Als der große Alexander 323 v. Chr. im Alter von nur 32 Jahren starb, hatte er in einem Jahrzehnt ununterbrochener Kämpfe ein Weltreich erobert. Es wurde hauptsächlich durch seine Person und das makedonische Heer zusammengehalten. Vor den diszipliniert operierenden Phalangen mit ihren scheinbar unüberwindbaren Sarissen, den baumlangen Stoßlanzen, hatte fast der gesamte bekannte Erdkreis seinen Nacken gebeugt. Das unerwartete Ableben des jungen Königs stürzte sein Riesenreich in eine tiefe Krise. Alle seine Generäle, durstig nach legitimer Nachfolge, verstrickten sich deshalb in ein Gerangel um seinen Leichnam.
Eigentlich sollte der tote Makedonenkönig auf eigenen Wunsch in Siwa bestattet werden. In diese ägyptische Oase hatte sich Alexander begeben, um sich vom Orakel des Gottes Zeus-Ammon als dessen Sohn und Weltenherrscher bestätigen zu lassen. Doch nicht nur sein General Perdikkas hatte andere Pläne: Ptolemaios, dem aus Alexanders Reich Ägypten zugefallen war, fing den aus dem Sterbe‧ort Babylon kommenden Leichenzug – an der Spitze seines Heeres reitend – ab und brachte ihn nach Memphis, in die Hauptstadt seiner Satrapie. Er brauchte den Leichnam, um einen Legitimitätsvorsprung vor den anderen Diadochen zu haben, sich der königs‧orientierten ägyptischen Priesterkaste als Nachfolger des legitimen Pharaos Alexander zu empfehlen.
Der genarrte Perdikkas führte sogar einen Krieg wegen des herrschaftverheißenden Pfandes, doch verlor er dabei Schlacht und Leben. Der erfolgreiche Ptolemaios hinge-gen begründete in Ägypten die gleichnamige hellenistische Pharaonendynastie, deren letzter Spross Kleopatra VII. später das Nilreich an Rom verlor. Der griechische Geograph Strabon ahnte wohl die Zusammenhänge, denn er berichtet beiläufig in seiner zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. verfassten Landeskunde der Antike, als er auf Alexandria zu sprechen kommt, dass der Leichnam Alexanders des Großen aus Habsucht – und „um Ägypten zu gewinnen“ – entwendet worden sei.
Zunächst blieben Alexanders sterbliche Überreste in Memphis. Was hier geschah, wissen wir nicht genau. Pausanias, der in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. seine Reisen in Griechenland beschrieb, vermerkt als einziger Autor, dass Alexander in Memphis nach „makedonischer Sitte“ bestattet worden sei. Was könnte er damit gemeint haben? Waren die Ägypter, die ihre Toten unverbrannt bestatteten, mit der „makedonischen Sitte“ der Leichenverbrennung konfrontiert worden? Oder bedeutet es nur, dass die Begräbnisrituale einfach anders, eben nicht ägyptisch, waren? Wir wissen es nicht.
Der Leichnam des Herrschers muss später nach Alexandria gelangt sein, wann genau, ist umstritten. Dort wurde neben dem lokalen Kult des Stadtgründers noch ein Reichskult des Gottes Alexander begründet. Kultort war das als Grabstätte erbaute Heiligtum, und als Priester handelten hohe Beamte und die Ptolemäer selbst. Unter Ptolemaios IV. Philopator wurde dann in der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts eine Grablege geschaffen, die die Ptolemäergräber und das Alex‧ander-Grab zu einem Komplex verband.





