Als der Caesar Julian, der seinen Vetter, Kaiser Constantius II., offen herausgefordert hatte, durch dessen plötzlichen Tod auf den Kaiserthron kam, erlebte das Römische Reich den Versuch, die Christianisierung umzukehren. Dem Philosophen Julian schwebte die Rückkehr der alten Götter vor, deren Gunst er auch auf seiner Seite wähnte, als er gegen das Perserreich zog.
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Mitte des 4. Jahrhunderts war das kappadokische Caesarea eine stark christlich geprägte Stadt. Die Christianisierung des Römischen Reiches, die seit der Herrschaft Kaiser Konstantins (306 –337) nicht mehr gegen den Willen, sondern mit ausdrücklicher Unterstützung der Herrschenden voranschritt, war hier beinahe zum Abschluss gekommen. Zeus- und Apollon-Tempel waren beide Opfer der antiheidnischen Politik Kaiser Constantius’ II. (337–361) geworden. Und auch im Jahr 362 war erneut ein Tempel zerstört worden; diesmal allerdings unter gänzlich anderen Vorzeichen. Als Fanatiker das letzte große Heiligtum Caesareas, den Tempel der Fortuna, anzündeten, trieb sie nicht der Siegesrausch, sondern der Wille zum Widerstand. Dieser Widerstand galt dem neuen Kaiser Julian, der im Vorjahr den Kaiserthron bestiegen hatte. Mit Julian, so hofften seine Gefolgsleute und fürchteten seine Feinde, würde eine neue Epoche ihren Anfang nehmen: die Restauration des Heidentums.
Als Julian nun Caesarea besuchte, bestrafte er die Stadt mit aller Härte – für die Zerstörung des Tempels, aber auch für die Entwicklung der letzten Jahre, für die Abkehr von den alten Göttern: Er nahm ihr den Ehrentitel; Caesarea durfte nicht mehr Caesarea, also „Kaiserstadt“, heißen, sondern musste wieder ihren alten Namen Mazaka tragen. Sämtlicher Kirchenbesitz in der Stadt wurde eingezogen; dazu kamen hohe Strafzahlungen. Doch das war noch nicht alles: Der gesamte Klerus wurde zum Kriegsdienst eingezogen; die christliche Stadtbevölkerung sollte von nun an den Steuersatz der Landbevölkerung zahlen, was neben der finanziellen Belastung eine weitere Demütigung mit sich brachte, da Julian das herabgesetzte Caesarea/Mazaka damit zu einem Dorf erklärte. Zuletzt wurde den Erniedrigten befohlen, die heidnischen Tempel wiederaufzubauen. Der Kaiser hatte gezeigt, dass er sich von christlichem Widerstand nicht beeindrucken ließ. Dennoch sollten diejenigen, die Julians Politik bejubelten, schon bald enttäuscht werden, denn seit der Kaiser mit der Vorbereitung eines großen Krieges im Osten begonnen hatte, befand er sich auf dem Weg in den Untergang.
Dass Julian überhaupt an der Spitze des Römischen Reiches stand, hätte noch wenige Jahre zuvor wohl niemand vorhersehen können. Sein Vater, Julius Constantius, ein Halbbruder Kaiser Konstantins, war nach Konstantins Tod ermordet worden. Da war Julian sechs Jahre alt gewesen. Vermutlich hatte Konstantins Sohn Constantius dahintergesteckt, der die Seitenlinien der Familie aus dem Weg räumen wollte. Der kleine Julian, nun Vollwaise, wurde gemeinsam mit seinem älteren Halbbruder Gallus nach Nikomedia (in der heutigen Türkei) gebracht, wo er bei einem entfernten Verwandten, dem Bischof Eusebios, aufwuchs. Christliche Lektüre bestimmte seine dortige Erziehung, und möglicherweise wurde er von Eusebios auch getauft.
Schließlich erfolgte die Rückkehr in die Hauptstadt, nach Konstantinopel, wo Julian nun bei den Eltern seiner Mutter leben konnte und wo man ihn in die Obhut des gotischen Eunuchen Mardonios gab. Dieser war ein meisterlicher Kenner griechischer Dichtung und Philosophie und wurde für den jungen Julian zu einem äußerst einflussreichen Lehrmeister. Er brachte ihm bei, sich vollständig in Bücher zu vertiefen und alle anderen Eindrücke abzuschalten.
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Bald schon scharten sich Nutznießer um den Vetter des Kaisers, dem auf diese Weise auch das Gerücht zu Ohren kam, Constantius habe seinen Vater ermordet. Möglicherweise war dies der Grund, warum er wieder nach Nikomedia übersiedeln musste. Der Abschied von Mardonios, der wie ein Vater für ihn geworden war, fiel ihm sehr schwer. Nicht zum letzten Mal wurde er aus einem vertrauten Umfeld herausgerissen – denn kaum hatte er sich in Nikomedia eingelebt, da musste er in die kaiserliche Domäne Macellum umziehen, wo er seinen Bruder Gallus wieder traf. Beide sollten dort isoliert werden und keinen Besuch empfangen dürfen.
So sehr Julian dieser erneute erzwungene Abschied schmerzte, so sehr sollte ihn das Leben in Macellum prägen. Denn wo es ihm an Gesellschaft fehlte, da war an Büchern kein Mangel. Tag und Nacht vertiefte er sich in christliche und heidnische Texte, in philosophische Abhandlungen und in alte Mythen.
Als sein Bruder Gallus unerwartet zum Caesar ernannt wird, eröffnen sich für Julian neue Möglichkeiten
So vergingen die Jahre, bis Gallus plötzlich abberufen und zum Caesar ernannt – also dem Kaiser direkt unterstellt – wurde. Dieser war im Kampf gegen das Perserreich gebunden, musste zusehen, wie sich im Westen gleich drei Gegenkaiser erhoben, und sah sich gezwungen, Kompetenzen abzugeben, um die Kontrolle zu behalten. Das Caesarenamt, das Gallus den Tod bringen sollte, bedeutete für Julian neue Freiheit; er konnte Macellum verlassen. Zuerst setzte er sein Philosophie-Studium in Pergamon und bald darauf in Ephesos fort, wo sein Lehrmeister Maximus ihn mit dem Neuplatonismus vertraut machte.
Der nächste wichtige Einschnitt im Leben Julians war die Verurteilung und Hinrichtung seines Bruders Gallus, dem der Kaiser vorwarf, die Usurpation geplant zu haben. Auch Julian wurde verdächtigt, Teil der Verschwörung gewesen zu sein, und musste nach Mailand reisen, um sich vor dem Kaiser zu rechtfertigen. Sieben Monate ließ man ihn dort ausharren, bevor Constantius ihm eine Audienz gewährte und ihn schließlich entließ. Es war der wohlwollende Einfluss der jugendlichen Kaiserin Eusebia, der es ihm nun ermöglichte, sein Philosophie-Studium in Athen fortzusetzen.
In der Hauptstadt der Philosophen gefiel es ihm so gut, dass er am liebsten für immer dort geblieben wäre. Doch änderte ein Befehl vom Kaiserhof erneut sein Leben: Wie sein Bruder Gallus zuvor wurde er im Jahr 355 zum Caesar erhoben. In dieser Funktion sollte er nach Gallien ziehen und dort gegen die Germanen kämpfen – eine Perspektive, die dem Philosophen überhaupt nicht gefiel. Aber er hatte keine Wahl. Er musste seinen Bart scheren und die einfache Tracht gegen den Offiziersumhang tauschen.
Der erste Eindruck, den die Legionäre von dem jungen Caesar bekamen, dürfte der Tatsache entsprochen haben, dass er eigentlich kein Mann des Schwertes war, sondern seine Nase viel lieber in Büchern vergrub. Schnell stellten sie jedoch fest, dass Julian jede körperliche Anstrengung ebenso wie ihre soldatische Kost mit ihnen teilte. Durch seine Bodenständigkeit, die ihm bei Hof viel Spott eingebracht hatte, verdiente er sich ihren Respekt. Und als der Krieg gegen die Alamannen anstand, entpuppte sich Julian als ausgesprochen talentierter Feldherr. Er eilte von Sieg zu Sieg, und als er in der Schlacht von Argentoratum (Straßburg) über eine Allianz unter der Führung des Alamannenkönigs Chnodomar triumphierte, riefen ihn seine Truppen zum Kaiser aus – ein Vorstoß, den er schnell unterband.
Julian gewinnt Sympathien und hegt erste Ambitionen
In seinen Jahren in Gallien stieg seine Popularität stetig, nicht nur bei den Soldaten, sondern auch in der Bevölkerung, die den Eindruck gewann, dass er sich aufrichtig für ihre Interessen einsetzte. Und möglicherweise begann er allmählich darüber nachzudenken, seinen Vetter herauszufordern. Sein Weg zum Kaiserthron begann 360, als Constantius für seinen Feldzug gegen die Perser Truppen aus Gallien anforderte. Als diese Neuigkeit Julians Truppen erreichte, rief sie bei ihnen Unmut hervor. In der kommenden Nacht kam es zu Tumulten; dann marschierten die Soldaten zu Julians Residenz, umringten sie und riefen: „Augustus Iulianus! Augustus Iulianus!“ – stundenlang und ohne Unterlass.
Der zukünftige Kaiser saß drinnen und ließ sich nicht blicken. Vielleicht rang er mit sich; vielleicht wartete er auch bis zum letzten Moment, um glaubhaft behaupten zu können, sein Heer habe ihm keine Wahl gelassen. Tatsächlich ließen sich seine Soldaten nicht beirren. Sie schrien sich die Kehlen heiser, und als Julian schließlich erschien, hoben sie ihn nach germanischer Art auf einen Schild; aus dem goldenen Halsring eines Fahnenträgers wurde ein improvisiertes Diadem.
Als Constantius von den Vorgängen in Gallien erfuhr, war er zornig und enttäuscht. Er konnte jedoch keine Zeit und keine Mittel entbehren, um sich mit Julian auseinanderzusetzen. Der Konflikt mit den Persern war wichtiger. Stattdessen wurde verhandelt: Julian setzte darauf, dass sein Vetter ihn zum gleichberechtigten Nebenkaiser für den Westen des Reiches erheben würde, um einen Krieg zu vermeiden, während Constantius darauf bestand, dass Julian sich mit dem Caesarenamt zufriedengab – das wiederum hätte für Julian einen enormen Gesichtsverlust seinen Truppen gegenüber bedeutet.
Alles sah danach aus, als würde es zum Krieg kommen, dem Julian mit zunehmender Sorge entgegensah. In diese Zeit fiel seine endgültige Hinwendung zum Heidentum. Er ließ Wahrsager befragen, um seine Siegeschancen besser einschätzen zu können, und betete zu Helios. Es folgte die unglaubliche Wende: Constantius erlag einem Fieber, und die Hofbeamten, die einen Krieg verhindern wollten, erklärten Julian zum Kaiser. Die Truppen, die nach Westen zogen, um den Usurpator Julian zu vernichten, wurden nun auf den Kaiser Julian eingeschworen.
Der neue Kaiser überrascht mit seiner rigiden Religionspolitik
Die Hinwendung zu den alten Göttern, die Opfer und Gebet mit Erfolg belohnten, hatten ihm das Reich zu Füßen gelegt – davon war Julian überzeugt. Vor aller Augen zerschnitt er das Band zum Christentum und begeisterte damit das mehrheitlich heidnische Heer. In aller Öffentlichkeit wurden Rinder geopfert und ein neues Zeitalter eingeläutet. Als Julian als neuer Kaiser in Konstantinopel einzog, ging er mit aller Härte gegen die Gefolgsleute des Constantius vor. Viele wurden hingerichtet.
Damit war zu rechnen gewesen. Unerwartet kam für viele indes seine Religionspolitik: Anfang 362 ordnete er an, die geschlossenen Tempel wieder zu öffnen und die heidnischen Kulte zu legalisieren. Tempelbesitz musste zurückgegeben werden. Was später teils als Versuch interpretiert wurde, eine Gleichberechtigung der Religionen herzustellen, zielte tatsächlich auf die Vernichtung des Christentums ab. Julian wollte die alten Götter zurückholen und Constantins Hinwendung zur christlichen Religion umkehren.
Wer die Nähe des Kaisers suchte, war dazu angehalten, Christen aus seinem Haushalt zu entfernen. Christlichen Lehrmeistern im ganzen Reich wurde Berufsverbot erteilt. Pogrome an Christen wurden von Julian zwar nicht befohlen, waren aber in seinem Sinn. Nachts widmete er sich wie eh und je seinen Studien und begann damit, gegen das Christentum und seine Vertreter anzuschreiben; dabei kam ihm seine umfangreiche Kenntnis christlicher Schriften zustatten.
Auf ernstzunehmenden Widerstand traf Julian nicht. Alles, was er anging, gelang ihm. So kam ihm bald der Gedanke, auch im Osten große Taten zu vollbringen: Der Krieg gegen das Perserreich wurde vorbereitet. Er zog nach Antiochia und versammelte sein Heer – darunter seine treuen Truppen aus Gallien. Sein Ziel war die Stadt Ktesiphon, die bereits dreimal von römischen Kaisern erobert worden war. Indem er sie in seinen Besitz brachte, wollte er dafür sorgen, dass Rom im Osten die Initiative übernehmen und die Perser zurückdrängen konnte.
Ein Friedensangebot des Perserkönigs Sapor II. schlug er aus, obwohl es letztlich ein Zugeständnis an Rom war – das Resultat der unerbittlichen Verteidigungskämpfe der Vorgänger Julians. Der neue Kaiser wollte mehr, und er setzte sich über die Bedenken seiner Berater hinweg. Stattdessen opferte er in einem wahren Blutrausch gewaltige Massen an Tieren, teilweise 100 Stiere auf einmal, um sich die Gunst der Götter zu sichern. Seine Soldaten, die das Fleisch der Tiere zu essen bekamen, feierten auf den Straßen Antiochias.
Als der Feldzug schließlich begann, war klar, dass das Heer einen Zerstörungskrieg würde führen müssen, denn um Ktesiphon zu erreichen, mussten zahlreiche Festungen und Städte passiert werden, die man zwar erobern, aber nicht mit einer Garnison versehen konnte. Plündernd und brandschatzend, zog Julians Heer Anfang 363 durch das Perserreich, während König Sapor II., der den Angriff an anderer Stelle erwartet hatte, weit fort war. Der Weg nach Ktesiphon war frei. Und als die Truppen in aller Ruhe den Tigris überquerten, sah Julian sich schon am Ziel.
Seine Berater raten zum Rückzug, doch Julian will Sapor II. bezwingen
Doch plötzlich regte sich Widerstand: Seine Offiziere hatten die Befestigungsanlagen der Stadt in Augenschein genommen und kamen zu dem Ergebnis, dass man sie nicht würde brechen können – zumindest nicht, bevor Sapor II. mit seinem Hauptheer eintreffen würde. Die meisten rieten Julian nun zurückzumarschieren, was angesichts der Tatsache, dass man auf dem Hinweg alles niedergebrannt hatte, schwierig werden würde. Aber Julian wollte nicht aufgeben. Wenn er Ktesiphon nicht haben konnte, dann wollte er sich Sapor II. in der Feldschlacht stellen und ihm so das Perserreich entringen.
Am 21. Juni kam es zum Aufeinandertreffen der beiden Heere, bei dem die Römer den Pfeilhagel der Perser unterliefen und auch den Kriegselefanten der Feinde keinen Raum ließen. Eine dreitägige Waffenruhe wurde vereinbart, welche die Römer dazu nutzten, sich abzusetzen. Die Perser waren ihnen überlegen. Das zeigte sich auch drei Tage später: Mit dem Ablauf der Waffenruhe griffen die Perser von allen Seiten an. Julian eilte hierhin und dorthin, ignorierte die Warnungen seiner Leibwache und warf sich überall da ins Getümmel, wo seine Soldaten in Bedrängnis gerieten. Dann traf ihn ein Speer.
Er stürzte vom Pferd und wurde fortgebracht, während die Schlacht weitertobte. Der Speer wurde herausgezogen und Julian erklärte, er wolle zurück in die Schlacht. Doch die Blutung war zu stark. Vermutlich versuchte sich sein Leibarzt an einer Operation, bei der klarwurde, dass der Speer die Leber verletzt hatte. Während die Soldaten verbissen weiterkämpften und erneut eine Niederlage verhindern konnten, starb der Kaiser.
Seine Offiziere wählten einen der ihren zu seinem Nachfolger. Kaiser Jovian begann seine Herrschaft damit, alle Bedingungen der Perser zu akzeptieren und den beschwerlichen Rückzug anzutreten. Die zermürbte Armee brachte den einbalsamierten Julian zurück in den Westen, wo die Renaissance des Heidentums ein jähes Ende nahm. Zwar wurden die Tempel wieder geöffnet, doch blieb Julian der einzige römische Kaiser seit Konstantin, der sich gegen das Christentum gestellt hatte. Konstantins Erbe war gerettet; der Siegeszug des Christentums setzte sich fort.
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