Vor gut 30 Jahren hat der Rezensent mit ähnlicher Begeisterung den 1942 geborenen deutschen Althistoriker Volker Losemann gelesen. Aber die Lektüre war schwieriger, denn dessen „Nationalsozialismus und Antike“ handelte sehr viel mehr von Wissenschaftlern und Wissenschaftsinstitutionen. Bei der Zeichnung „der“ übergreifenden Verhältnisse „des“ Nationalsozialismus war es zurückhaltender und sprach etwa von einem „polykratischen Charakter“ der Verhältnisse.
Chapoutot hat recht, es braucht das Herausarbeiten großer Züge, und es leuchtet ein, was er schreibt: Ein neuer Mensch, eine neue politische Ordnung, ein neues Reich, eine neue Gesellschaft sollten damals in der Zeit des Nationalsozialismus geschaffen werden. Dazu bediente man sich aller Mittel, auch des Argumentierens und ideologischen Behauptens mit „der“ Geschichte.
Sparta etwa und seine angebliche planmäßige Förderung nordischer Rasse seien ein Vorbild für Deutschland, hieß es in der Propaganda. An die Antike anknüpfende Bauten in Berlin, München oder Nürnberg dienten als Kulissen für Zeremonien der Machthaber. Man versuchte, Bildung, Kultur, Forschung und Wissenschaft in den Griff zu bekommen, „säuberte“, organisierte und wollte den „totalitären“ Staat, der freilich doch nur scheiterte.
Nach wenigen Jahren stand man im Zweiten Weltkrieg. Nun sollte unter anderem auch ein „Kriegseinsatz der Altertumswissenschaft“ helfen. Ein Buch trägt den Titel „Das Neue Bild der Antike“. Jedoch, die Antike half noch weniger als etwa die neue „Wunder“- und „Vergeltungswaffe“ „V 2“: Vergeblich versuchte beispielsweise der klassische Archäologe Ernst Buschor, mit seinem Büchlein über „Das Kriegertum der Parthenonzeit“ die Soldaten an der Front in ihrem Kampfeswillen zu stärken.
Man steuerte auf eine verheerende Katastrophe zu. Und danach ist die Beschäftigung mit der Antike als einer als klassisch geltenden kulturellen Hinterlassenschaft, als Ausgangspunkt des Humanismus und Garant von Humanität schlechthin noch weiter unter den Verdacht geraten, Inhumanität zu fördern. Dem modernen Umgang mit der Antike misstraute schon der alte Karl Marx und dachte an die Französische Revolution, den Klassizismus, Napoleon und den Cäsarismus. Misstrauen führt nicht zu Vergessen. Und wenn heute gefragt wird, was Europa sei und wie weit es sich erstrecke, oder wenn noch grundlegendere Privilegien westlicher Kultur zur Diskussion stehen: Kein Weg führt an der Antike als Argument vorbei.
Der 1957 geborene Rezensent antwortet als Schweizer, als Bürger eines Landes, das zu Europa gehört und doch nicht: Es ist nicht selbstverständlich, mächtigen politischen Ordnungen zu trauen. Solche Skepsis wird bei der Lektüre dieses eindrucksvollen Buches genährt.





