Nur ein unzivilisierter Heide reite in eine Kirche, empörten sich im Mittelalter Gläubige beim Anblick der Reiterskulptur. Doch die Kleidung, die stolze Pose und nicht zuletzt das bekrönte Haupt ließen eher auf eine Persönlichkeit von edler Herkunft schließen. Unter einem Baldachin an einem Pfeiler des Ostchors stehend, blickt der junge Mann mit ernster Miene vom hohen Ross in das Mittelschiff des Bamberger Doms. Mit der linken Hand hält er die Zügel, mit dem Zeigefinger der rechten Hand in einer Bandschlaufe zieht er lässig den Tasselmantel über die Schulter.
Die Aufstellung des Standbilds aus Sandstein – das damals noch farbenprächtige Kunstwerk eines anonymen Meisters – erfolgte vermutlich kurz vor der Weihe des Domneubaus 1237. Nur: Welche Figur dargestellt wird, ist bis heute wissenschaftlich nicht zweifelsfrei geklärt.
Dabei schien die Identität der Reiterfigur zumindest seit 1729 festzustehen, als erstmals schriftlich der heiliggesprochene Ungarnkönig Stephan I. (969–1038) erwähnt wurde. Dies geriet jedoch in Vergessenheit. Später wurde das Standbild den römisch-deutschen Königen Philipp von Schwaben und dem Staufer Konrad III. zugeordnet. Gläubige wiederum wollten in der Figur einen der Heiligen Drei Könige oder gar Jesus als steingewordenen Messias sehen.
Nach den jüngsten Forschungen des Archäologie-Instituts an der Universität Bamberg steht praktisch fest, dass es sich bei dem Bamberger Reiter um den Ungarnkönig Stephan handelt, wofür eine Reihe von Indizien spricht. So gab es rege dynastische und geschäftliche Beziehungen der Bamberger zum Königreich Ungarn. Stephans christliche Erziehung ermöglichte seine Vermählung mit der bayerischen Herzogstochter Gisela, der Schwester des späteren römisch-deutschen Kaisers Heinrich II. Die Ehe führte nicht nur zur Versöhnung mit dem früher gefürchteten Kriegsfeind Bayern, sie verband Ungarn auch mit der katholischen Kirche.
Lediglich Stephans Ritt in den Bamberger Dom, angeblich während eines Besuchs, ist Legende. Doch fällt auf, dass er ohne Waffen dargestellt wurde, als wollten ihm die Gastgeber friedliche Absichten, zumindest Respekt vor dem religiösen Ort bescheinigen.
Szent István („der heilige Stephan“), wie ihn die Ungarn nennen, ist bis heute ihr größter Nationalheiliger. Der Fürst aus dem Herrschergeschlecht der Árpáden war ihr erster König, der sein asiatisches Nomadenvolk zum Christentum bekehrte und ihm eine Zukunft in Europa sicherte. Die Stephanskrone mit dem auffällig schrägen Kreuz blieb auch für die seit Ende 1918 bestehende Republik Ungarn das Symbol der Unabhängigkeit und Freiheit.





