin Erzherzog Ferdinands, durch den Tod ihres Bruders 1526 erbberechtigt wurde.
Keineswegs zufällig war jedoch, dass sich die habsburgische Machtbasis schon unter Rudolfs Nachfolgern nach Osten, in die Herzogtümer Österreich und Steiermark, später auch Kärnten, Krain und Tirol verschob. Und doch wäre eine Expansion in den Westen nicht unmöglich gewesen: Erst nach der Schlacht von Sempach 1386, in der die Eidgenossen über die Habsburger siegten, schwand der zuvor große Einfluss der Dynastie im Schweizer Raum.
Es war ein Aufstieg mit erheblichen, auch durch Erbteilungen verursachten Rückschlägen, der die frühe Geschichte der Habsburger kennzeichnet. Dennoch, eines wird beim Lesen der Beiträge des Bandes deutlich: Ohne die taktisch kluge Politik des ersten habsburgischen Königs wären die Habsburger kaum innerhalb nur einiger Jahrzehnte zu den wenigen königfähigen Geschlechtern des Heiligen Römischen Reichs aufgestiegen.





