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Der Magier, der ganz Europa narrte
Als der sizilianische Fälscher und Betrüger Giuseppe Balsamo damit begann, sich als Wunderheiler und Alchemist zu betätigen, tauchte er in die Welt der Mythen, der Magie und der Geheimgesellschaften ein. Als „Graf von Cagliostro“ war er bald in ganz Europa bekannt.
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Am 2. April 1787 traf ein englischer Tourist in der sizilianischen Hauptstadt Palermo ein. Menschen, mit denen er sprach, stellte er sich als Mr. Wilton vor. Ein unbeteiligter Beobachter mochte glauben, dieser Mr. Wilton bereise Europa auf der Suche nach antiken Ruinen, Abenteuern, Inspiration und Geschäftskontakten – die sogenannte Grand Tour war damals besonders in England hoch in Mode. Doch Mr. Wilton stand der Sinn nach etwas anderem: Er suchte die Familie eines gewissen Giuseppe Balsamo, denn er war überzeugt, dass sich ebendieser Balsamo hinter dem mysteriösen Grafen von Cagliostro verbarg, der mit seinen Geschichten den ganzen Kontinent spaltete.
Mr. Wilton hatte hervorragende Kontakte und wurde tatsächlich fündig: Er traf die Mutter und die Schwester Balsamos. Die beiden Frauen erzählten dem freundlichen Mr. Wilton alles, was er wissen wollte, und dieser konnte bald darauf Nachricht in seine Heimat schicken – diese war nicht etwa London oder Bristol, sondern Weimar. Denn bei dem englischen Touristen handelte es sich in Wirklichkeit um Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), für den Cagliostros Schwindel nun nicht mehr nur eine Vermutung, sondern eine bewiesene Tatsache darstellte.
Cagliostro war in diesen Jahren die wohl meistdiskutierte Person in Europa. Auch seine erbittertsten Gegner hätten eingeräumt, dass er es sehr weit gebracht hatte – was noch bemerkenswerter war, wenn man wusste, was Goethe nun wusste: dass Cagliostro aus ärmlichen Verhältnissen stammte. Obwohl Cagliostro es bis zum Ende abstritt, wurde er wohl im Jahr 1743 in Palermo geboren und auf den Namen Giuseppe Balsamo getauft. Noch im selben Jahr starb sein Vater, weshalb der kleine Giuseppe im Haus seines Onkels mütterlicherseits aufwuchs. Als er zwölf Jahre alt war, schickte ihn dieser ins Kloster der Fatebenefratelli, wo Giuseppe in der Konventsapotheke arbeitete und Kenntnisse erwarb, die ihm später noch nutzen sollten. Da er den Mönchen Ärger bereitete, musste er das Kloster allerdings bald wieder verlassen und in das Haus seines Onkels zurückkehren.
Karrierestart mit Betrug, Fälschung und Erpressung
Offenbar war er ein talentierter Zeichner, was ihn dazu befähigte, mit kleineren Auftragsarbeiten für Touristen ein wenig Geld zu verdienen, ihm gleichzeitig aber auch ein weiteres Feld eröffnete: die Fälscherei. Und so stand Testamentsfälschung ganz am Anfang seiner kriminellen Karriere. Es folgten erste Betrügereien, bei denen Giuseppe seinen Opfern weismachte, er wisse um antike Schätze auf der Insel. Mit vorab gezahlten Belohnungen verließ er Sizilien, um in der weiten Welt sein Glück zu suchen.
Über Messina reiste er nach Neapel, wo er sich wahrscheinlich in erster Linie als Zeichner verdingte. Sein Geschäft lief gut; dennoch zog er spätestens 1768 wieder um, diesmal nach Rom – vielleicht, weil es dort noch mehr Touristen gab, vielleicht aber auch, weil er sich wieder mit Betrug und Fälschung bereichert hatte und schnell die Stadt wechseln musste. Als folgenreich erwies sich seine Begegnung mit Lorenza Feliciani, der Tochter eines Gürtlers oder Kupferschmieds. Er heiratete die 15-Jährige und erklomm kurze Zeit später mit ihrer Hilfe neue Höhen des Betrugs, indem er sie auf Männer aus der besseren Gesellschaft ansetzte. Lorenza sollte ihm Türen öffnen oder vermeintlich tugendhafte Ehemänner mit Affären erpressbar machen. Die junge Braut tat wie ihr geheißen.
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In Rom blieben sie nicht lange: Von Stadt zu Stadt ging es nun, stets neuen guten Gelegenheiten entgegen, durch Norditalien, Südfrankreich, in die iberischen Hafenstädte und schließlich nach England. Balsamo nutzte für seine Coups stets Pseudonyme: Graf Harat, Graf Fénix, Graf Pellegrini und Marquis d’Anna – allesamt distinguierte Gestalten, die sich mithilfe der hübschen Lorenza in gutbetuchte Kreise einschleichen konnten.
Nach kriminellen Rückschlägen in London (die Betrüger waren selbst geprellt worden) wandten sich die Eheleute nach Frankreich, wo sich ein gänzlich neues Problem für Balsamo ergab: Lorenza verliebte sich in eines seiner Zielobjekte, den Advokaten Duplessis, und weigerte sich, zu ihm zurückzukommen. Balsamo verständigte daraufhin die Behörden und ließ den Ehebruch ahnden: Lorenza wurde aufgegriffen, inhaftiert und erst wieder freigelassen, als sie sich bereit erklärte, ihre Ehe fortzusetzen.
Die gemeinsame Reise des Paares ging weiter – durch Frankreich, Italien und im Sommer 1773 bis nach Sizilien, Balsamos Heimat, wo ihn seine frühen Straftaten einholten. Er wurde verhaftet und wäre wohl verurteilt worden, hätte Lorenza nicht den Sohn des Fürsten von Pietraperzia verführt und ihn gegen die Kläger gehetzt. Der gewalttätige junge Mann beließ es nicht bei Drohungen, sondern ließ die Fäuste sprechen. Eingeschüchterte Beamte ließen Balsamo ziehen, der unverzüglich mit Lorenza das Weite suchte. Es ging nach Malta, nach Neapel, Marseille und erneut per Schiff nach England.
Wie aus Balsamo der „Graf von Cagliostro“ wurde – und Europa dem vermeintlichen Wunderheiler verfiel
Verstärkt rückte bei dieser zweiten in Italien beginnenden Europareise ein neues Betätigungsfeld Balsamos in den Vordergrund: Alchemie – oder vielmehr effektvolle Quacksalberei. Wässerchen, die Jugend und Lust versprachen, benötigten allerdings eine mysteriöse Hintergrundgeschichte, alte Mythen und Legenden, ferne Kulturen und verborgene Überlieferungen. Balsamo tauchte deshalb in eine Welt aus Geschichten ein, die seine Zuhörer in ihren Bann schlagen sollten. Sein Halbwissen über Alchemie und Geschichte verknüpfte er mit seinem Halbwissen über Freimaurerei und schuf daraus eine Gestalt, die seine bislang genutzten Pseudonyme schnell in den Hintergrund drängen sollte: den Grafen von Cagliostro, einen Orientreisenden mit unklarer Herkunft, Verbindungen zum Malteserorden und einem Herz für Bedürftige.
Als Cagliostro lebte er mit seiner Frau auf großem Fuß, was er sich dank seiner reichen Klienten nun leisten konnte. Er versprach ihnen, Edelsteine wachsen zu lassen, Gold zu vermehren und große Lottogewinne für sie zu erzielen. Natürlich mussten diese Methoden bald erneut zur eiligen Abreise führen. Ebenso geschah es in Den Haag. Es folgten Nürnberg, Leipzig, Berlin und Königsberg, wo Balsamo als Cagliostro eher mäßigen Erfolg hatte. Er setzte seine ganzen Hoffnungen nun auf Mitau (Jelgava im heutigen Lettland), wo es ideale Bedingungen für Spiritisten und Alchemisten geben sollte.
Cagliostro steigt in der mystischen Welt der Freimaurer rasch auf
Er wurde nicht enttäuscht. Die Freimaurerloge, die er dort im März 1779 gründete, erfreute sich schnell großer Beliebtheit. Mit Vorträgen, in denen sich Religion, Magie, Freimaurerei und Geisterlehre mischten, faszinierte Cagliostro seine Zuhörer. Dabei erweckte er den Eindruck, er sei im Besitz uralter Weisheiten, die es ermöglichten, den Tod selbst zu bezwingen. Er hielt Séancen ab, und auch Hypnose kam zum Einsatz – eine Technik, die ihm zufolge auf die antike ägyptische Osiris-Priesterschaft zurückging. Wer ihm glaubte, war bereit, ihm viel Geld zur Verfügung zu stellen, und wer ihm nicht glaubte, vermutete den sechs Jahre zuvor aufgelösten Jesuitenorden hinter seinem Tun.
Natürlich trieb es Cagliostro trotz aller Erfolge bald weiter, zuerst nach Sankt Petersburg, wo Lorenza angeblich eine Affäre mit Fürst Grigori Potjomkin, dem Liebhaber der russischen Kaiserin Katharina der Großen, hatte, und danach über Warschau und Frankfurt am Main nach Straßburg, wo sich Cagliostro über den nächsten Karrieresprung freuen durfte.
Verantwortlich dafür war sein neuer Gönner Kardinal Louis René de Rohan (1734–1803), der sich ganz von Cagliostros Magie einnehmen und wohl auch von Lorenza verführen ließ. Der mysteriöse Graf machte vor allem als Wunderheiler von sich reden. Dabei fand er in Straßburg nicht nur sprudelnde Geldquellen, sondern auch neue Inspiration: Hier gab es unterschiedliche Logen, die miteinander um die Vorherrschaft stritten, darunter auch eine namens „Isis“, deren Mitglieder Freimaurerei mit ägyptischen Mythen verbanden und sich mit Hieroglyphen beschäftigten. Mit diesem Konzept sollte Cagliostro bald für Aufsehen sorgen.
Nach zwei ruhmreichen Jahren in Straßburg nahm das Ehepaar Cagliostro Abschied. Der erbitterte Protest der Straßburger Ärzteschaft und drohende Ermittlungen trieben sie wieder einmal zur Flucht. Zuvor warnte Cagliostro den Kardinal noch vor einer jungen Frau namens Jeanne de Saint-Rémy, die Rohans Interesse geweckt hatte. Der Betrüger erkannte in ihr ebenfalls eine Betrügerin, konnte aber noch nicht ahnen, dass er selbst bald durch ihre Machenschaften stürzen sollte.
Erneut begab sich das Ehepaar auf Reisen, diesmal zuerst durch die Schweiz und dann durch Südfrankreich. Cagliostro wollte – vielleicht, um zukünftig das Risiko einer weiteren überstürzten Abreise zu minimieren – von nun an weniger auf Wunderheilungen und mehr auf Freimaurerei setzen. Um sich von den zahlreichen Logen, die für seine Arbeit letztlich nur Konkurrenz darstellten, wirkungsvoll abzusetzen, rief er Ende 1783 in Bordeaux den sogenannten Ägyptischen Ritus ins Leben.
Er ließ christliche Erzählungen, ägyptische Mythen und Motive aus Mond- und Sonnenverehrung ineinanderfließen, nutzte bei seinen spektakulären Shows Drogen, Verkleidungen und Hypnose und gab sich selbst den Ehrentitel Groß-Kophta. Seine Frau wurde zur Königin von Saba. Größte Erfolge feierte Cagliostro mit dem Ägyptischen Ritus in Lyon, wohin er sich ein Jahr später wandte. Die bestehenden Freimaurerlogen der Stadt gerieten schnell unter seinen Einfluss, und seine eigene Neugründung dominierte das Geschehen.
Sein Erfolg war enorm – und vielleicht hätte er sich noch lange daran erfreuen können, wäre er nicht nach Paris gereist, um dort am Kongress der freimaurerischen Vereinigung der Philalethen teilzunehmen, wo die verschiedenen Strömungen der Freimaurerei 1785 vergeblich versuchten, ihre Differenzen beizulegen. Mit seiner Forderung, alle anderen müssten seinem Ägyptischen Ritus folgen, sollte Cagliostro nicht zu einer Einigung beitragen.
Zum Verhängnis wurde ihm allerdings seine alte Verbindung zu Kardinal Rohan, welcher der Betrügerin Jeanne de Saint-Rémy endgültig auf den Leim gegangen war. Im Zuge der sogenannten Halsbandaffäre ließ sie Rohan glauben, er schenke der Königin Marie Antoinette (1755–1793) ein teures Schmuckstück, um ihre Gunst zu gewinnen und seine Karriere zu fördern. In Wirklichkeit verkaufte Jeanne die Juwelen des Halsbandes und spekulierte darauf, Rohan werde aus Scham ihre Spuren verwischen. Doch der Betrug flog auf; der Skandal erschütterte Paris, und die Betrügerin behauptete umgehend, sie sei unschuldig – ganz im Gegensatz zum betrügerischen Cagliostro, den sie als Strippenzieher beschuldigte.
Die Pariser Bevölkerung erhebt den Scharlatan zum Volkshelden
Unschuldig landeten Cagliostro und Lorenza nun in der Bastille – und wenn es in den Reihen der Aristokratie und des Bürgertums noch jemanden gab, der nicht wusste, wer Cagliostro war, so änderte sich das in den folgenden Monaten. Im Zuge seiner Verteidigung wandte sich Cagliostro an die Öffentlichkeit und präsentierte sich als gesetzestreuer und selbstloser Heiler.
In Paris wurde er auf diese Weise zum Volkshelden, zum prominentesten Opfer der verhassten absolutistischen Willkürherrschaft, in einer Zeit, als Frankreich nur drei Jahre von der Revolution trennten. Schnell wurde der Regierung klar, dass sie Gefahr lief, einen Märtyrer zu erschaffen. Auf seinen Freispruch folgte umgehend die Verbannung, woraufhin sich das Ehepaar Cagliostro in einem regelrechten Triumphzug zur Küstenstadt Boulogne-sur-Mer und von dort aus erneut nach England begab.
Cagliostro war frei, und er hatte neue Bewunderer in Hülle und Fülle für sich gewonnen. Allerdings nahm auch die Zahl seiner Gegner zu. Bis zur Halsbandaffäre waren insbesondere in Mittel- und Osteuropa immer wieder Stimmen laut geworden, die Cagliostro finstere Bündnisse im Kampf gegen die Aufklärung unterstellten, doch nun schlugen die herrschenden Eliten in Frankreich und Südeuropa Alarm, die in Cagliostro einen Verbündeten der revolutionären Massen zu erkennen glaubten. Eine ungleiche Allianz trachtete danach, Cagliostro zu diskreditieren – am besten, indem man ans Licht brachte, wer sich wirklich hinter dem mysteriösen Grafen verbarg.
In den folgenden Jahren gab es wohl niemanden, der sich nicht zu Cagliostro geäußert hätte. Und Cagliostro selbst, der diese politische Rolle nie gewollt hatte, sah sich zunehmend in seiner Arbeit behindert. Das herrschende Misstrauen verdarb sein Geschäft, und größere Enthüllungen waren nicht mehr fern.
Im März 1787 reiste er nach Basel – zuerst ohne Lorenza, die sich kurz darauf öffentlich gegen ihn wandte, ihm schließlich doch in die Schweiz folgte und dort von ihm gezwungen wurde, ihre Äußerungen zu widerrufen. Vielleicht war die Schweiz der letzte sichere Ort für Cagliostro, denn die anschließende Reise des Ehepaares durch Norditalien glich einer Flucht. Überall wurden sie rasch wieder ausgewiesen – bis sie sich nach Rom wandten.
Der Schwindel hat ein Ende, doch die Faszination bleibt
Unklar ist, warum Cagliostro sich entschloss, der Kurie so nahe zu kommen. Möglicherweise machten ihn einige einflussreiche Kirchenmänner glauben, er könne die Hetzjagd beenden, indem er zum Informanten werde, zum Spitzel des Papstes in den Reihen der vermeintlich gefährlichen Freimaurer. Dafür würde sprechen, dass er scheinbar völlig sorglos in Rom seinen üblichen Tätigkeiten nachging – bis er verhaftet, inhaftiert und von der Inquisition verhört wurde.
Während Lorenza bereitwillig gegen ihren Mann aussagte, hüllten sich seine Unterstützer in Schweigen. Das Heilige Offizium entschied, dass Cagliostro, von dem man inzwischen wusste, dass er eigentlich Balsamo hieß, ein blasphemischer Umstürzler war, der als sogenannter Groß-Kophta seiner gefährlichen Loge die Ordnung in Europa auf den Kopf stellen wollte. Es fiel das Todesurteil, das allerdings kurz darauf in lebenslängliche Haft umgewandelt wurde.
Am 26. August 1795 starb Cagliostro angeblich an den Folgen eines Schlaganfalls auf der Festung San Leo. Der Mann, der schon zu Lebzeiten ein ganzes Genre an Literatur hervorgebracht hatte, sollte auch nach seinem Tod noch lange die Künstler und Denker beschäftigen. Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneder setzten ihm mit der Sarastro-Figur in der „Zauberflöte“ 1791 ein Denkmal, das Goethe mit seiner Komödie „Der Groß-Cophta“ gleich wieder einzureißen versuchte. Die Faszination blieb bestehen und inspiriert bis heute Spekulationen über den Grafen, der nie zugab, Giuseppe Balsamo zu sein.
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