Francis Lieber wollte die Menschen in den USA für das Turnen begeistern. Das Brockhaus „Conversations-Lexicon“, aus dessen „Bilderatlas“ (1849) diese Abbildung stammt, spielte ebenfalls eine große Rolle für Liebers Projekte in der neuen Heimat.
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Der deutsche Emigrant Francis (Franz) Lieber weckte bei den US-Amerikanern die Begeisterung für Sport und Allgemeinwissen. Er animierte sie zum Turnen und schenkte ihnen mit der „Encyclopædia Americana“ ein erstes Konversationslexikon.
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Im Jahr 1827 landete der Berliner Franz Lieber (1798– 1872) in New York. Hätte es damals bereits ähnlich harsche Einwanderungsregeln gegeben wie heute, wäre ihm die Einreise wohl verwehrt worden, denn sein Landesherr, der preußische König, hatte Lieber als Demagogen – als Terroristen – eingestuft.
Liebers Verbrechen hatte darin bestanden, dass er die Restauration im nachnapoleonischen Europa und die Kleinstaaterei ablehnte und ein Gesamtdeutschland forderte. Wegen seiner progressiven Ziele verbrachte der junge Mann Monate in preußischen Gefängnissen. Nur dank Protektion durch angesehene Persönlichkeiten war er freigekommen, jedoch nicht rehabilitiert worden.
Preußen verwehrte ihm ein Studium an der elitären neuen Berliner Universität. Schwer traumatisiert, aber in seinen politischen Überzeugungen ungebrochen floh er 1826 nach London. Er verfügte über wenige materielle Mittel, aber ein Übermaß an Selbstbewusstsein und Glauben an die eigenen Fähigkeiten.
Noch in Deutschland hatte er ein Netzwerk wohlbetuchter, liberaler Persönlichkeiten geknüpft, dessen Mitglieder ihn nun in London weich auffingen. Dank seiner guten Kontakte bekam er eine Stelle als Tutor im Londoner Haus des liberalen Hamburger Kaufmanns Georg Oppenheimer. Prompt verliebte sich der charmante Lieber in Mathilde (1805–1890), die jüngste Tochter seines Dienstherrn. Mathilde versuchte, ihre Eltern für ihren Freund zu gewinnen und deren Einwilligung für eine Heirat zu bekommen. Derweil traf Lieber bei einer eleganten Londoner Abendgesellschaft US-amerikanische Philanthropen, die in Europa geeignete Lehrkräfte für eine in den USA noch unbekannte Neuheit, eine Sportschule in Boston, Massachusetts, suchten.
Ein Neuanfang in den Vereinigten Staaten
Lieber überzeugte die Headhunter und bekam ein Angebot als Schwimm- und Gymnastiklehrer. Frisch verlobt verließ Lieber England in froher Erwartung eines wohldotierten Jobs in Massachusetts. Seine Verlobte sollte ihm bald nachreisen. Der preußische Flüchtling reiste an Bord der edel ausgestatteten „Britannia“ und war wild entschlossen, in den USA sein Glück zu machen, das ihm Preußen so schnöde verwehrt hatte.
Die Gesandten aus Boston hatten sich nicht zufällig für Lieber entschieden. In Berlin hatte er der sogenannten Turnbewegung angehört, einer Gemeinschaft junger Männer, die von Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) initiiert worden war. Jahn war beileibe nicht der freundliche, gutherzige Turnvater, als der er heute gerne dargestellt wird. Er war ein politischer Fanatiker, voller Vorurteile und Hass auf die preußische Monarchie, jüdische Zeitgenossen, gebildete Frauen sowie französische Kultur.
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Trotzdem oder gerade deshalb wurde er von seinen Anhängern – Turnschülern wie Franz Lieber – verehrt, geradezu angebetet. Sport, vor allem Turnen und Schwimmen, war im körperfeindlichen Preußen der Biedermeierzeit dank Jahn zu einer religiös angehauchten Ideologie avanciert.
Sport galt den Jahn-Getreuen als politisches Kampfmittel. Mit körperlicher Kraft sollte das Individuum befähigt werden, ein geeintes Deutschland unter Leitung christlicher Patrioten zu schaffen. Man schwamm im kalten Wasser der Spree und turnte bis zur Erschöpfung, in der Hoffnung, so gestärkt gegen all das vorzugehen, was nach Meinung der Jahn-Jünger Preußen kleinmachte.
Lieber hatte Jahns Lehren und Feindbilder verinnerlicht. Nun jedoch als Flüchtling und wegen seiner Liebe zu Mathilde, deren Familie dem assimilierten Judentum angehörte, revidierte er manches, hielt jedoch an der Überzeugung fest, Sport als Mittel für hehre politische Ziele zu nutzen. Er wollte die brisante Mischung aus Maskulinität, Bürgerstolz und individueller Leistungsbereitschaft den Menschen in den USA vermitteln, die aus seiner Sicht nicht vom europäischen Adelsstolz korrumpiert waren. Er wollte Sport und Sportsgeist nutzen, um im Sinne der Lichtgestalt George Washington den tugendhaften US-Amerikaner zu kreieren: die Harmonie von Körper, Geist und Verstand als wesentlicher Bestandteil des idealen Bürgers.
Viele Turngeräte sind in den USA noch unbekannt
Mithilfe anderer Migranten aus dem Turnermilieu, die es schon zu Lehrstühlen an der Universität Harvard in Cambridge, Massachusetts, gebracht hatten, wie Karl Beck und Charles Follen (Karl Fellau) stattete Lieber im benachbarten Boston 1827 Turnhalle, Sportplatz und Badeanstalt mit seinem Berliner Know-how aus. Die Grundlage bildete Jahns Schrift „Die deutsche Turnkunst“ von 1816. Bis dato in den USA völlig unbekannte Sportgeräte wie Stufenbarren, Schwebebalken, Pauschenpferd, Ringe, Sprungbock und Reck wurden eingeführt. Zudem wurden auch neue Ballspiele importiert, wie das Völkerballspiel, das die frisch gebackenen US-amerikanischen Sporteleven in dodge ball umbenannten.
Obwohl Lieber sich primär als Turner definiert hatte, favorisierte der kraftstrotzende Mann das Schwimmen: Schwimmen galt den meisten seiner Zeitgenossen noch als gefährliche Aktivität; Wassersport als Freizeitvergnügen wurde gerade erst entdeckt ebenso wie die Sommerfrische am Meer, zu groß waren moralische Bedenken wegen der Zurschaustellung des Körpers und die Furcht vor dem grundlosen Wasser.
Lieber jedoch schwamm wie ein Fisch und trug mit seiner Begeisterung dazu bei, dass viele ihre Scheu aufgaben und sich ebenfalls mit Verve in die Fluten warfen. Geschickt nutzte Lieber den Besuch des schwimmbegeisterten US-Präsidenten John Quincy Adams (1767–1848) in der Badeanstalt als PR-Aktion in der landesweiten Presse, um Schwimmen gesellschaftsfähig zu machen. Auch dass Lieber dank seiner Schwimmkünste einen Menschen vor dem Ertrinken retten konnte, wurde publikumswirksam eingesetzt.
Lieber wurde in der neuenglischen Öffentlichkeit durch seinen Sportenthusiasmus bekannt wie ein bunter Hund – die Sportarten selbst brauchten noch ein paar Jahre, ehe Neuengland ihre Bedeutung erkannte und mit der Schaffung von Sportstätten eine gewaltige Bewegung entfachte. Lieber verlegte sich nach seiner kurzen Karriere als Sportlehrer auf den zweiten Teil des klassischen Credos mens sana in corpore sano: den gesunden Geist.
Ein gesunder Geist bedeutete für Lieber als Bekannten der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt Bildung, humanistische Erziehung und Glauben an republikanische Werte. Deren Vermittlung betrachtete Lieber als „heilige Pflicht“ und lebenslanges Lernen als Aufgabe des aufgeklärten Staatsbürgers.
Parallel zur Förderung des gesunden Körpers verfolgte Lieber ein Projekt zur Kreation des gesunden Geists: die Produktion einer 13-bändigen Universalenzyklopädie auf der Basis des Konversationslexikons aus dem deutschen Brockhausverlag. Die „Encyclopædia Americana“ trug den etwas sperrigen Untertitel „Ein populäres Wörterbuch der Künste, Wissenschaften, Literatur, Geschichte, Politik und Biographie, bis auf die Gegenwart fortgeführt; einschließlich einer umfangreichen Sammlung originaler Beiträge zur amerikanischen Biographie; auf der Grundlage der siebenten Auflage des deutschen Conversations-Lexicons“.
Lieber konzipierte die „Encyclopædia Americana“ zwischen 1829 und 1833 als Speicher von Wissen, das er zu großen Teilen aus Europa nach Amerika transferierte. Zudem generierte er neue Inhalte speziell für die amerikanischen Bedürfnisse. Maximilian LaBorde, ein ehemaliger Kollege von Francis Lieber am College of South Carolina in Columbia, beschrieb Jahre später die Bedeutung der „Encyclopædia Americana“ für die USA: „Dies ist wahrhaft ein großes Werk seiner Art. Es befriedigte ein dringendes Bedürfnis. Etwas dergleichen war sehr vonnöten … Das große Ziel war es, Erkenntnis in einem Lande zu verbreiten, dessen Glück auf der Freiheit gegründet ist und dessen Freiheit nur durch weitverbreitete Bildung bewahrt werden kann.“
Das Nachschlagewerk wird zu einem Bestseller
Lieber traf im Verein mit seinem Mitherausgeber, dem Bostoner Juristen Edward Wigglesworth, eine Marktlücke und den Nerv der Zeit. Die US-amerikanische Öffentlichkeit wusste um das Potential von Bildung und suchte eine Form nationalisierter Kultur in Abgrenzung zu der Dominanz Großbritanniens. Das Wissen aus Deutschland bot hier eine geeignete Alternative zu der britischen Dominanz. Gerade in Boston und Cambridge, Massachusetts war der Hunger nach solchem Wissen bereits durch die Transferleistungen von Charles Follen, Karl Beck und früheren Studenten der Georgia-Augusta-Universität Göttingen geweckt worden.
Lieber entschied, was künftig das Allgemeinwissen des gebildeten US- Amerikaners ausmachen sollte. Die „Encyclopædia Americana“ sollte Zeugnis für die von ihm seit seiner Jugend ersehnte Existenz einer deutschen Kulturnation ablegen, die maßgeblich die von ihm auserkorene neue Heimatnation, die USA, befruchten und zur Ausbildung einer amerikanischen Kultur führen sollte.
1830 sagte er: „Indem ich dieses Werk dem Publikum in englischer Sprache vorlege, war es meine Absicht, es durch solche Veränderungen und Zusätze, wie sie die Verhältnisse dieses Landes erforderten, für den hiesigen allgemeinen Leser ebenso nützlich und annehmbar zu machen, wie das Original es in Deutschland ist; und ich habe die Hoffnung gehegt, dass der Umstand, dass es sich um eine amerikanische Enzyklopädie handelt – nicht bloß dem Namen nach, sondern insofern sie eine umfangreiche Sammlung von Kenntnissen über Amerika wie auch über die verschiedenen Gebiete des allgemeinen Wissens bildet –, ihr einen eigentümlichen Wert für jene große europäische Nation verleihen werde, deren Sprache und Literatur das gemeinsame Eigentum ihrer selbst und ihrer Nachkommen in den Vereinigten Staaten sind.“
Die Produktion des amerikanisierten „Brockhaus“ bezeugt Liebers außergewöhnliche Fähigkeiten im Bereich der Wissensvermittlung. Mit ihm migrierte nicht nur Wissen von Europa nach Amerika, er transformierte und erweiterte den Wissenskanon, indem er ihn amerikanisierte – der Titel „Encyclopædia Americana“ spricht dabei buchstäblich Bände.
Breites Spektrum an Interessensgebieten
Eine Voraussetzung für ihre vergleichsweise kurze Entstehungszeit von sechs Jahren war Liebers Fähigkeit, sich schnell und flexibel auf ihm unbekannte Wissensfelder einzulassen. Seine Neugier galt Naturbeobachtungen genauso wie der Literaturwissenschaft, dem Kochen genauso wie dem Strafvollzug, der Geschichte genauso wie der Technik. Seine Zeitgenossen lobten ihn ob seines Wissensdursts.
Das Lexikon war zudem ein Resultat seiner Fähigkeit, fremde Menschen zur Mitarbeit zu bewegen und fachliche Kooperationen in dauerhafte Freundschaften zu verwandeln. Der Neuankömmling umgarnte innerhalb kurzer Zeit die Crème de la Crème der US-amerikanischen Kulturszene. Das erste genuin US-amerikanische Universallexikon war dennoch seine Schöpfung, deren Ruhm er – trotz aller pflichtschuldig vorgebrachten Dankesbezeugungen gegenüber Kollegen – für sich allein vereinnahmte.
Das Lexikon entwickelte sich rasch zu einem allgegenwärtigen Kulturgut, das in keinem gutbürgerlichen Haushalt und keiner Bibliothek von Colleges bis zum Congress in Washington D. C. fehlte, als Preis bei Wettbewerben fungierte und von Lieber in den atlantischen Umlauf gebracht wurde. Ihm verdankte sein Urheber Ruhm und Anerkennung.
Den wirtschaftlichen Gewinn des Projekts strichen allerdings die Verleger in Philadelphia ein. Lieber, der aus einem Festbetrag von rund 20 000 Dollar alle Kosten für Übersetzer und Mitarbeiter hatte bestreiten müssen, erhielt keine Tantiemen, und so lief der eigentliche Profit des Bestsellers – 100 000 Ausgaben zum Komplettpreis von 32,50 Dollar wurden abgesetzt – an ihm vorbei.
Lieber entwickelte sich in den USA als transatlantischer Wissensvermittler zu einer anerkannten Institution. Er implementierte Strukturen, Lehrmittel und Organisationsformen deutscher Universitäten in den USA. 1832 wurde seine Grundlagenarbeit honoriert: Er erhielt einen Lehrauftrag an der New York University (New York City).
Bei seinem dritten Versuch, die amerikanische Bildung und das akademische System mit deutschen pädagogischen Techniken zu befruchten, scheiterte er insofern, als ihm sein Entwurf für die künftige Organisation des Girard College in Philadelphia nicht die erwünschte Festanstellung einbrachte.
Das College sollte aus dem Erbe des Multimillionärs Stephen Girard (1750–1831) finanziert werden. Lieber hielt sich 1834 bei der Ausarbeitung des „Erziehungsplans“ der Bildungseinrichtung für Waisen an das Konzept pietistischer Schulen, das ihm durch seine Brüder, die als Lehrer am Züllichauer Pädagogium (heute Sulechów, Polen) beschäftigt waren, bestens vertraut war.
Er favorisierte die Kombination von Waisenhaus und Schule mit hohem moralischen Anspruch an Lehrer und Schüler. Aufgenommen werden sollten ausschließlich arme weiße Waisenjungen. Ohne Hinweis auf ihren Urheber Lieber wurden seine Vorschläge unter dem ersten Präsidenten des Girard College, Alexander Dallas Bache (1806–1867), seit 1836 umgesetzt.
Juristische Themen beackert Lieber als Quereinsteiger
1835 schließlich bekam er, dem die Berliner Universität verschlossen geblieben war und der deswegen zum Studium nach Halle und Jena hatte ausweichen müssen, endlich den langerhofften Lehrstuhl für Geschichte und Wirtschaft am College of South Carolina in Columbia. Er lehrte hier bis 1856. Während seiner Arbeit als Hochschuldozent publizierte Lieber eifrig und erschloss sich unermüdlich Themenbereiche, die im intensiven atlantischen Wissensaustausch en vogue waren. Dabei entwickelte der deutschstämmige Exhäftling und einst als Demagoge verunglimpfte US-amerikanische Neubürger pikanterweise eine besondere Vorliebe für juristische Arbeitsfelder.
So sorgte er sich um ein stets brisanter werdendes Thema: den Umgang mit dem internationalen Urheberrecht. Ironischerweise kopierte er dabei für den US-Markt ohne besondere Zurückhaltung Schriften eines seiner großen Vorbilder in Berlin, des Verlegers und Juristen Julius Eduard Hitzig. Dieser hatte eine große Rolle im Berliner Kulturleben gespielt, und seine Kinder hatten E.T. A. Hoffmann zu seinem Märchen „Der Nussknacker und der Mäusekönig“ (1816) angeregt.
Mithilfe hochrangiger Juristen in Deutschland, England, Frankreich und Belgien klinkte sich der juristische Laie Lieber auch in das atlantische Briefnetzwerk der „Gefängnisfreunde“ ein. Ihr Ziel war eine Reform des Strafvollzugs, wobei der ehemalige Gefängnisinsasse Lieber für eine strikte Isolationshaft plädierte, wie sie seit 1829 im damals neuartigen Eastern State Penitentiary in Philadelphia praktiziert wurde.
1863 produzierte Lieber das Werk, das noch heute mit seinem Namen verbunden ist: die als „Lieber Code“ bekannt gewordenen „Instruktionen für die Führung der Armeen der Vereinigten Staaten im Felde“. Das Regelwerk entstand im Auftrag von Präsident Abraham Lincoln während des Bürgerkriegs (1861–1865) und setzte Standards für das korrekte Verhalten der Streitkräfte, die im 20. Jahrhundert das Kriegsvölkerrecht beeinflussen sollten.
Bei all seinen Erziehungs- und Bildungsversuchen in so unterschiedlichen Bereichen wie Sport, Recht, Schule und Strafvollzug kombinierte Lieber alles, was er in Deutschland gelernt und mit Freunden, Gönnern und Wissenschaftlern brieflich und im Gespräch diskutiert hatte, um einer der wichtigsten transatlantischen Wissensvermittler des 19. Jahrhunderts zu werden.
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