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Der Mythos von Marathon
Bei Marathon kam es 490 v. Chr. zur ersten militärischen Konfrontation zwischen Griechen und Persern. Über die Bedeutung der Schlacht wird seit der Antike kontrovers diskutiert. Die siegreichen Athener jedenfalls strickten kräftig an ihrem eigenen Mythos.
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Der deutsche Vordenker Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770 –1831) sah in dem Gefecht von Marathon einen Sieg der freien Individualität des Westens gegen den orientalischen Despotismus. Für den englischen Philosophen John Stuart Mill (1806–1873) war Marathon wichtiger als die Schlacht von Hastings, die 1066 zur Machtübernahme der Normannen in England führte.
Antike Beobachter beurteilten die Bedeutung der Auseinandersetzung in Attika nüchterner. Der aus Chios stammende Historiker Theopomp schrieb im 4. Jahrhundert v. Chr., die Athener selbst hätten im Nachklang das Geschehen aufgebauscht, in Wirklichkeit habe es sich um eine eher marginale Angelegenheit gehandelt. Ihm sekundierte später der renommierte Philosoph und Biograph Plutarch (um 46 – um 120), indem er despektierlich von einem Scharmützel am Strand sprach.
Reden die genannten Persönlichkeiten wirklich von ein und demselben Ereignis? Bei der Bewertung historischer wie auch gegenwärtiger Ereignisse ist es immer empfehlenswert, zwischen Fakten und Deutungen zu unterscheiden. In der antiken Geschichte gilt dies insbesondere für die Schlacht von Marathon, die es trotz der antiken Vorbehalte in jeden Kanon großer Schlachten der Geschichte geschafft hat. Die Schlacht von Marathon wurde und wird viel erzählt, viel zitiert, viel interpretiert. Aber was ist wirklich passiert, was sind die belastbaren Fakten? Und warum ranken sich gerade um Marathon so viele Mythen und Legenden?
Im Herbst des Jahres 490 v. Chr. landete ein Expeditionsheer der Supermacht Persien mit ungefähr 20 000 Mann an der Ostküste Attikas an einer Stelle, die ungefähr 42 Kilometer von der Stadt Athen entfernt liegt. Unterwegs war die Flotte im Auftrag des persischen Großkönigs Dareios I. Geführt wurde sie von den Offizieren Datis und Artaphernes. Sie war von den persischen Militärstützpunkten im westlichen Kleinasien aus in See gestochen.
Zunächst hatte die Flotte Kurs auf die Insel Euböa genommen. Nach kurzer Belagerung eroberten die Perser dort die Stadt Eretria, steckten sie in Brand und deportierten einen Teil der Bewohner ins ferne Asien. Dann nahmen sie Attika und Athen ins Visier. Nach offizieller persischer Lesart handelte es sich bei diesen Aktionen um eine Strafmaßnahme für die Unterstützung, die Athen und Eretria den ionischen Griechen ein paar Jahre zuvor bei deren Aufstand gegen die persische Herrschaft hatten zukommen lassen.
Ein exilierter Athener auf Seiten der Perser wählt den Standort der Schlacht
Herodot sagt, der Großkönig habe die Athener „zu Sklaven machen wollen“. Hinter dieser Aussage steht aber weniger Realität als Propaganda der Athener: Die Perser waren eben, so sollte suggeriert werden, von einem unbezähmbaren Drang zum Herrschen getrieben. Bemerkenswert ist jedoch, dass eine solche Behauptung bei den Griechen mit Aussicht auf Glaubwürdigkeit verbreitet werden konnte.
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Die Ebene von Marathon hatten Datis und Artaphernes auf Anraten des ehemaligen athenischen Tyrannen Hippias als Landungsort ausgewählt. 20 Jahre zuvor war er von den Athenern gestürzt worden und hatte seitdem im persischen Exil gelebt, während die Athener eine Demokratie eingerichtet hatten – die erste in Griechenland und die erste überhaupt in der Geschichte.
Der Ex-Tyrann befand sich an Bord eines der Schiffe, die bei Marathon an Land gingen. Zu den Fakten kann gezählt werden, dass er hoffte, mit Hilfe der Perser wieder in seine frühere Position eingesetzt zu werden. Hippias hatte in der ländlichen Umgebung von Marathon noch viele Anhänger. Doch diese Hoffnung erfüllte sich ebenso wenig wie der Plan der Perser, die Athener in die Schranken zu weisen.
Denn diese verschanzten sich nicht in der Stadt, sondern zogen mit einem Bürgerheer von etwa 10 000 Mann den Angreifern entgegen. Unter diesen befanden sich auch einige hundert Kämpfer aus dem böotischen Platää. Sie waren die einzigen Griechen, die die Athener unterstützten. Die Spartaner, Führungsmacht „Nummer eins“ in Griechenland, hatten abgewunken, als die Athener sie um Hilfe gebeten hatten.
Angeblich begründeten sie ihre Weigerung mit einem religiösen Argument: Sie würden den Athenern natürlich gerne zur Seite stehen. Aber sie dürften vor Vollmond nicht ins Feld ziehen, deshalb sollten die Athener schon einmal allein anfangen. So berichtet es Herodot.
Jedoch ist nicht auszuschließen, dass diese Information nicht zu den Fakten zu zählen ist, sondern zur propagandistischen Instrumentalisierung der Marathon-Schlacht, wie sie vor allem von Seiten der Athener vorgenommen wurde. Die Spartaner, die stärkste Macht in Griechenland, konnten oder wollten nicht helfen, da haben es die Athener eben selbst gemacht, so die Botschaft.
Die Strategie, nicht in Athen auf die Perser zu warten, sondern ihnen am Landeplatz in der Ebene von Marathon einen unerwarteten Empfang zu bereiten, ging nach den sich in Athen etablierenden demokratischen Spielregeln auf einen formellen Volksbeschluss zurück. Den Antrag dazu hatte Miltiades gestellt, der als Held von Marathon in die Geschichte eingegangen ist. Miltiades kommandierte das Heer der Athener in der Schlacht.
Zunächst setzte er auf die Karte des Abwartens. Dann aber, nach einigen Tagen des gegenseitigen Beobachtens und Abtastens, ergriff der griechische Stratege die Initiative und setzte mit seinen Hopliten zu einem Sturmlauf gegen die persischen Kontingente an. Erstaunt mussten diese feststellen, dass die Griechen in einer unkonventionellen Interpretation der Kriegsregeln einfach unter dem Hagel der gefürchteten persischen Pfeile hindurchliefen.
Die Athener zwingen den Gegner zum Rückzug
Und jedes Kind in Athen konnte in der Rückschau genau erzählen, was dann geschah: Die Perser warfen die Anstürmenden im Zentrum zunächst zurück, doch gelang es Miltiades, mit Hilfe der starken Kräfte im Flügel seines Heers die Gegner erneut unter Druck zu setzen. Mit Müh und Not retteten sich die Überlebenden auf die Schiffe. Datis wusste, dass der Großkönig Dareios im fernen Susa eine Erfolgsmeldung erwartete. So versuchte er, aus der Situation noch einigermaßen glimpflich herauszukommen, und dirigierte die Flotte um das Kap Sounion herum in Richtung Athen.
Doch die Hoffnung, die Stadt einnehmen zu können, weil sich die Soldaten ja in Marathon befanden, erfüllte sich nicht. Miltiades hatte, in der richtigen Erkenntnis dessen, was die Perser vorhatten, seine Armee in einem Gewaltmarsch zurückbeordert. Als die Perser nun im Hafen von Phaleron, im Schlagschatten der Akropolis, dieselben Kämpfer wiedersahen, gegen die sie gerade bei Marathon den Kürzeren gezogen hatten, gaben sie resigniert auf und zogen endgültig ab.
Die Bilanz des Geschehens: Die Perser hatten 6400 Todesopfer zu beklagen, auf der Seite Athens starben 192 Kämpfer, die sofort Aufnahme in die bei den Griechen gut bestückte Ruhmeshalle heroischer Krieger fanden.
Es war das erste Mal, dass das griechische Mutterland von den Persern angegriffen wurde. Zuvor hatte es bereits Expeditionen nach Thrakien und Makedonien gegeben, so zwei Jahre vor Marathon die Feldzüge des Mardonios. Doch galten den Griechen diese Gebiete damals als Randregionen, die nicht wirklich zu Hellas gehörten.
Die Verantwortlichen in Athen waren gut im Bild darüber, was im Perserreich passierte und was dort geplant wurde. Im Reich der Achämeniden lebten genug griechische Exilanten und Migranten, die als Söldner, Techniker, Ärzte oder Architekten tätig waren und als Informanten dienen konnten. Der Angriff bei Marathon kam daher alles andere als überraschend. So hatten Miltiades und seine Mitstreiter die Gelegenheit gehabt, an einer wirkungsvollen Abwehrtaktik zu feilen.
Miltiades kennt die Verhältnisse in Persien aus eigener Anschauung
Zudem verfügte Miltiades selbst über erstklassige Kenntnisse des Perserreichs. In einer früheren Phase seiner Karriere war er auf der Thrakischen Chersones (heute heißt die Halbinsel an den Dardanellen Gallipoli) als Vasall der Perser aktiv gewesen und hatte sich in dieser Eigenschaft am Feldzug von Dareios I. gegen die Skythen beteiligt. Erst nach dem „Ionischen Aufstand“ kehrte er nach Athen zurück und nahm in einem pragmatischen Kurswechsel jene antipersische Gesinnung an, die aus ihm in der Überlieferung einen strahlenden Freiheitshelden machte.
Objektiv bedeutete die Schlacht von Marathon für Athen einen großen Prestigegewinn. Kein Zufall, dass ein paar Tage danach 2000 Spartaner in Athen erschienen, die es sehr eilig hatten, am Ort des Geschehens aufzutauchen. Als sie merkten, dass sie zu spät gekommen waren, um noch einzugreifen, „lobten sie“, wie der Historiker Herodot notiert, „die Athener und ihr Werk und kehrten wieder nach Hause zurück“.
Ob man diese noble Haltung zu den Fakten zählen darf und nicht eher zu den zahlreichen, vor allem von den Athenern gestreuten Mythen rund um Marathon rechnen muss, lässt sich nicht eindeutig klären. Die Spartaner kamen aber wohl weniger, um den Athenern anerkennend auf die Schulter zu klopfen, als vielmehr, weil sie es für ratsam hielten, als gefühlte Führungsmacht in der griechischen Staatenwelt an einem Ort des Sieges Präsenz und Flagge zu zeigen.
Was Marathon eine besondere Qualität verlieh im Rahmen der militärischen Auseinandersetzungen, die in dieser Zeit in Griechenland stattfanden, war die Supermacht Persien als Gegner. Innergriechische Kriege waren in dieser Zeit an der Tagesordnung. Irgendwo zwischen Sizilien und der kleinasiatischen Küste kämpften ständig Griechen gegen Griechen.
Die Gründe waren vielfältig. Grenzstreitigkeiten spielten ebenso eine Rolle wie innenpolitisch motivierter Streit. So gab es in vielen Poleis ständige Reibereien zwischen Tyrannen, Aristokraten und dem aufstrebenden Bürgertum. Die jeweils unterlegenen Parteien suchten Unterstützung in anderen Stadtstaaten, die so in diese Konflikte hineingezogen wurden.
Die Spartaner waren in Athen aktiv in die Konflikte im Streit zwischen den Anhängern der Tyrannis und den Protagonisten der Demokratie involviert. Als Hegemonialmacht der Griechen sah sich Sparta hier in der Pflicht, wollte man nicht an Ansehen und Einfluss einbüßen. Und auf der Peloponnes gab es immer wieder Reibereien mit dem Dauerkonkurrenten Argos, zuletzt im Jahr 494 v. Chr.
Athen selbst war unmittelbar vor Marathon in eine militärische Auseinandersetzung mit dem Nachbarn Ägina verwickelt. Als die Perser 490 v. Chr. ankamen, trafen sie also auf alles andere als eine harmonische Einheitsfront der Griechen.
Athen will gegenüber den anderen Hellenen Stärke demonstrieren
Vor dem Hintergrund dieser labilen Verhältnisse wurde die Schlacht von Marathon von den Athenern nicht nur zur eigenen Verteidigung, sondern auch mit Blick auf die anderen Stadtstaaten geführt. Das demokratische Athen, in den Jahrzehnten zuvor aus langwierigen Adelskämpfen hervorgegangen, musste sich bewähren und suchte nach Anerkennung. Der Angriff der Perser war den Athenern nun nicht gerade willkommen gewesen, kam aber auch nicht völlig ungelegen. Natürlich gingen Miltiades und seine Mitstreiter bei Marathon nicht als Favoriten aufs Schlachtfeld. Der Erfolg kam völlig unerwartet. Der Triumph der athenischen Bauern gegen die persischen Profikämpfer konnte schlicht als eine Sensation gewertet werden.
Aber als der Sieg da war, wurde er entsprechend für die Propaganda ausgeschlachtet. Nach Olympia und Delphi schickte man Weihegeschenke, die Gefallenen erhielten noch an Ort und Stelle ein demokratisches Gemeinschaftsbegräbnis statt individueller Gräber. Als die Perser zehn Jahre später unter König Xerxes eine neuerliche, nun groß angelegte Offensive starteten, diente die noch frische Erinnerung an Marathon für die Griechen als Motivation und Stimulans.
Die Perserfrage war mit Marathon nicht gelöst, sondern neu gestellt worden. Aber: Die Perser, so die Einsicht der Griechen, waren nicht unbesiegbar. Darin lag die eigentliche Bedeutung der Schlacht von Marathon. Als Retter der freien Welt des Westens gegenüber orientalischer Tyrannei sahen sich die Zeitgenossen im Gegensatz zu späteren Beurteilern, die das Ereignis in diesem Sinn instrumentalisierten, jedenfalls nicht.
Eindeutig zu den Mythen und nicht zu den Fakten gehört die Geschichte vom Marathonläufer. Die Athener, so wird berichtet, hätten einen Boten in die Stadt geschickt, der dort die freudige Nachricht vom Sieg verkünden sollte. Die 42 Kilometer vom Schlachtort bis zur Agora waren für den Marathonläufer jedoch zu viel: Völlig außer Atem überbrachte er die frohe Botschaft und brach dann tot zusammen.
Diese Geschichte, die unter anderem Plutarch erzählt, ist ein fiktiver Mix, der reale Begebenheiten legendär zu einem neuen Szenario kombiniert. Es gab einen Pheidippides (manche Quellen nennen ihn Philippides), einen Profiläufer, den die Athener beim Herannahen der Perser nach Sparta schickten, um dort um Hilfe zu bitten. Der Läufer soll dabei für die 200 Kilometer hin und 200 Kilometer zurück nur unglaubliche drei Tage gebraucht habe. Diese sportliche Höchstleistung war aber, wie gesehen, nicht von Erfolg gekrönt, weil die Spartaner ihre Unterstützung verweigerten.
Pate stand bei dem Mythos vom Marathonläufer auch die reale Geschichte, dass die schwerbewaffneten Kämpfer von Marathon gleich nach der Schlacht im Laufschritt Richtung Athen rannten. Ungeachtet der zweifelhaften Faktenlage wurde der Marathonlauf eine Disziplin bei den ersten modernen Olympischen Spielen 1896 in Athen (siehe DAMALS 6 -2024).
Ein verlorener Zahn als schlechtes Omen
Die schönste Geschichte aus dem umfangreichen Vorrat an Episoden rund um die Schlacht von Marathon liefert der Geschichtsschreiber Herodot. Sie gilt Hippias, dem ehemaligen Tyrannen, der sich von den Persern die Einsetzung in seinen alten Arbeitsplatz erhoffte. Er habe, so teilt der Historiker mit, vor der Marathon-Schlacht einen Traum gehabt. Er träumte, er schliefe bei seiner Mutter, und deutete den Traum nach dem Aufwachen als Hinweis darauf, dass er nach Athen zurückkehren, die Herrschaft wieder gewinnen und als Greis in seiner Heimat sterben werde.
Darauf ließ er, wie Herodot weiter erzählt, die Schiffe bei Marathon landen und vor Anker gehen. Als er die Truppen nach der Landung zur Schlacht aufstellte, passierte ein Missgeschick: „Bei dieser Tätigkeit musste er heftiger niesen und husten als sonst. Da er bereits ein alter Herr war, waren ihm fast alle Zähne locker. Bei dem starken Husten verlor er einen Zahn; der fiel in den Sand. Da gab er sich viel Mühe, ihn wiederzufinden. Als es ihm aber nicht gelang, seufzte er und sprach zu seiner Umgebung: ,Dieses Land gehört uns nicht; wir werden es auch nicht unterwerfen können. Was mir davon zugedacht war, gehört nun dem Zahn‘.“
Auch wenn die Menschen der Antike gerne an Träume glaubten: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geschichte vom Zahn des Hippias zu den Fakten von Marathon zählt, ist eher gering. Sie stammt wie so vieles andere aus der außerordentlich kreativen Mythen-Produktionsküche der Athener und sollte den Eindruck vermitteln, dass die Sache der Perser von Anfang an unter keinem günstigen Stern stand, weil der alte Tyrann einen Traum, den ihm die Götter eingaben, falsch gedeutet hatte. So konnte die Schlacht von Marathon gar nicht anders als mit einer Niederlage der Perser enden.
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