Kronprinz Ludwig hatte eine solide humanistische Bildung erfahren. Seine Erziehung leitete vom siebten Jahr bis zur Volljährigkeit Theodor Graf von La Rosée, unterstützt unter anderem von Major Carl von Orff, dem Großvater des Komponisten Carl Orff. Früh schon zeigte sich die außergewöhnliche Begabung des Prinzen, aber auch seine Neigung zum Ausspinnen träumerischer Gedanken. Im Alter von gerade einmal zwölf Jahren las er Wagners Schriften „Das Kunstwerk der Zukunft“ (1849) und „Zukunftsmusik“ (1860), die er bei seinem Onkel Herzog Max in Bayern auf dem Flügel entdeckt hatte. Schon in jungen Jahren besuchte er die Oper und eignete sich eine breite Repertoire-Kenntnis an.
Besonders angesprochen fühlte er sich durch das Libretto von Wagners „Tannhäuser“. Den Besuch der Münchner Erstaufführung des „Lohengrin“ am 28. Februar 1858 gestattete ihm Vater König Maximilian II. nicht, doch die Schilderung der Aufführung durch seine frühere Erzieherin erregte das lebhafteste Interesse des noch nicht 13jährigen. Als er im August 1859 von Graf La Rosée Wagners Schrift „Oper und Drama“ (1851) als Geschenk erhielt, war der Kronprinz bereits ein heimlicher Verehrer des Dichterkomponisten. Doch erst Jahre später – 1861 – konnte er den „Lohengrin“ im Hoftheater unter der Leitung von Franz Lachner endlich selbst erleben. Später gestand er Wagner: „Der Lohengrin war es, der den ersten Keim der Begeisterung und glühenden Liebe zu Ihnen in mein Herz legte, jenen Keim, der sich immer mehr entwickelte in meiner Seele …“
Im selben Jahr hörte der Kronprinz den „Tannhäuser“, der in ihm einen noch stärkeren Eindruck hinterließ. Schon damals regte sich sein Wunsch, Wagner persönlich kennenzulernen. Als er bei der Lektüre seiner Schriften auf die Frage stieß: „Wird sich der Fürst finden, der die Aufführung meines Bühnenfestspiels ermöglicht?“, stand für ihn fest: „Wenn ich einst den Purpur trage, so will ich der Welt zeigen, wie hoch ich das Genie Wagners zu stellen wissen werde.“
Am 10. März 1864 folgte Ludwig seinem früh verstorbenen Vater auf den Königsthron. Damals befand sich Wagner nach dem Scheitern der erstrebten Wiener Uraufführung sei-ner Oper „Tristan und Isolde“ in verzweifelter psychischer und finanzieller Situation. Seinem Wiener Freund Standhartner schrieb er: „Mir könnte doch nur Einer helfen – nämlich der Rechte; er existiert gewiß – aber wie ihn finden?“
Schon wenige Wochen später sollte sich das erhoffte Wunder ereignen: Wagner mußte den „Einen“ nicht suchen, dieser holte ihn zu sich! Schon am 3. Mai suchte der bayerische Kabinettssekretär von Pfistermeister den mittlerweile über die Schweiz nach Stuttgart Weitergereisten auf und übergab ihm eine Fotografie Ludwigs mit einem Rubinring. So wie dieser Stein glühe – waren seine Worte –, so brenne der König vor Verlangen, den Schöpfer des „Lohengrin“ zu sehen. Schon am folgenden Tag empfing Ludwig Wagner in der Münchner Residenz. Damit begann die einzigartige Freundschaft zwischen dem Dichterkomponisten und dem idealistisch gesinnten König, der festen Willens war, seinen Schützling künftig von jeder Last des Alltags freizuhalten und ihm in großzügiger Weise Mittel und Macht zur Vollendung seiner künstlerischen Zukunftspläne zur Verfügung zu stellen.





