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Der Mann, der Robinson Crusoes Vorbild war
Der schottische Seemann Alexander Selkirk verbrachte zu Beginn des 18. Jahrhunderts vier Jahre und vier Monate auf einer einsamen Pazifikinsel. Das Abenteuer diente dem Schriftsteller Daniel Defoe als Inspiration für seinen Robinson-Crusoe-Roman. Allerdings als nur eine unter mehreren.
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Daniel Defoe (1660–1731) hatte erst Erfolg, als ein einsamer Abenteurer in sein Leben trat: Alexander Selkirk wurde im Roman zu Robinson Crusoe. Bis zum Erscheinen des Bestsellers im Jahr 1719 war Defoes Dasein eine Aneinanderreihung von Missgeschicken. Defoe konnte nicht mit Geld umgehen und war bereits als junger Erwachsener chronisch verschuldet. Bald geriet er auch mit dem Gesetz in Konflikt.
Die Teilnahme an der gescheiterten Rebellion 1685 gegen den letzten katholisch-anglikanischen König Jakob II. brachte den 25-Jährigen vor Gericht. Anders als der Rädelsführer, der Herzog von Monmouth (ein illegitimer Sohn von Jakobs Vorgänger Karl II.), endete Defoe nicht auf dem Schafott, sondern wurde begnadigt. Auch beruflich kam Defoe nicht richtig auf die Beine. Er investierte in riskante Schiffsbeteiligungen und schlitterte prompt in den Bankrott. Nachdem er seine Schulden nicht bezahlen konnte, blieb ihm das Gefängnis diesmal nicht erspart.
Anschließend versuchte sich Defoe als Journalist. Seine politischen Kommentare in der von ihm gegründeten Zeitschrift „The Review“ fanden durchaus Beachtung. Die Publikation erschien fast ein Jahrzehnt lang.
Defoe ergriff Partei für die Glorious Revolution, die England zur konstitutionellen Monarchie machte, und unterstützte die protestantischen Nonkonformisten in ihrem Kampf gegen die etablierte Kirche. Als Anfang des 18. Jahrhunderts mit Königin Anne eine erklärte Reaktionärin auf den Thron folgte, erlitt Defoe den nächsten Tiefschlag. Seine Schriften wurden verboten, er hielt sich nicht daran und landete erneut im Gefängnis.
Auf einem abgelegenen Eiland im Südpazifik finden britische Kaperschiffe einen Schotten
Wieder in Freiheit, schlug Defoe eine weitere Karriere ein, neben der journalistischen: Er wurde Schriftsteller. Mit seinen Gedichten, Satiren und fortan auch in Buchform veröffentlichten Pamphleten konnte er sich über Wasser halten. Zu viel mehr reichte es allerdings nicht.
Dann trat Alexander Selkirk in sein Leben. Defoe hatte den Bericht eines Weltumseglers gelesen: Woodes Rogers, unterwegs als Freibeuter Ihrer Majestät mit dem Auftrag, möglichst viele Schiffe unter der Flagge des Erzfeinds Spanien aufzubringen, hatte auf seiner Kapermission den Globus umrundet – ohne eines seiner eigenen Schiffe zu verlieren. Das war vor ihm noch keinem britischen Kapitän gelungen. Stattdessen kam ein unvorhergesehener Passagier hinzu.
Am 1. Februar 1709 ankerten der Dreimaster „Duke“ und das Schwesterschiff „Duchess“ zur Trinkwasseraufnahme nahe einer vermeintlich unbewohnten Insel: Más a Tierra lag weit abseits der chilenischen Küste. Der nächste Hafen, Valparaíso, war 360 Seemeilen (670 Kilometer) entfernt. Doch schon der Ausguck erspähte ein Feuer. Was war da los? Rogers ließ ein Erkundungsboot zu Wasser.
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„Unverzüglich kehrte unsere Pinasse vom Ufer zurück“, vermerkte Kapitän Rogers in seinem Bericht, „mit einer Unmenge Langusten und einem Mann, gekleidet in Ziegenfelle, der wilder aussah als diejenigen, die sie zuerst am Leib hatten.“ Es dauerte eine Zeit lang, bis der Kapitän aus seinem Gast schlau wurde. Das lag vor allem an dessen merkwürdigem Englisch. Schon der offenkundig schottische Dialekt erschwerte das Verständnis. Hinzu kam die lange Entwöhnung vom Gebrauch der Sprache.
„Als er das erste Mal an Bord kam“, notierte Rogers, „hatte er so viel vergessen, dass wir ihn kaum verstehen konnten. Sämtliche Wörter sprach er nur halb aus. Wir boten ihm ein Glas Branntwein an, aber er rührte es nicht an. Die ganze Zeit auf der Insel hatte er nichts als Wasser getrunken; und er brauchte einige Zeit, bis er unseren Proviant vertrug.“
Selkirk ist ganz auf sich gestellt und lebt von den Gaben der Natur
Vier Jahre und vier Monate hatte der seltsame Mann auf Más a Tierra verbracht, wie Rogers bald herausfand. Doch schiffbrüchig war er nicht. Der scheinbar Gestrandete hieß Alexander Selkirk und stammte aus Lower Largo in der Region Fife, am Nordufer des Firth of Forth, gegenüber Edinburgh. Seit frühester Jugend war er auf verschiedenen Schiffen unterwegs, zunächst als Schiffsjunge, dann als Matrose. Schließlich stieg er zum Navigator auf.
Am letzten Apriltag 1703 war Selkirk von England aus zu einer Kapermission aufgebrochen, im Verbund mehrerer Schiffe, ähnlich wie nach ihm Rogers. Doch stand Selkirks Fahrt unter keinem guten Stern: Ein Teil der Mannschaft fiel dem Skorbut zum Opfer, darunter auch einer der Kapitäne. Schließlich gelang es den Freibeutern, doch noch einige spanische Galeonen aufzubringen. Halbwegs zufrieden mit der Beute lösten die Briten ihren Verbund auf, die einzelnen Schiffe gingen eigene Wege. Selkirks Segler, die „Cinque Ports“, nahm Kurs auf Kap Hoorn.
Wie später Rogers ließ der erst 21-jährige Kapitän Thomas Stradling – er war seinem an Skorbut verstorbenen Vorgänger ins Amt gefolgt – vor Más a Tierra Anker werfen. Noch während die Vorräte aufgefüllt wurden, gerieten Selkirk und Stradling in Streit. Der Navigator hielt die „Cinque Ports“ für kaum mehr seetüchtig, der Kapitän wollte sich nicht auf solche Diskussionen einlassen.
Am Ende weigerte sich Selkirk, die Fahrt an Bord fortzusetzen. Sein Argwohn stellte sich als berechtigt heraus: Die „Cinque Ports“ verließ Más a Tierra Ende September. Auf nördlichem Kurs sollte sie noch im selben Jahr vor der kolumbianischen Küste im Pazifik versinken.
Als Selkirk auf eigenen Wunsch auf der Insel ausgesetzt worden war, hatte man ihm Kleidung und Bettzeug, eine Muskete, dazu ein zusätzliches Feuerschloss, ein Pfund Pulver, die entsprechende Menge Kugeln, ein Messer, etwas Werkzeug, darunter ein Beil und ein Hammer, ausreichend Nägel und einen Kessel gelassen. Zur Befriedigung leiblicher Genüsse hatte er sich eine Extraration Tabak, zur geistlichen Erbauung eine Bibel sowie ein paar Bücher erbeten. Für den Fall, dass er doch einmal von der Insel aufbrechen wollte, bewahrte er eine Anzahl nautischer Instrumente auf.
Zunächst hatte Selkirk nur eine Wahl: Er musste sich in der Wildnis zurechtfinden und von dem ernähren, was die Natur für ihn bereithielt. Exakt 93 Quadratkilometer umfasste sein Gefängnis, etwas mehr als halb so viel wie Liechtenstein. Bewohnt schien die Insel nicht zu sein. Selkirk war also ganz auf sich allein gestellt.
Rogers machte eine erstaunliche Entdeckung: „Er [Selkirk] führte Buch über 500 Ziegen, die er getötet, und noch einmal so viele, die er gefangen, am Ohr markiert und wieder freigelassen hatte.“ Doch wie stellte Selkirk den Ziegen nach, wenn er sie nicht schoss? „Im Laufschritt“, schrieb Rogers, „denn seine Lebensweise und die ständige Übung im Gehen und Rennen zeigten rasch einen Trainingseffekt. Bald rannte er in einer herrlichen Geschwindigkeit durch die Wälder und hinauf auf die Felsen und Hügel. Davon konnten wir uns überzeugen, als wir ihn anheuerten, um für uns die Ziegen zu fangen.“
Aus dem Ziegenfleisch kochte Selkirk Suppe, Eiweiß lieferten ihm die Langusten, an Früchten aß er Pflaumen, an Gemüse Rüben und Kohl. Ihm fehlte nur Salz zum Würzen – Pfeffer gab es im Überfluss – und Getreide, um Brot zu backen. Nachdem ihm das Pulver ausgegangen war, lernte er, durch Aneinanderreiben trockener Pimenthölzer Feuer zu machen.
Die Rückkehr in die Zivilisation fällt dem Einsiedler nicht leicht
Eine Zeit lang konnte Selkirk so überleben. Aber doch nicht vier Jahre und vier Monate! Zu Beginn seiner Zeit war er mit Hüttenbau und Nahrungsbeschaffung zu sehr beschäftigt, um groß Trübsal zu blasen. Je mehr Herausforderungen er jedoch meisterte, je besser es ihm gelang, sich in der anfangs feindlichen Umwelt zurechtzufinden, und je bereitwilliger er sich den naturgegebenen Bedingungen anpasste, desto mehr Zeit blieb dem Einsiedler, über sein Schicksal und seine Zukunft nachzudenken. Immer häufiger stellten sich Melancholieschübe ein; zumal auch eine Ahnung die Oberhand gewann, er werde vielleicht nie wieder von seiner Insel fortkommen.
So bequem sich sein Leben inzwischen gestaltete, ewig hätte es Selkirk auf Más a Tierra kaum ausgehalten. Nach wie vor fehlte ihm die Gegenwart eines anderen Menschen, insbesondere der für das emotionale Überleben notwendige soziale Austausch. Dieser Mangel wird Selkirk immer bewusster geworden sein. Hätte er sonst ein Feuer entfacht und vorbeiziehende Schiffe auf sich aufmerksam gemacht?
Letzteres bedeutete auch Gefahr. Zweimal hatte Selkirk ungebetenen Besuch auf seiner Insel erhalten. Beide Male waren es spanische Segler, die ihre Vorräte auffrischten. Er zog es vor, unentdeckt zu bleiben: Als Angehöriger einer feindlich gesinnten Nation wäre der Brite womöglich statt an Deck im Bauch eines iberischen Schiffes gelandet und in Ketten gelegt worden. Nun jedoch, da ein englischer Kapitän seiner Insel die Ehre erwiesen und Anker geworfen hatte, zögerte Selkirk keine Sekunde. Freudig nahm er den ihm von Rogers auf der „Duke“ angebotenen Arbeitsplatz als Zweiter Maat an.
Wie ging es nun weiter mit Selkirk? Als der Gerettete Más a Tierra verließ, war er 33 Jahre alt. An Bord der „Duke“ muss er sich geschickt angestellt und schnell beliebt gemacht haben. Rogers jedenfalls vertraute ihm das erste nach Selkirks Rettung gekaperte Schiff an. War die umgetaufte „Increase“ noch ein vergleichsweise mickriger Kahn, bescherte das Jahresende den Freibeutern mit der „Nuestra Señora“ eine prächtig ausgestattete spanische Galeone. Wieder erhielt Selkirk das Kommando.
Noch zwei Jahre blieb er auf Kapermission auf den Weltmeeren unterwegs. Dann zog es ihn wieder an Land, zunächst nach London. Sein Anteil an Rogers’ Beutezügen erlaubte Selkirk einen großzügigen Lebensstil. Fern aller Geldnöte beschlichen ihn andere Ängste: Der langjährige Einsiedler hatte seinen isolierten, doch weitgehend stressfreien und auch recht idyllischen Inselalltag gegen den Trubel in Englands Hauptstadt eingetauscht: „Ich bin mittlerweile 800 Pfund schwer“, wird Selkirk, auf seinen Reichtum anspielend, von seinem ersten Biographen John Howell zitiert, „aber ich werde nie wieder so glücklich sein wie zu der Zeit, als ich noch nicht einmal einen Viertelpenny [im Original: „Farthing“, damals die kleinste englische Münze] wert war“.
Bald war Selkirks Glück aufgebraucht. Für ein Leben an Land schien er nicht mehr geschaffen. Zu den seelischen Problemen, noch einmal verschärft durch einen leichtfertigen Lebenswandel, gesellten sich erste Geldsorgen. Mangelnde Perspektiven, vergebliche Sinnsuche und zunehmend materielle Nöte ließen Selkirk in Nostalgie flüchten: Die Sehnsucht nach „seiner“ Insel mischte sich mit dem Heimweh nach seinem schottischen Geburtsort.
„Vielleicht“ kreuzen sich sogar die Lebenswege Selkirks und Defoes
Noch hatte Selkirk nicht sein komplettes Vermögen verjubelt. Die verbliebene Summe besserte er auf, indem er jedem, der sie hören wollte, seine Geschichte erzählte; gegen Bares oder auch für ein warmes Mittagessen. Abwechselnd lebte er nun in London, seinem Heimatort Lower Largo und Bristol. Vom Hafen an der Westküste, nach London und Norwich damals die drittgrößte englische Stadt, brachen viele Schiffe zu Entdeckungsreisen Richtung Karibik und südamerikanischem Pazifik auf.
Bristol wird auch als der Ort gehandelt, an dem sich Alexander Selkirk und der Autor von „Robinson Crusoe“ womöglich persönlich trafen. Daniel Defoe hatte zahlreiche Reisen innerhalb Englands und Wales’ unternommen; auch mit dem Ziel, die Berichte einmal zu veröffentlichen – wie später in seinem Band „A Tour thro’ the Whole Island of Great Britain“ geschehen. In Bristol hatte Defoe nicht nur häufiger übernachtet. Er hatte auch Kontakt zu lokalen Geschäftsleuten, Anwälten und Politikern gesucht, da er in seine Reisebetrachtungen neben touristischen ebenfalls ökonomische Aspekte einfließen ließ.
Einer dieser Kontakte war vermutlich Nathaniel Wade. Etwas jünger als Defoe, hatte er ebenfalls an Monmouths Rebellion teilgenommen. Er wurde verurteilt und kam ins Gefängnis, doch wie Defoe in den Genuss einer Begnadigung. Wade zog nach Bristol, wurde Anwalt, anschließend Beamter in der Stadtverwaltung und betätigte sich als Unternehmer. Seine Tochter Damaris berichtet von einem Besuch Defoes in ihrem Elternhaus. Im Verlauf seines Aufenthalts in Bristol sei Defoe dann, Zufall oder nicht, mit Selkirk zusammengekommen.
Defoe hatte Kapitän Rogers’ Bericht gelesen, Selkirk war ein regelmäßiger Gast in Bristols Kneipen. Das von Damaris, verheiratete Mrs. Daniel, kolportierte Treffen soll im Pub „Llandoger Trow“ in Bristols King Street stattgefunden haben. Auch die britische Wikipedia geht von einer solchen Zusammenkunft aus und verweist auf das offizielle Portal der Tourismusbehörde als Quelle. Die pubeigene Webseite erwähnt dagegen nichts von einer Begegnung Defoes mit Selkirk.
Und tut gut daran: „Wir haben nur die Aussage von Mrs. Daniel“, fasst der Defoe-Spezialist und emeritierte Literaturprofessor an der Universität Cambridge, Pat Rogers, den Sachverhalt zusammen. „Die Andeutung, dass Selkirk und Defoe sich irgendwo, geschweige denn in Bristol, getroffen hätten, wurde Jahre nach der Begebenheit gemacht.“ Außerdem sei nirgends dokumentiert, dass Wades Tochter mit Defoe befreundet oder mit Selkirk bekannt war.
John Ross Browne, ein weiterer Defoe-Experte und Buchautor („Crusoe’s Island“), pflichtet Pat Rogers bei. Der Gedanke, es gebe nur eine einzige Vorlage für die Figur des Robinson Crusoe, sei eine „falsche Voraussetzung“. Vielmehr sei die Geschichte hinter dem Roman „eine komplexe Mischung sämtlicher damals kursierender Überlebensberichte von Freibeutern“.
Dem wäre noch hinzuzufügen, dass der Romanheld ein privater Handelsreisender und Selkirk ein Pirat war. Selbst Defoes wohl renommierteste Biographin Paula Backscheider weist einen ausschließlichen Beitrag Selkirks an der Robinson-Figur entschieden zurück: „Selkirk wird definitiv nicht als Hauptquelle gesehen.“ Zu jener Zeit hätten zahlreiche Darstellungen mit ähnlicher Thematik kursiert, aus denen Defoe sich bedienen konnte.
Dennoch lebt der Defoe-Selkirk-Mythos fort. Jüngst besang ihn die Bristoler Folkband The Longest Johns. In ihrem Anfang 2024 veröffentlichten Lied „The Llandoger“ heißt es über den Pub: „… mit dem Sound vergangener Jahrhunderte und der Geschichte im Gebälk, wo Defoe und Stevenson sich die Welt zurechtrückten.“ Robert Louis Stevenson? Ach ja, um den Autor der „Schatzinsel“ rankt sich eine weitere Legende: Ihn soll der Llandoger ebenfalls inspiriert haben, zum Gasthof „Admiral Benbow“, der in Stevensons Abenteuer- und Seeräuberklassiker den Eltern des Ich-Erzählers Jim Hawkins gehörte.
Selkirks Leben blieb ein stetes Auf und Ab. Es folgten wilde Jahre in Britanniens Metropole, geprägt von Alkohol, gelegentlichen Affären und finanziellen Abstürzen. Auch in Lower Largo, wohin er regelmäßig zurückkehrte, war Selkirk längst zum Außenseiter geworden. Wieder einmal stürzte er sich in eine Liebesbeziehung.
Mit der 16-jährigen Sophia Bruce brannte Selkirk schließlich nach London durch. Die beiden heirateten, trennten sich aber nach kurzer Zeit. Selkirk fuhr inzwischen wieder zur See. Während eines längeren Landaufenthalts in Plymouth verliebte er sich erneut und schloss eine weitere Ehe. Ob diese glücklich wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls brachte sie ihm eine Anklage wegen Heiratsschwindels ein.
Bevor ihm eine Behörde auf den Pelz rücken konnte, heuerte er wieder an, diesmal bei der königlichen Marine. Seine letzte Fahrt machte Selkirk, wieder im Offiziersrang, auf der „Weymouth“, einem Piratenjäger, der vor der afrikanischen Westküste kreuzte. Beim Landgang zur Vorratsauffrischung im Delta des Gambiaflusses fing er sich Gelbfieber ein. Selkirk starb am 13. Dezember 1721.
Defoe ist nicht reich geworden, hat aber einen Klassiker geschrieben
Defoe veröffentlichte seinen Roman über das Leben und die Abenteuer des Robinson Crusoe noch zu Lebzeiten Selkirks, im April 1719. Das Buch verkaufte sich nicht schlecht. Allein im ersten Jahr erschienen drei Neuauflagen, wenn auch in niedriger Exemplarzahl. In den folgenden fünf Jahren schrieb Defoe ebenso viele Romane, allesamt mit mäßigem Erfolg.
Am Ende seines Lebens war Defoe nicht weniger stark verschuldet als zu Beginn seiner Karriere. Die Gläubiger blieben ihm auf den Fersen, wiederholt saß er im Schuldnergefängnis ein. Defoes eher elende Existenz endete am 24. April 1731, immerhin in Freiheit. Richtig Geld brachte Daniel Defoes berühmtestes Buch erst nach dem Ableben des Autors ein. Allein bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erschienen nicht weniger als 700 verschiedene Ausgaben von „Robinson Crusoe“, darunter Kinderbücher und reine Bildergeschichten ohne Text. Und natürlich internationale Editionen, manche in sehr exotische Sprachen übersetzt wie Koptisch, Maltesisch und Inuit.
Das Eiland des Archipels der Juan-Fernández-Inseln, auf der Selkirk vier Jahre und vier Monate gelebt hatte, wurde 1966 in Isla Robinson Crusoe umbenannt – zu Ehren Defoes. Der Tag, an dem Selkirk 1709 gefunden wurde, also der 1. Februar, wird jedes Jahr weltweit als Robinson-Crusoe-Tag begangen. Auch dieses Datum scheint mehr der Fiktion als der Realität geschuldet.
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