So erschien Heinrich V. 1125 als Terminator eines überkommenen Herrschaftsmodells. Bissig notierte ein Chronist, die Kinderlosigkeit sei die verdiente Strafe für diesen zweiten Judas. Heinrich habe nämlich sowohl seinen leiblichen als auch seinen geistlichen Vater verraten. Seinen Erzeuger Kaiser Heinrich IV. zwang er zum Amtsverzicht und warf ihn in den Kerker. Den Papst als geistlichen Vater nahm Heinrich V. bei der Kaiserkrönung 1111 gefangen und erpresste päpstliche Zugeständnisse. Als deutscher Tyrann gescholten, erwarb sich der letzte Salier einen zweifelhaften Ruf in der lateinischen Christenheit. Allein die Beilegung des Epochenkonflikts zwischen Kaisern und Päpsten milderte die Verdikte über Heinrich V. Aber selbst zum Frieden mit dem Papst im Wormser Konkordat von 1122 musste er von seinen Fürsten gezwungen werden. Bei so wenig Größe schien es kein Wunder, dass die moderne Geschichtswissenschaft die Beschäftigung mit Heinrich V. mied. Für ihn existiert noch immer keine gedruckte Urkundenausgabe, und die handbuchartige Erschließung seiner Regierungshandlungen lässt auf sich warten.
In seinem überzeugenden Buch zeigt Gerhard Lubich jetzt, was sich aus der Zerrissenheit eines Herrscherlebens alles herausholen lässt. Das „Ich“ in „Heinrich“ – dieses resümierende Kapitel zeigt die Grenzen einer Biographie über einen mittelalterlichen Herrscher. An sein Denken und Fühlen kommen wir zwar nicht heran. Aber wir wissen jetzt mehr über die Politik des letzten Saliers, über seinen Umgang mit sozialen Aufsteigern wie Stadtbürgern und Ministerialen, über seine Italien-Politik oder über seine Schwächen bei der Friedensstiftung und Konsensherstellung. Eindrucksvoll tritt das erste Viertel des 12. Jahrhunderts als gärende Umbruchzeit hervor, die ein Zeitgenosse wie Bischof Otto von Freising als apokalyptisches Untergangsszenario beschrieb. Erst die staufischen Nachfahren der Salier sollten dem Reich seit der Mitte des 12. Jahrhunderts wieder mehr Selbstbewusstsein bescheren.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller
Gerhard Lubich
Heinrich V.
Der letzte Salierkaiser
wbg Theiss Verlag, Freiburg im Breisgau, 400 Seiten, € 30,–





