von FELIX MELCHING
Für die Buchmacher war es eine ausgemachte Sache: Als 8 zu 1-Favorit hatten sie Weltmeister Liston, der zuvor Floyd Patterson in Hin- und Rückkampf jeweils in der ersten Runde k.o. geschlagen hatte, in den Kampf gegen Cassius Clay geschickt. Auch Experten hatten bezweifelt, dass Clay gegen den als harten Puncher gefürchteten Weltmeister eine Chance haben würde.
Doch der Herausforderer gab sich optimistisch, geradezu großmäulig, wie es seine Art war: „Ich werde Liston mit so vielen Schlägen aus so vielen Winkeln treffen, dass er glauben wird, er sei umzingelt. Ich will nicht nur Weltmeister sein, ich will Meister des Universums sein. Nachdem ich Liston verprügelt habe, werde ich mir die kleinen grünen Männchen von Jupiter und Mars vornehmen. Und ich werde keine Angst vor ihnen haben, denn sie können nicht hässlicher als Liston sein.“ Und er gab eine Prognose über den Kampfverlauf ab: „Ich werde den hässlichen Bären fünf Runden lang umkreisen … Wenn er in der sechsten müde wird, werde ich anfangen, auf ihn einzuhämmern … Er wird frustriert sein, er wird müde und nervös werden.“
Tatsächlich dauerte es nur drei Runden, bis Liston gegen den zwölf Jahre jüngeren und viel schnelleren Herausforderer spürbar die Puste ausging. Nachdem er auch bis zur sechsten Runde kaum einen Treffer hatte landen können, blieb Liston nach der Pause einfach auf seinem Hocker sitzen und gab auf. Auch beim Rückkampf im Mai 1965 blieb er chancenlos. Nach nur 104 Sekunden landete Ali den entscheidenden Schlag, eine harte, über die vorstoßende linke Führhand Listons geschlagene Rechte, die viele Zuschauer gar nicht wahrnahmen und die daher als „Phantom Punch“ in die Boxgeschichte einging.
Im Amateurbereich hatte Clay einst alles gewonnen, was man gewinnen konnte. Nach jeweils zwei nationalen Titeln beim prestigereichen „Golden-Gloves“-Turnier und den amerikanischen Amateurmeisterschaften gewann er 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom die Goldmedaille im Halbschwergewicht. Dennoch hatten viele Experten Zweifel, dass er den Sprung zu den Profis schaffen würde. Die Qualität von Beinarbeit und Reflexen stand außer Frage, doch Clays Deckung war stets offen, und viele fragten sich, ob er die Nehmerqualitäten und Schlaghärte mitbringen würde, die im Berufsboxen unabdingbar war.
Als Clay gegen Liston antrat, waren diese Zweifel noch nicht verstummt. Clays Trainer Angelo Dundee hatte bis dahin alle Gegner sorgfältig ausgewählt und um mögliche Stolpersteine einen weiten Bogen gemacht. Und Clay hatte seinerseits zwar alle Kämpfe souverän gewonnen, oft vor dem Kampf gar die Runde des Knockouts korrekt angesagt, doch sowohl die Kontrahenten Sonny Banks als auch Henry Cooper hatten ihn mit einzelnen harten Treffern auf die Bretter geschickt.





