Edvard Munch wurde 1863 in Løten in der norwegischen Provinz Hedmark geboren. Seine Mutter starb mit 33 Jahren an Tuberkulose, als Munch fünf Jahre alt war; 1877 wurde seine ältere Schwester Sophie Opfer der Schwindsucht. Tod und Krankheit begleiteten die Familie zeit seines Lebens und sollten Munchs Werk ebenso maßgeblich prägen wie seine chronische manisch-depressive Störung. Auf Wunsch des Vaters begann Munch 1879 ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Kristiania, dem heutigen Oslo, ein Jahr später wurde er an die Königliche Zeichenschule zugelassen. Mehrere Aufenthalte in Paris führten ab 1885 zu Munchs Bruch mit dem impressionistischen Stil. Nach dem Tod seines Vater 1889 und einer tiefen Depression entwickelte Munch in einer Art expressivem Symbolismus Metaphern und Bildformeln für innere Erlebnisse und wurde zum Wegbereiter des Expressionismus. Munchs zunehmender künstlerischer Erfolg zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging mit ruhelosen Aufenthalten in Paris und Berlin einher und wurde zunehmend von Alkoholproblemen und psychischen Konflikten begleitet. Nach einem Nervenzusammenbruch und einer mehrmonatigen Behandlung im Spätsommer 1908 ließ sich Munch wieder fest in Norwegen nieder. 1916 erwarb Munch das Anwesen Ekely in der Nähe von Kristiania, wo er bis zu seinem Tod am 23. Januar 1944 zurückgezogen, aber überaus produktiv lebte.
Im Gegensatz zu der gängigen Einschätzung, die Munch im letzten Lebensdrittel als gequälten und isolierten Menschen sieht, zeigt die Ausstellung „Edvard Munch. Der moderne Blick“ den Künstler auf der Höhe der ästhetischen Debatten seiner Zeit und demonstriert, dass er sich in seinem Schaffen beständig im Dialog mit den neuesten Darstellungsformen befand. In elf Räume und neun thematische Bereiche gegliedert illustriert eine reiche Auswahl wichtiger Gemälde und Arbeiten auf Papier, wie Munchs Kinobesuche, die Lektüre von Illustrierten und sein naturwissenschaftliches Interesse ebenso Einfluss auf seine malerische Praxis hatten wie seine eigenen Experimente mit Fotografie und Film. Ebenso führten seine Bühnenbilder für das moderne Theater zu einer neuen räumlichen Beziehung zwischen Betrachter und Bildmotiv. Weitere Markenzeichen des „späten“ Munch sind die zahlreichen Wiederholungen von Sujets und die häufig damit verbundene Reduzierung auf eine prägnante Ausdrucksform.
Edvard Munch kehrte in Kopien, Neubearbeitungen und Variationen oft nach Jahren und selbst Jahrzehnten immer wieder zu bestimmten Themen zurück. Sechs Versionen von Das kranke Kind, sieben von Mädchen auf der Brücke und zehn von Vampir offenbaren die Wiederholung als eine der wesentlichen Konstanten in Munchs Werk. Besonders obsessiv beschäftigte sich Munch mit dem Motiv einer weinenden, nackt vor einem Bett stehenden Frau. Im Zeitraum zwischen 1906 und 1930 schuf er sechs Gemälde sowie mehrere Zeichnungen, eine Fotografie, einen Druck und eine Skulptur zu diesem Thema. In dieser Art der Wiederholung über die ganze Bandbreite der Munch zur Verfügung stehenden Medien hinweg zeigt sich nicht nur eine fast manische Besessenheit von diesem Thema. Damit ist Munch auch zweifellos derjenige Künstler seiner Generation, der sich der für die Kunst des 20. Jahrhunderts grundlegenden Frage der Reproduzierbarkeit des Kunstwerks mit dem größten Scharfblick gestellt hat.





