Niclaus von Gerhaert hat in einem nur kurzen Zeitraum, wohl vom Ende der 1450er-Jahre bis 1467 von Straßburg und danach bis zu seinem Tod 1473 von Wiener Neustadt aus, die Bildhauerkunst nördlich der Alpen über Generationen hinweg maßgeblich verändert und geprägt. Über sein Leben sind in der Forschung kaum verlässliche Daten überliefert. Angenommen wird, dass er um 1430 im niederländischen Leiden geboren wurde. Auch über die Stationen seiner Lehr- und Gesellenzeit fehlt jede Nachricht. Doch weist einiges nach Burgund und in den südniederländisch-nordfranzösischen Raum. Dort könnte Gerhaert entscheidende künstlerische Erfahrungen gesammelt haben. Fassbar wird er erstmals 1462 mit dem signierten und datierten Grabmal für einen der einflussreichsten und bedeutendsten Männer seiner Zeit, Jakob von Sierck (1398/99–1456), Erzbischof und Kurfürst von Trier, Reichskanzler Kaiser Friedrichs III. und geschätzter Diplomat. Das Grabmal, von dem sich nur die Grabplatte erhalten hat, die sich heute im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum in Trier befindet, gehört zu den wenigen gesicherten Werken Gerhaerts. Wir wissen zwar, dass Gerhaert in Stein und Holz gearbeitet hat; gesicherte Werke haben sich jedoch nur in Stein erhalten: Neben der Grabplatte Jakob von Siercks sind das Teile des Portalschmucks der alten Kanzlei in Straßburg (1463) – davon befindet sich der Kopf der sogenannten „Bärbel von Ottenheim“ als einer der Höhepunkte spätmittelalterlicher Skulptur in der Sammlung des Liebieghauses –, das Epitaph des Kanonikers Busang im Straßburger Münster (1464), das Kruzifix in der Stiftskirche Baden-Baden (1467) und die Deckplatte des Grabmals von Kaiser Friedrich III. im Wiener Stephansdom (1467–1473).
Die Ausstellung bietet nun anhand von etwa 70 Skulpturen aus internationalen Sammlungen erstmals die Möglichkeit, für Gerhaert gesicherte wie ihm zugeschriebene Stein- und Holzbildwerke sowie Arbeiten aus seinem Umkreis und seiner Nachfolge einander realiter gegenüberzustellen und die in der jüngeren und jüngsten Forschung geäußerten Thesen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Bereits im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen haben Dr. Stefan Roller, Leiter der Mittelaltersammlung am Liebieghaus und Kurator der Ausstellung, und Dipl.-Rest. Harald Theiss, Leiter der Abteilung Restaurierung im Liebieghaus, mit Unterstützung eines international renommierten Expertenteams alle für Gerhaert gesicherten und die ihm plausibel zugeschriebenen Werke in Stein und Holz mit modernsten Forschungsmethoden untersucht und ausführliche kunsttechnische Befunde erstellt. Der Schwerpunkt der Forschungsarbeiten lag auf dem Entstehungsprozess der Skulpturen sowie ihrer farbigen Oberflächengestaltung. Mithilfe neuer kunsttechnologischer Erkenntnisse, welche die bisherigen kunsthistorischen Methoden produktiv ergänzen, konnte die Herkunft einiger bis dato diskutierter Arbeiten für Gerhaert und seine Werkstatt gesichert werden, während andere Skulpturen aus dem Œuvre ausgeschieden werden mussten.
Niclaus Gerhaerts Skulpturen vermitteln heute noch eindrücklich ihre innovative Qualität und künstlerische Kraft und lassen erkennen, warum der Bildhauer von so nachhaltiger Bedeutung war. Durch die handwerkliche Virtuosität der Ausführung, die Originalität der formalen Lösungen sowie die enorm räumliche Wirkung der Skulpturen, besonders aber die überraschende Lebendigkeit und berührende Lebensnähe der Figuren setzte er neue Maßstäbe. Die starke Zerklüftung der bearbeiteten Stein- oder Holzblöcke, die Forcierung von Durchbrüchen und Hinterschneidungen sowie der weitgehende Verzicht auf Anstückungen steigerte die konventionelle Bildhauertechnik ins hochgradig Virtuose. Nicht weniger charakteristisch für Niclaus Gerhaerts Arbeiten sind das eingehende Naturstudium und die getreue Wiedergabe zahlreicher Einzelheiten, wobei eine gewisse Nachlässigkeit in der Detailausarbeitung und der Behandlung der meisten Steinoberflächen, die mit einer sichtlich expressiv impulsiven Ausführung verbunden ist, für eine ganz eigene und für die Zeit ungewöhnlich spontane Wirkung sorgt. Vermutlich konnte Gerhaert dank eines gut eingespielten und erstklassigen Werkstattteams stets unter so guten Bedingungen arbeiten, dass es ihm möglich war, mehrere größere Aufträge parallel auszuführen und unkonventionelle künstlerische wie technische Lösungen zu entwickeln.





