Das Projekt vertritt einen hohen Selbstanspruch: Von der Genie-Ästhetik, mit der man die Werke des Meisters zu betrachten pflegt, wenden sich die Ausstellungsmacher und Wissenschaftler ab; sie führe zu einer Isolation des künstlerischen Werks. Stattdessen beleuchten sie den geschichtlichen Kontext: Unter welchen Lebensumständen schuf der Meister seine Werke? Welche Einflüsse prägten ihn? Wie konnte der Sohn eines Goldschmieds zu einem der größten Maler werden, der als erster deutscher Künstler mit seinen Gemälden, Zeichnungen, Kupferstichen und Holzschnitten bereits zu Lebzeiten europaweit auf Anerkennung stieß? Lässt sich die Entstehung seiner Kunstwerke nachvollziehen? Und schließlich: Warum malte der Meister eigentlich? Solche und andere Fragen, mit denen sich das interdisziplinär und international ausgerichtete Forscherteam in dreijähriger Arbeit beschäftigte, eröffnen ganz neue Perspektiven auf dieses herausragende Werk. Denn die traditionelle Dürer-Forschung beschäftigt sich seit 150 Jahren vor allem mit Werkzuschreibungen und Datierungsfragen. Hier stünde, so Projektleiter Daniel Hess, Expertenmeinung gegen Expertenmeinung, ohne neue Erkenntnisse zutage zu fördern.
Die große Nürnberger Ausstellung beleuchtet auf der Grundlage dieses Forschungsprojekts Dürers Leben und Schaffen vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Nürnbergs, das Ausstellungskoordinator Thomas Eser zufolge einen „idealen Nährboden“ für die Entwicklung Dürers bildete. Anhand von archivalischen und biografischen Untersuchungen konnte das Lebensumfeld des Goldschmiedesohns rekonstruiert werden: „Humanistische Bildung“, „Antikenverehrung“ und „Italienerfahrung“ spielten bei den Nachbarn der Familie Dürer eine zentrale Rolle, so dass sich der junge Albrecht in einem nahezu idealen Milieu künstlerisch entfalten konnte. Die zahlreichen bildlichen und schriftlichen Selbstzeugnisse des Meisters zeigen, dass er das „Ich“ zum Thema seiner Kunst machte. Die Darstellung des „Ich“ ist aber nicht nur ein Charakteristikum Dürers, sondern muss auch an eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung rückgekoppelt werden. Die auffällig vielen autobiografischen Dokumente, die aus dem späten 14. und frühen 15. Jahrhundert erhalten geblieben sind, zeugen von einer Selbstentdeckung und Selbstdarstellung einer dynamischen Nürnberger Mittelschicht. Die Tendenz zur Individualisierung zeigt sich auch bei anderen Künstlern, die mit Datierung und Signierung ihrer Kunstwerke nun ihre Autorschaft markierten.
Dürer etablierte die Druckgrafik, die im Spätmittelalter traditionell zur Illustration von Büchern eingesetzt wurde, als eigenständige Kunst. Sein berühmter Holzschnitt „Die vier apokalyptischen Reiter“ von 1497/1498 gibt einen Eindruck vom dramatisch-erzählenden Duktus, der für die Druckgrafik des Meisters kennzeichnend ist. Seinem künstlerischen Selbstanspruch, dass Kunst „gewaltig“ sein müsse und er selber „inwendig voller figur“ sei, werden diese frühen Werke zweifellos gerecht. Drucktechnische Neuerungen begünstigten allerdings die phänomenale Wirkung seiner Blätter, die der Meister auch geschickt zu vermarkten wusste. Die dramatische Erzähl- und Darstellungskunst ist vor dem Hintergrund von zeitgenössischen literarischen Diskursen zu verstehen, denn zwischen Dürers Bildkompositionen und der Erzähltheorie der damaligen Poetik lassen sich durchaus Parallelen bilden.





