Nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem brachen für die Juden in der Diaspora schwere Zeiten an. Neben Konflikten mit Römern und Griechen gab es auch innerjüdische Auseinandersetzungen. Desaströs wirkte sich der große Aufstand in der Zeit des Kaisers Trajan aus.
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von HOLGER SONNABEND
Die dramatischen Ereignisse von 70 n. Chr. weckten bei den Juden von Babylon Erinnerungen an lange zurückliegende, aber noch sehr präsente Zeiten. Die Römer hatten Jerusalem erobert und den Tempel zerstört, so wie Jahrhunderte zuvor, im Jahr 587 v. Chr., der babylonische König Nebukadnezar II. Damals hatte die Geschichte der jüdischen Diaspora in Mesopotamien begonnen, als Tausende von Angehörigen der Oberschicht in die Stadt am Euphrat deportiert worden waren. Das erzwungene Exil endete, als die Perser die Macht im Orient übernahmen. Sie erlaubten den Juden den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem.
Doch viele der deportierten Juden kehrten nicht zurück, sondern blieben in der ihnen inzwischen vertrauten Fremde. Auch in der folgenden Zeit bildete Babylon unter den wechselnden Herrschaften der Perser, Makedonen und Parther eines der wichtigsten Zentren der jüdischen Diaspora. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer und der Verlust der Heimat führten dazu, dass sich in einem massiven Schub viele Juden in Babylon und anderen Städten des Zweistromlandes ansiedelten.
In Babylonien sind die Geflüchteten sicher – vor Rom insgesamt und vor der neuen Sondersteuer
Babylon und Babylonien waren als Ziele jüdischer Migration nicht nur wegen der Tradition und der wirtschaftlichen Attraktivität begehrt, sondern auch, weil sie außerhalb des Römischen Reiches lagen. Der Euphrat bildete die Grenze zwischen dem römischen Imperium und dem Reich der Parther. Hier waren die Emigranten vor dem römischen Kaiser und seinen Legionen sicher. Unter den Königen aus der Dynastie der Arsakiden genossen ihre Gemeinden in politischer, wirtschaftlicher und religiöser Hinsicht relativ viel Gestaltungsfreiheit. Sie profitierten dabei auch von der Konkurrenzsituation zwischen den beiden Supermächten. Die Arsakiden nutzten die Gelegenheit, sich gegenüber den römischen Rivalen, die Jerusalem und den Tempel zerstört hatten, als Garanten religiöser Freiheit zu profilieren und im Wettbewerb mit Rom Pluspunkte zu sammeln.
Verschont blieben die babylonischen Juden auch von einer Sanktion, die Kaiser Vespasian gleich nach dem Fall von Jerusalem in Kraft setzte. Bis zum Jahr 70 n. Chr. hatten alle Juden, sowohl die in der Heimat Judäa als auch in der Diaspora, eine jährliche Steuer gezahlt, die direkt an die Tempelverwaltung in Jerusalem ging. Damit bekundeten die Juden in aller Welt ihre Solidarität und ihre Verbundenheit mit ihrem religiösen Zentrum. Mit der Zerstörung des Tempels erübrigten sich diese Zahlungen. Stattdessen verlangte Vespasian von allen Juden nun eine jährliche Sondersteuer in Höhe von zwei Denaren, den sogenannten fiscus Iudaicus. Diese wurde dazu verwendet, den Tempel des Jupiter auf dem Kapitolshügel in Rom wieder aufzubauen, der kurz zuvor niedergebrannt war.
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In praktischer Hinsicht änderte sich mit dieser Maßnahme nur der Verwendungszweck der auch bisher bereits von den Juden gezahlten Steuer. Dass die Abgabe nun aber nicht mehr nach Jerusalem, sondern nach Rom floss, war eine jener gezielten Demütigungen und Provokationen, mit denen es die römische Politik immer wieder schaffte, für Unruhe zu sorgen und die Juden gegen sich aufzubringen. Besser hatten es die Juden von Babylon. An den Zahlungen für den Tempel in Jerusalem hatten sie sich selbstverständlich beteiligt. Da die Römer über sie aber keine Verfügungsgewalt hatten, musste der Jupiter am Tiber ohne Beiträge von den Ufern des Euphrat auskommen.
Im Exil in Ägypten treten besonders viele Gegensätze hervor
Anders verhielt es sich mit den Juden in Ägypten. Schon seit biblischen Zeiten war das reiche Land am Nil Ziel jüdischer Migration, wobei die Überlieferung, beginnend mit Moses und dem „Auszug aus Ägypten“, mit vielen Mythen und propagandistischen Tendenzen behaftet ist. Fakt ist, dass Alexandria, die Gründung Alexanders des Großen und Hauptstadt des ptolemäischen Ägypten, seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. zum wichtigsten Zentrum der jüdischen Diaspora wurde. Als 30 v. Chr. die Römer die Herrschaft in Ägypten übernahmen, lebten dort schätzungsweise eine Million Juden, die meisten in der pulsierenden Hafenstadt Alexandria, wo die Juden zwei der fünf Stadtviertel bevölkerten, jedoch keine Ghettos bildeten. In der Stadt arbeiteten sie als Handwerker oder Händler, auf dem Land als Bauern oder Soldaten. Politisch waren sie in Politeumata organisiert. So nannte die hellenistische Verwaltung ethnische Minoritäten, denen eine begrenzte kommunale Autonomie zugestanden wurde. In Alexandria und anderen Städten Ägyptens waren Synagogen Mittelpunkte des religiösen Lebens.
Mit der Machtübernahme der Römer und mit dem in der Zerstörung Jerusalems und des Tempels gipfelnden Jüdisch-Römischen Krieg 66 bis 70 n. Chr. wandelten sich auch die politischen und sozialen Verhältnisse in den jüdischen Diaspora-Gemeinden. Das war ein allgemeines Phänomen, betraf also auch die Juden in Kleinasien, Syrien, Nordafrika, auf Zypern oder Rhodos. Doch am schwierigsten gestaltete sich die Situation im Schmelztiegel Alexandria. Hier gab es verschiedene Konfliktlinien, die sich immer wieder in Unruhen entluden und die Alexandria zu einem besonders heißen Pflaster unter den Diaspora-Städten machte.
So bildeten die Juden, wie in ihrer Heimat, keine einträchtig-homogene Masse. Es gab soziale, wirtschaftliche und vor allem auch kulturelle Gegensätze. Es kollidierte die Neigung vieler meist gebildeter Juden, sich den Lebensgewohnheiten der fremden Umgebung anzupassen, mit dem Wunsch vieler anderer Juden nach Isolation und Abschottung, um auch und gerade in der Fremde die eigene Identität zu wahren. Das war ein Konflikt, dem die Juden auch in Palästina unter den hellenistischen Fremdherrschern ausgesetzt gewesen waren.
Die Traditionalisten wehrten sich gegen alles Neue und pflegten geradezu demonstrativ die alten Sitten und Gebräuche. Die Modernisten verlernten die eigene Sprache, redeten untereinander Griechisch, besuchten Gymnasien und Symposien und verehrten alles, was griechisch und nicht jüdisch war. Reiche jüdische Geschäftsleute wiederum sahen in den Griechen wirtschaftliche Konkurrenz. Der Streit um Handelsprivilegien war bereits in ptolemäischer Zeit ein Dauerthema und sorgte auch unter den Römern für Zündstoff.
Schließlich verschärften die Ereignisse von 70 n. Chr. den schon seit langer Zeit schwelenden Konflikt zwischen Juden und Römern. Anders als die Ptolemäer betrieben die Römer in Ägypten von Anfang an eine judenfeindliche Politik. Den Römern, bei denen Ordnung und Transparenz ganz oben auf der politischen Agenda standen, waren die jüdische Religion und die damit verbundenen, ihnen mysteriös vorkommenden Rituale ein Dorn im Auge. Entsprechend negativ fielen ihre Urteile über die Juden aus, und entsprechend groß war das Misstrauen.
Auch in der Diaspora ließen die römischen Repräsentanten keine Gelegenheit aus, Juden zu provozieren. Anders als die Ptolemäer gewährten sie ihnen in Ägypten nicht die rechtliche Gleichstellung mit den Griechen. Für die Römer waren die Juden Fremde und Ausländer. Erstmals war es 38 n. Chr. in Alexandria zu gewaltsamen Auseinandersetzungen als Folge der Gegnerschaft von Griechen und Juden gekommen, die von Seiten Roms mit Pogromen gegen die Juden sanktioniert wurden. Zeitgleich mit dem Ausbruch des Krieges in Judäa kam es 66 n. Chr. zu einem weiteren Aufstand der Juden, der von den Römern blutig niedergeschlagen wurde.
Eine antijüdische Stimmung und Uneinigkeit unter den Juden selbst
„Der Krieg hatte auch zur Folge, dass die Juden überall, auch in weiter Ferne, die Wirren zu spüren bekamen und in Gefahr gerieten.“ So schreibt am Ende seines Geschichtswerkes über den Jüdischen Krieg der jüdische Historiker Flavius Josephus mit Blick auf die Konsequenzen der Ereignisse in Judäa für die Diaspora-Juden. Tatsächlich breitete sich, jedenfalls innerhalb der Grenzen des Römischen Reiches, eine antijüdische Stimmung aus, die nicht zuletzt von den offiziellen römischen Instanzen geschürt wurde – auch dadurch, dass massenhaft Münzen in Umlauf gebracht wurden, die einen gefangenen Juden und eine trauernde Jüdin als Bildmotiv zeigten, dazu die triumphierende Aufschrift Iudaea Capta – „das eroberte Judäa“. Diese für die Juden schwierige Situation führte zu zwei unterschiedlichen Reaktionen: bei den einen zu Radikalisierung, bei den anderen zu Anpassung.
Wie so etwas konkret aussehen konnte, zeigte sich bereits kurz nach dem Fall von Masada im Jahr 73 n. Chr. Schauplatz war einmal mehr die stets brodelnde Metropole Alexandria. Hierher flüchtete aus dem von den Römern besetzten Judäa eine Gruppe von jüdischen Sikariern. Diese „Dolchträger“ waren im Jüdischen Krieg der militante Arm der politisch aktiven Zeloten gewesen. Den Juden von Alexandria teilten die Neuankömmlinge ihre radikalen Pläne mit: einen Umsturz mit dem Ziel, Alexandria von den Römern zu befreien und eine Theokratie, eine Herrschaft ihres Gottes, zu installieren. Als sie keinen Anklang fanden, kam es zum Eklat, indem die Sikarier einige ihrer Widersacher töteten – ein Beleg dafür, dass die innerjüdischen Konflikte in der Diaspora nun auch mit Gewalt ausgetragen wurden.
Die Vorsteher der jüdischen Gemeinde beriefen daraufhin eine Versammlung ein, und man beschloss, die Sikarier den römischen Behörden auszuliefern, was für die Extremisten das sichere Todesurteil bedeutete. Josephus, immer gezwungen, den Spagat zwischen jüdischer Identität und Loyalität gegenüber den Römern zu bewältigen, kommentiert diesen Vorgang mit den Worten, die Mehrheitsjuden seien bestrebt gewesen, sich durch die Auslieferung der Unruhestifter bei den Römern beliebt zu machen.
Es gab, wie der Vorgang deutlich zeigt, in den Diaspora-Gemeinden heftige Diskussionen über den richtigen Kurs nach der Katastrophe von 70 n. Chr. Pragmatikern, die sich für einen realistischen Weg der Anpassung an die Verhältnisse aussprachen, standen radikale Gruppen gegenüber, die dafür plädierten, den Kampf für die Freiheit umso heftiger fortzusetzen.
Auch Rom war in dieser Phase nervös, traute der angespannten Ruhe nicht, die in Judäa und den Diaspora-Gebieten herrschte. Der Statthalter von Ägypten setzte Kaiser Vespasian über die Vorgänge in Alexandria in Kenntnis. Dieser fürchtete, wie der gut informierte Historiker Josephus mitteilt, die Juden könnten sich wieder zu einer größeren Bewegung zusammenschließen und auch andere Völker zum Abfall von Rom ermutigen. Noch im Zerstörungsmodus befindlich, ordnete der Kaiser an, einen jüdischen Tempel im östlichen Nildelta (heute Tell el-Yahudiyeh, „Hügel der Juden“) dem Erdboden gleichzumachen.
Das Heiligtum war im 2. Jahrhundert v. Chr. von einem jüdischen Hohepriester mit Genehmigung der Ptolemäer errichtet worden. Für die Diaspora-Juden in Ägypten war der Kultort ein wichtiger religiöser Bezugspunkt. Wie in Jerusalem vergaßen die römischen Zerstörer nicht, zuvor noch die wertvollen Weihegeschenke zu entwenden. Besser wurde dadurch nichts: Die Angepassten hatten es nach solchen Aktionen schwer, für ihre moderate Haltung Argumente zu finden, und bei den Radikalen wurde der Unmut nur noch gesteigert.
Gescheiterte Erhebung wird von Rom brutal geahndet
Dass bei den innerjüdischen Gegensätzen neben politischen und kulturellen Faktoren auch wirtschaftliche und soziale Aspekte eine Rolle spielten, beweist im gleichen zeitlichen Kontext ein spektakulärer Vorgang in der Ägypten westlich benachbarten Kyrenaika (Landschaft im heutigen Libyen). In der von Griechen gegründeten Stadt Kyrene und deren Umland lebten traditionell viele Juden, darunter solche, die zu Wohlstand gelangt waren, aber auch etliche, die auf der ökonomischen Erfolgsskala sehr weit unten rangierten.
Auslöser der aktuellen Unruhen war ein Weber namens Jonathan, von Flavius Josephus sicherheitshalber als „verkommener Mensch“ charakterisiert, um bei dem Lesepublikum gar nicht erst den Anfangsverdacht aufkommen zu lassen, der Protagonist des Aufstandes habe etwa hehre Motive gehabt. Er scharte, wie Josephus weiter berichtet, „eine ansehnliche Zahl von Besitzlosen“ um sich, ging mit ihnen in die Wüste und versprach ihnen dort „Wunderzeichen und allerhand Erscheinungen“.
Anscheinend versuchte Jonathan, Gefolgschaft durch messianische Versprechungen zu gewinnen, wie es in der Geschichte der Juden immer wieder vorgekommen war. Und er wusste auch, dass gerade die ärmeren Schichten für derlei Vorstellungen empfänglich waren und es bei ihnen eine hohe Akzeptanz für revolutionäre Ideen gab. Keine Begeisterung löste der rebellische Weber indes bei den vermögenden Juden aus, die dem Beispiel der reichen Juden von Alexandria folgten und die Verschwörung den römischen Behörden meldeten, um nicht selbst in den Strudel dieses ohnehin aussichtslosen Unternehmens gezogen zu werden. So brach der Aufstand in sich zusammen, bevor er überhaupt begonnen hatte.
Allerdings nahmen die Dinge noch eine dramatische Wendung. Der verhinderte Messias Jonathan wurde nach einer intensiven Fahndung von den Römern verhaftet und behauptete nun, von den reichen Juden zu seiner Tat angestiftet worden zu sein. Der römische Statthalter ließ daraufhin 3000 Juden töten und ihr Vermögen konfiszieren.
In Rom hatte man nach dem Ende des Krieges in Judäa stets ein wachsames Auge auf das, was sich in den jüdischen Diaspora-Gebieten abspielte. Kaiser Vespasian höchstpersönlich nahm sich der Angelegenheit an, setzte einen Untersuchungsausschuss ein, sorgte nach dessen Bericht für die Freilassung von zu Unrecht der Konspiration gegen Rom beschuldigten Juden in Alexandria und Rom und sprach über den Weber Jonathan das Todesurteil aus. Der römische Statthalter kam mit einer Rüge davon, starb aber bald darauf, wie Josephus ganz am Ende seines Geschichtswerkes nicht ohne Genugtuung erzählt, qualvoll an einer Krankheit.
Gut 40 Jahre lang blieb es danach in der Diaspora ruhig. Doch es war eine trügerische Ruhe. Unter der Oberfläche rumorte es weiter. Keines der Probleme, weder die internen Auseinandersetzungen noch das fragile Verhältnis zwischen Juden und Griechen und Juden und Römern, war gelöst. Es bedurfte nur eines Anlasses zu einer erneuten Eskalation der Gegensätze. Diese Situation trat ein, als der römische Kaiser Trajan 114 n. Chr. einen Feldzug gegen die Supermacht der Parther startete, als Teil einer weitreichenden imperialen Konzeption, die dazu führte, dass große Teile des Vorderen Orients zeitweise unter römische Herrschaft kamen.
Der Diaspora-Aufstand endet mit Flucht und Vertreibung
Zeitgleich brach, einem Flächenbrand ähnlich, in den jüdischen Diaspora-Gebieten eine ganze Serie von blutigen Aufständen aus, die alles bis dahin Gewesene in den Schatten stellte. Die zeitliche Parallele zur Trajan-Expedition war kein Zufall: Die radikalen Juden nutzten für ihren Widerstand die Abwesenheit des Kaisers und die Bindung der militärischen Kräfte in dem Krieg gegen die Parther. Zudem bedeutete der Schritt über den Euphrat eine elementare Gefahr für die Juden in Mesopotamien, die ihren Schutzstatus außerhalb des Römischen Reiches, unter der Ägide der Parther, zu verlieren drohten.
Der Aufstand begann 115 n. Chr. in der Kyrenaika, breitete sich von dort nach Ägypten und Syrien aus, erreichte die Insel Zypern und erfasste schließlich Babylonien, wo sich der Kampf der Juden gegen die römischen Invasoren mit den messianischen Zielen der Protagonisten verband. Zehntausende waren an den bewaffneten Aktionen beteiligt, ein deutliches Indiz dafür, dass es sich nicht nur um einen Aufstand der Armen handelte, sondern dass auch beträchtliche finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Wie es aussieht, verbanden sich die religiösen Motive der Radikalen mit den Interessen der Wohlhabenden, die in dem Aufstand eine Gelegenheit sahen, die wirtschaftliche Konkurrenz der Griechen auszuschalten. Das Netzwerk der Diaspora-Juden sorgte darüber hinaus für eine gut funktionierende Kommunikation zwischen den einzelnen Aufstandsgebieten.
In Kyrene war es ein Jude namens Lukas (in manchen Quellen auch Andreas genannt), der zum Fanal blies. Propagandistisch wirkungsvoll, stilisierte er sich selbst als Messias, mit dem Anspruch, die Juden in den Kampf gegen Griechen und Römer zu führen und das erträumte Königreich der Juden zu realisieren, mit der finalen Aussicht auf die Auferstehung der Toten und der Neuerschaffung von Himmel und Erde.
Der Kampf wurde erbittert und mit großer Brutalität geführt, auch wenn die überwiegend griechischen und römischen Quellen sich nicht gerade durch eine objektive Haltung auszeichnen. So berichtet der Historiker Cassius Dio, in Kyrene seien aufgrund der jüdischen Aktionen 220 000 Menschen ums Leben gekommen, eine Zahl, die sicher zu hoch gegriffen ist. Archäologisch und anhand von Inschriften ist jedoch nachweisbar, dass massenhaft Tempel, Wohnhäuser und öffentliche Gebäude zerstört wurden.
Von Kyrene aus führte Lukas seine jüdischen Mitstreiter nach Ägypten. Etwas später schwappte die Welle des Aufstands auf Zypern und Mesopotamien über. Auf der Insel gingen die Aufständischen rigoros gegen die Griechen vor und zerstörten die Stadt Salamis. Zwischen Euphrat und Ti-gris schlossen sich die Juden einem allgemeinen Widerstand gegen die römischen Angreifer an.
Rom mobilisierte trotz des laufenden Krieges gegen die Parther die noch verfügbaren Kräfte. Der Aufstand wurde an allen Schauplätzen genauso brutal niedergeschlagen. Eine große Zahl von Juden wurde getötet, ihr Vermögen konfisziert.
Wer überlebte, versteckte sich oder floh Richtung Westen, nach Griechenland, Italien, Spanien, später auch Germanien. Drei Jahre nach Beginn der Rebellion existierte im Osten praktisch keine sichtbare jüdische Diaspora mehr, außer in jenen Regionen, die an dem Krieg nicht direkt beteiligt gewesen waren. So gab es im lydischen Sardes, im westlichen Kleinasien, eine Synagoge, die 1000 Menschen Platz bot und die bis ins 7. Jahrhundert hinein in Betrieb war.
Der große Diaspora-Krieg endete 117 n. Chr. Im selben Jahr starb Kaiser Trajan, und mit ihm wurden die hochfliegenden Eroberungspläne im Orient aufgegeben. Babylon blieb frei von römischer Herrschaft und entwickelte sich in der Folgezeit zu einem Refugium für verfolgte und vertriebene Juden aus dem Imperium.
Noch eine Niederlage: der Kampf unter Simon Bar Kochba
Trajans Nachfolger Hadrian setzte aufgrund der Erfahrungen seines Vorgängers auf eine restriktive Politik gegenüber den Juden. Sein Plan, aus den Trümmern des zerstörten Jerusalem eine griechisch-römische Stadt mit dem Namen Aelia Capitolina (eine Kombination aus Aelius, dem Familiennamen Hadrians, und dem Kapitolshügel mit dem Tempel des Jupiter in Rom) auferstehen zu lassen, war unmittelbarer Anlass für einen letzten großen Aufstand der Juden in der Antike. Er fand in Judäa statt, dauerte von 132 bis 135 und lief nach dem Muster der Diaspora-Aufstände ab: Ein charismatischer, religiös inspirierter Anführer mit dem Kampfnamen Simon Bar Kochba („Sternensohn“ – eine Anspielung auf eine messianische Prophezeiung der Tora) mobilisierte die Massen im Kampf für Freiheit gegen die römischen Besatzer, nannte sich auf Münzen und Papyri „Fürst von Israel“. Doch letztlich war es ein Kampf David gegen Goliath, religiöser Fanatismus hatte keine Chance gegen die römische Militärmaschinerie. Es folgte ein grausames Strafgericht der Sieger.
Wieder gab es einen Exodus. Viele Juden suchten den Weg nach Europa. In den Diaspora-Gebieten des Ostens, wo die wenigen verbliebenen Juden in der Öffentlichkeit praktisch nicht mehr präsent waren, regte sich gegen Ende des 2. Jahrhunderts jedoch wieder ein gemeindliches Leben. Doch niemand konnte die Katastrophen vergessen, von denen sie in den Jahrzehnten zuvor getroffen worden waren.
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