DAMALS: Erinnern Sie sich noch, seit wann Sie Stendhal kennen?
Ingo Schulze: Der Name geisterte schon immer so herum, wie die großen Namen der Literatur eben herumgeistern. Gelesen habe ich ihn aber relativ spät, erst vor vier Jahren „Die Kartause von Parma“ und gleich dar‧auf „Rot und Schwarz“.
DAMALS: Was hat Sie beeindruckt?
Schulze: Wie er Geschichte darstellt: Er lässt einen Haupthelden über das Schlachtfeld von Waterloo irren, und der fragt sich unablässig: „Wo bin ich hier? Ist das tatsächlich eine Schlacht?“. Dann betrinkt er sich eher aus Versehen, und als man um ihn herum ruft: „Es lebe der Kaiser!“ – offenbar reitet Napoleon vorbei, den er unbedingt hatte sehen wollen –, erkennt er ihn gar nicht. Stendhals Held ist wirklich dabei, aber er sieht nur das Profane: Blut und Mord. Er beschreibt Geschichte mit dem Blick desjenigen, der mittendrin steckt.
DAMALS: Stendhal war selber in der napoleonischen Verwaltung tätig …
Schulze: Er ist dem Heer hinterhergezogen, war in Italien, zwei oder drei Jahre auch in Braunschweig, ist bis nach Moskau mitgefahren und beim Rückzug als einer der Letzten noch über die Beresina entkommen. Das muss eine fürchterliche Erfahrung gewesen sein. Ich habe Gott sei Dank nicht solche Dinge erlebt, aber wenn ich beispielsweise an den Herbst 1989 in Leipzig denke: Im Nachhinein erscheint das alles großartig, was es ja auch war. Aber es war eben auch profan, manchmal komisch bis lächerlich, und zugleich sind diejenigen, die demonstrierten, über sich selbst hinausgewachsen.
DAMALS: Was bleibt Ihnen von ihm in Erinnerung?
Schulze: Seine beiden großen Romane sind Kristallisationen des menschlichen Wesens. Aber dafür muss er auch viel erlebt haben. Er war wohl ein sehr leidenschaftlicher Mensch, der aber offenbar nie die große Liebe gefunden hat. Er ist durchaus auch ein Opportunist gewesen, aber meistens sehr geistreich. Er hat nie die Stelle bekommen, die er sich erträumt hatte. Als er starb, gehörte er nicht zu den bekannten Schriftstellern, obwohl Balzac der „Kartause von Parma“ einen 100-seitigen Lobpreis-Essay gewidmet hat.
DAMALS: Taugt er als Vorbild?
Schulze: Unbedingt. Gerade in seiner historischen Genauigkeit. Man erfährt so viel über die Zeit und den Ort. Und man hat wie immer bei Literatur den Eindruck: Es ist von einem selbst die Rede.





