„Das Leben der Weiber ist erbärmlich. Denn sie halten keine für ehrbar, die nur auf die Gasse geht. Darum halten die Reichen und Vornehmen ihre Frauen so abgeschlossen, daß niemand ihnen zu Gesicht oder mit ihnen zum Reden kommt, übergeben ihnen auch nicht die Wirtschaft, einzig das Nähen und das Spinnen.” Diese Charakterisierung des Lebens der russischen Frauen, vor allem, wie es im Zitat heißt, der “Reichen und Vornehmen”, findet sich in der berühmten Schilderung des Moskauer Reiches des kaiserlichen Gesandten Sigmund von Herberstein, der im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts zweimal Moskowien bereiste, vom Großfürsten im Kreml empfangen wurde und 1549 einen der ersten ausführlichen und verläßlichen Berichte, “Rerum Moscoviticarum Commentarii”, über das bis dahin im Westen kaum bekannte Land veröffentlichte. Herberstein konnte noch einiges mehr über das Leben der Frauen im Moskauer Reich berichten. Er schrieb davon, daß sie nur selten zur Kirche gehen dürften und von ihren Ehemännern häufiger körperlich gezüchtigt würden, also der Erziehungsgewalt des Mannes unterstanden.
Herbersteins Schilderung des Lebens und der Sitten und Gebräuche in Moskowien gilt allgemein als zuverlässig, und er wird noch heute häufig als Gewährsmann für die Lebensumstände im Rußland des 16. Jahrhunderts zitiert. Andere Quellen bestätigen bestimmte Aspekte des Lebens der Frauen. Der “Domostroj” (Der Hausvater), eine praktische Anleitung für religiöses Leben und moralisches Handeln aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, gab dem Ehemann oder Vater durchaus das Recht, Ehefrau und Kinder zu züchtigen. Schlägen also kam eine besondere erzieherische Bedeutung zu, was in jener Zeit im westlichen Europa kaum anders war. Allerdings zählte der “Domostroj” genauestens auf, wie der Hausvater nicht schlagen sollte, was darauf schließen läßt, daß durchaus rohere Umgangsformen üblich waren. Jedoch war der “Domostroj” kein Fürstenspiegel, sondern richtete sich eher an den niederen Adel und an die Schicht der Kaufleute.
Inwieweit solche Praktiken auch in den Kreisen des Hochadels und des Herrscherhauses im Kreml verbreitet waren, ist aus den überlieferten Quellen nur schwer zu erschließen. Von Zar Iwan IV. (1547–1584), zu dessen Lebzeiten dieses russische Hausväterbuch erschien, ist bekannt, daß er seine hochschwangere Schwiegertochter wegen unzureichender Bekleidung in ihren eigenen Gemächern im Kreml mit einem Stock prügelte und den herbeieilenden Sohn mit einer Eisenstange niederschlug. Die Schwiegertochter erlitt eine Fehlgeburt, der Sohn starb an den erlittenen Verletzungen. Dies war möglicherweise ein Einzelfall und kann nicht verallgemeinert werden, doch zeugt die in der Zarenfamilie und offensichtlich auch in den Reihen der Hocharistokratie praktizierte Verbannung mißliebiger Ehefrauen in ein Kloster von den geringen Rechten der Frauen auch in höchsten Kreisen. Schon der Vater Iwans IV., Wassili III. (1505–1533), hatte seine erste Ehefrau, da sie ihm keine Kinder gebären konnte, nach über 20jähriger Ehe in ein Kloster geschickt. Ähnlich verfuhr sein insgesamt siebenmal verheirateter Sohn und Nachfolger mit seiner vierten Frau. Diese Praxis blieb im Kreml bis zu Peter I. (1689/96–1725) erhalten, der seine Schwester Sofia und seine erste Frau Jewdokia Lopuchina ins Kloster schickte. Herbersteins eingangs zitierte Bemerkung über die gesonderten Lebensbereiche adliger Frauen ist auf den ersten Blick durchaus zutreffend. Ebenso wie ihre west- und mitteleuropäische Schwestern zeigten sich hochgestellte russische Frauen, jene, die dem Hochadel angehörten, nur selten auf Straßen und Plätzen. Wenn sie ausgingen, so fuhren sie in Kutschen und Schlitten, deren Scheiben zumeist verhängt waren, damit sie keinen unschicklichen Blicken ausgesetzt waren. Aber gerade in solchen Fällen repräsentierten die adligen Damen ihren sozialen Status in der Öffentlichkeit. Der Rußlandreisende Adam Olearius schrieb knapp 100 Jahre (1647) nach Herberstein in seiner “Moskowitischen und Persischen Reise”: “Der Fürsten, Bojaren und vornehmsten Leute Weiber fahren des Sommers in bedeckte Wagen so mit rothem Tuche überzogen, welche sie den Winter auch auff Schlitten gebrauchen. Indemselben sitzen sie prächtig als Göttinnen und haben vor sich zum Füssen sclavisch Mägden sitzen. Neben her lauffen viel Knecht und Sclaven, bißweilen 30-40 Stücke.”





