In seiner politischen Biographie Amin el-Husseinis „Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten“ gelingt es dem Politologen Klaus Gensicke, ein realistisches Bild dieses zutiefst problematischen „Bewegers“ der Geschichte zu zeichnen. Husseini musste während der Mandatszeit zwischenzeitlich in den Libanon ins Exil fliehen, hielt sich zwischen 1941 und 1945 in Berlin auf, war intensiv in die diplomatischen Ränkespiele und Gewaltaktionen verstrickt, die während des Zweiten Weltkrieges den Nahen Osten prägten, so etwa in den 1941 gescheiterten prodeutschen Putsch Raschid Ali al-Gailanis in Bagdad, und genoss das Wohlwollen der meisten Nazi-Größen.
Besonders deutlich wird, dass El-Husseini keineswegs nur, weil es die politische Konstellation eben so hergab, von den Nationalisten instrumentalisiert wurde oder sich aus taktischen Gründen einspannen ließ; er warf sich vielmehr, wie Gensicke eindeutig zeigt, aus freien Stücken und als der weitaus aktivere Partner dem nationalsozialistischen Unrechtsregime an den Hals. Über die Massenvernichtung der Juden war el-Husseini, der nach Gensicke keineswegs nur antizionistisch war, sondern auch antijüdisch, und gute Kontakte zum Reichsführer-SS Heinrich Himmler unterhielt, nicht nur informiert, sondern er befürwortete sie uneingeschränkt. Er kann sogar als eine durchaus treibende Kraft in der Vernichtungsmaschinerie des Holocaust angesehen werden. Zum Beispiel, so legt der Autor dar, verhinderte er die Freilassung von 5000 jüdischen Kindern, die auf Initiative des Roten Kreuzes gegen 20000 gefangene deutsche Soldaten ausgetauscht werden sollten.
Diese Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf Argumente der arabischen Seite, die arabische Welt, die Palästinenser zumal, hätte nach 1945, insbesondere nach der Gründung Israels, „für Auschwitz zu büßen gehabt“, an dem sie gar nicht beteiligt und damit ganz unschuldig gewesen sei. Das Erbe dieses Extremisten, dem auch islamistische Anwandlungen nicht fern waren, lastet noch heute auf einem Teil der palästinensischen Gesellschaft.
Rezension: Lerch, Wolfgang Günter





