Die Vorstellung, die He‧roen von einst seien mythisch, die Helden von heute jedoch historisch, war den Griechen fremd. So konnten reale Personen durch eigenes Verdienst in den erlauchten Kreis eintreten und Eingang in den Mythos finden; mythische Persönlichkeiten wiederum wurden als durchaus real empfunden, kurz: Die Grenzen zwischen Mythos und Historie waren fließend, teils nicht vorhanden. Die griechische Antike machte hier kaum Unterschiede.
Mit den Heroen und ihren Taten oder Untaten wurden Konzepte realisiert, umgekehrt waren sie aber auch Projektionsfläche für bestimmte Vorstellungen. Der Held ist ein Spiegel der Gesellschaft, die ihn hervorbringt; er verändert sich im Wandel der Zeit und entwickelt sich mit der jeweiligen Kultur. Alle griechischen Stadtstaaten beriefen sich auf Heroen; es gab kaum eine Polis, die ihr Alter, ihr Prestige, den Anspruch auf Autorität und somit auf den Einfluss auf die Nachbarn nicht dadurch zu legitimieren und zu untermauern suchte, dass man auf die Errungenschaften der Ahnen verwies.
Als Zeus in Gestalt eines Stiers Europa, die Tochter des Agenor von Sidon, nach Kreta entführte, war der König untröstlich. Er bat seine Söhne Kadmos, Phoinix, Kilix, Thasos und Phineus, sich auf die Suche nach der verlorenen Tochter zu machen und nicht ohne sie zurückzukehren. Auf ihrer Reise, die sie nach Griechenland führte, landeten sie auch auf der Insel Thera; dort stifteten sie einen Tempel und brachten den Bewohnern die Kunst des Schreibens. Als ihre Suche erfolglos blieb, trennten sich die Brüder. Kadmos machte sich auf den Weg nach Delphi und wandte sich hilfesuchend an das Orakel.
Er solle die Suche beenden, wurde ihm gesagt, und stattdessen nach einer Kuh mit einer weißen Zeichnung suchen, ihr folgen und an der Stelle, wo sie sich niederließe, eine Stadt gründen. Kaum hatte Kadmos die Höhle des Orakels verlassen, sah er eine solche Kuh unter den Rindern des Pelagon, des Königs von Phokis. Dieser gab Kadmos die Kuh, und er folgte ihr, bis sie sich im Gras niederließ. Daraufhin gab er seinen Gefährten den Auftrag, für ein Dankopfer Wasser aus einer nahen Quelle zu holen. Den Wald, in dem diese lag, bewohnte jedoch ein Drache des Kriegsgottes Ares. Er tötete die Männer. Da machte sich Kadmos selbst auf und erschlug das Monstrum in einem blutigen Kampf. Nun erschien Athene und befahl ihm, die Hälfte der Drachenzähne in den Boden zu pflanzen. Aus ihnen erwuchsen Männer, die sich bekämpften, bis schließlich fünf von ihnen zum Frieden bereit waren. Zusammen mit Kadmos errichteten sie eine Siedlung, die zuerst Kadmos hieß und später den Namen Theben bekam; die fünf Männer wurden die Stammväter der großen aristokratischen Familien der Stadt.
Kadmos hat mehrere Facetten, in ihm haben wir einen Typus des Kulturheroen schlechthin vor uns. Gesandt von Apollon, dem Gott des Lichts und der Weissagung im Delphischen Orakel, auf Geheiß von Athene, der Göttin der Weisheit, setzt er sich gegen die Kreatur des Ares, des wilden Kriegsgottes, durch. Aus dem Osten kommend, bringt er in mythischer Vorzeit den noch unwissenden Griechen die phönikische Schrift (was ja tatsächlich geschah). Fast noch wichtiger als dieses Detail: Er bringt den Menschen die Zivilisation, indem er in Zentralgriechenland das stiftet, was aus griechischer Sicht als Fundament jeglicher Kultur gilt: eine Polis. Er befriedet die Umgegend, indem er die wilden Tiere – symbolisiert durch den Drachen – tötet, und pflanzt dem Boden aus den Drachenzähnen ein eigenes, autochthones Geschlecht ein.





