Der Verfasser beherrscht die griffige Formulierung. Komplizierte technisch-wissenschaftliche Aspekte etwa der Zielauswahl oder Zielfindung werden prägnant und anschaulich geschildert. Manches gerät ihm allerdings überspitzt und salopp, worunter die Zuverlässigkeit leidet. Es schleichen sich Fehler ein, sowohl hinsichtlich der Datierung als auch bei technischen Fragen. Die „Kammhuber“-Linie etwa, der Riegel von Radargeräten zur Erfassung der Feindbomber und Führung der deutschen Jäger in Positionen, die einen Abschuß der Bomber ermöglichten, wurde nicht erst durch die Störung der deutschen Radargeräte mit Hilfe von „window“ genannten Dipolen (seit 25. Juli 1943) lahmgelegt, sondern schon vorher durch die Einführung des „Bomberstroms“: Die Masse der Bomber durchbrach den Radarriegel konzentriert an einer schmalen Stelle, an die dann nur eine völlig ungenügende Zahl von deutschen Jägern herangeführt werden konnte. Oder: Die Stadt Anklam fiel nicht „unbeabsichtigt“ der Zerstörung anheim, sondern war von vornherein Ausweichziel für den Fall, daß das dortige Flugzeugwerk nicht gefunden werden konnte.
So enthält das Buch manchen Irrtum und manche Unklarheit. Wichtige Literatur wurde nicht zur Kenntnis genommen, etwa Mierzejewskis „Bomben auf die Reichsbahn“, das die eminent wichtige Rolle der Zerstörung des Bahnverkehrs in der letzten Kriegsphase für den Zusammenbruch beleuchtet. Aufschlußreich wäre auch ein Blick in Richard Overys „Why the Allies Won“ (deutsch: „Die Wurzeln des Krieges“) gewesen, weil dort gezeigt wird, daß die Bombardierung von Zivilisten in Städten durchaus gewaltige negative Auswirkungen auf die deutsche Rüstungswirtschaft und die militärische Widerstandskraft hatte und von einem die Ethik ausklammernden Standpunkt für die Alliierten nicht „vergebens“ war. Man vermißt in dem Buch eine Analyse der dem Bombenkrieg zugrunde liegenden Überlegungen, die ja bei den Amerikanern und anfangs auch bei den Engländern keineswegs primär auf das Töten von Zivilisten abzielten. So wird zu wenig differenziert.
Der Bomber galt bei allen größeren Mächten als neue technische Waffe, deren Besitz einen nationalen Vorteil bedeutete. Vor allem sollte er es ermöglichen, den blutigen Stellungskampf des Ersten Weltkriegs durch Umfassung aus der Luft zu vermeiden. Abgesehen von den humanitären Grundauffassungen des Gewohnheitsvölkerrechts gab es für den strategischen Bombenkrieg noch kaum vertragliche Regelungen. Nicht alle Staaten übertrugen die einschlägigen Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung auf diese Art des Bombardements. Allgemein herrschte die Auffassung, daß militärisch relevante Ziele wie Fabriken und Kasernen in Städten im Rahmen der Verhältnismäßigkeit angegriffen werden durften.
Je länger der Zweite Weltkrieg andauerte, desto mehr trafen sich die Hauptluftmächte auf dem untersten gemeinsamen Nenner: dem des Terrorluftkriegs gegen die Zivilbevölkerung. Zuerst die Engländer, denn sie hatten es versäumt, Zielverfahren zu entwickeln, und konnten so, als sie bei Tage mit ihren Bombern nicht mehr durchdrangen, nachts keine spezifizierten Ziele, sondern – wenn überhaupt – nur Städte treffen. Als einzige Luftmacht kannten sie zudem in ihrer Doktrin – jedoch auf die Kolonien bezogen – die Bekämpfung von Zivilisten aus der Luft, allerdings nach vorheriger Warnung, die aber nicht immer rechtzeitig bekannt wurde.





