Die Archäologin Ursula Vedder verfolgt in ihrem Buch das Ziel, den Koloss „der Sphäre des Phantastischen [zu] entreißen“ (S.11), indem sie einen Gegenvorschlag zur Legende formuliert. Sie plädiert dafür, eine bisher einem anderen Gott zugeordnete Tempelruine im Inneren der Insel als Standort der berühmten Plastik zu betrachten.
Bei dem Koloss handelte es sich ursprünglich um ein Weihgeschenk der Rhodier an ihren wichtigsten Gott Helios. Dieser hatte sich – so zumindest aus Sicht der Rhodier – eine solche Ehrung verdient, da sie die erfolgreiche Verteidigung ihrer Stadt gegen den Makedonenkönig Demetrios I. Poliorketes (304 v. Chr.) auf das Eingreifen des Gottes zurückführten.
Die Statue, die den Sonnengott darstellte, stand nur etwa 30 Jahre; es geht jedenfalls aus antiken Quellen hervor, dass sie um 226 v. Chr. einem Erdbeben zum Opfer fiel. Zum genauen Standort des Kolosses schweigen sich ebendiese Quellen leider aus, möglicherweise weil es ihnen zu selbstverständlich erschien.
An diesem Punkt setzt Vedder an, indem sie aufzeigt, wie in der antiken Praxis normalerweise mit Weihgeschenken verfahren wurde. So sei es üblich gewesen, den Göttern geweihte Standbilder innerhalb der entsprechenden Tempel aufzustellen. Nichts spreche dafür, dass man in Rhodos anders verfahren sei. Also müsse man nach dem Helios-Tempel Ausschau halten. Bedauerlicherweise gilt auch dieser bisher als unauffindbar. Vedder glaubt dagegen, bei einer bisher als Apollon-Tempel klassifizierten Ruine am Abhang südlich der Akropolis handele es sich tatsächlich um das gesuchte Helios-Heiligtum. Sie argumentiert hier schlüssig, dass dieser größte Tempel der Insel wohl kaum dem auf Rhodos eine Schattenexistenz fristenden Apollo zuzuordnen sei. Stattdessen sei dieses Bauwerk dem Schutzpatron der Insel gewidmet gewesen – Helios. Um diese Annahme zu stützen, verweist sie auf die unmittelbare Umgebung der Tempelruine, in der sich ein Stadion befindet, dass allgemein als Sportanlage für Feste zum Ruhm des Helios betrachtet wird. Der Tempel stand also in einem Umfeld, dass eindeutig dem Helios zuzuweisen ist und könnte Teil eines ganzen Gebäudekomplexes gewesen sein.
Anschließend versucht Vedder mithilfe einer kleinteiligen archäologischen Indizienargumentation ihre These zu untermauern und den Standort der Statue genauer zu bestimmen. Da es keine vergleichbaren antiken Statuen aus demselben Material (Bronze) gibt, unternimmt Vedder an dieser Stelle einen Exkurs, der die Herstellung nachantiker Monumentalskulpturen (u.a. die Bavaria und die Freiheitsstatue) in den Blick nimmt. Die Tauglichkeit dieses Vergleichs in Detailfragen bleibt natürlich diskutabel, der Exkurs erfüllt allerdings insofern seinen Sinn, als dass er die generellen Herausforderungen, unter denen solche Bauten standen, deutlich macht. Zum Schluss kommt Vedder zu dem Ergebnis, der ursprüngliche Standort des Kolosses sei ein Sockelrest innerhalb der besagten Tempelanlage gewesen.





