Machthaber wollen bekanntlich gerne wissen, was Konkurrenten und Feinde so treiben – das war wohl schon immer so. Geheimdienstliche Aktivitäten sind deshalb schon aus der Antike bekannt. Doch sie basierten nicht auf institutionellen Strukturen wie bei den modernen Versionen. Über Jahrtausende hinweg handelte es sich bei den geheimdienstlichen Aktivitäten eher um Missionen bei bestimmten Fragen und Konflikten. Dafür wurden Aufklärungseinheiten gebildet und danach wieder aufgelöst.
Zu einer deutlichen Weiterentwicklung des in der Forschung „Intelligence“ genannten Konzepts kam es dann erst im Zuge der Napoleonischen Kriege und im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts. „Das 19. Jahrhundert veränderte gesellschaftlich und politisch unglaublich viel“, sagt Moritz. Nationalstaaten mit allgemeiner Wehrpflicht bilden sich, es gab Technologieschübe und erstmals eine Massenpresse. Im Zuge dieses Wandels veränderten sich dann auch die geheimdienstlichen Systeme, erklärt die Historikerin.
Geheimen Systemen auf der Spur
Lange Zeit galt in der Geheimdienst-Forschung die vorherrschende Meinung, dass die entscheidenden Schübe zur Professionalisierung erst im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg erfolgten. Doch diese Annahme erscheint im Hinblick auf die geheime Natur des Themas fragwürdig. „Die Herausbildung der modernen Intelligence ist in der Forschung sehr unterbelichtet“, so Moritz. Über die russischen, französischen und deutschen Geheimdienste ist zwar einiges bekannt. Doch bei einem „Pionierstaat“ des Konzepts ist das nicht der Fall: Mit dem Evidenzbureau der Habsburgermonarchie wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts der erste ständige militärische Geheimdienst geschaffen. „Österreich-Ungarn bildet eine der größten Lücken in der Intelligence-Forschung. Da setzt meine Forschung an“, sagt die Historikerin. Für ihr Forschungsprojekt trug sie zahlreiche Informationen zusammen, die die Entwicklung des Evidenzbureas beleuchten.
Wie Moritz erklärt, war der Grund für den Aufbau des Evidenzbureaus der Konflikt mit Preußen um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Die Aufgabe dieses frühen institutionellen Geheimdienstes war das systematische Sammeln und Auswerten von Informationen, die dem militärischen Generalstab zur Verfügung gestellt wurden. So spannend, wie man meinen könnte, war die Arbeit des Evidenzbureaus dabei aber offenbar nicht. Es war ein „ziemlich langweiliger Job“, so Moritz. Die Espionage – das Ausspionieren von Rivalen – gab es zwar auch schon, sie war aber keineswegs die zentrale Aufgabe, sagt die Historikerin. Der Hauptteil der Arbeit war Informationsverarbeitung, etwa in der Form von kartografischen Auswertungen.
Wie Moritz weiter berichtet, kam es dann zu starken Veränderungen beim Evidenzbureau im Zuge der Etablierung der K.-u.-k.-Monarchie. Das Spannungsfeld verlagerte sich in dieser Zeit auf den Balkan und dabei kam es zu Konflikten mit Russland. Um über mögliche Bedrohungen an den Grenzen aufzuklären, wurde das Kundschaftswesen vor allem in den 1880er-Jahren institutionell und personell stark ausgebaut. Man begann dabei auch die zivilen Institutionen einzubinden – zuerst den Grenzschutz, später aber auch den Zoll und die Gendarmerie, berichtet Moritz. „Das ist eine Erkenntnis, die ich im Rahmen des Projekts ganz zentral herausarbeiten konnte: Anders als früher gedacht begann diese Einbindung nicht erst im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, sondern früher“, so Moritz.





