Jakob – in Schottland der sechste, in England der erste Herrscher dieses Namens – brachte die schottische und die englische Krone zusammen und beherrschte in Personalunion die Britischen Inseln: England und Wales, Schottland und Irland. Damit schuf er die Voraussetzung für die staatsrechtliche Vereinigung von England und Schottland im Jahr 1707: eine Union, die er selbst schon gerne hergestellt hätte, in die ihm seine aufeinander mißtrauischen und miteinander verfeindeten Untertanen diesseits und jenseits des Tweed 1603 jedoch noch nicht zu folgen bereit waren. Gleichwohl kann Jakob als Schöpfer des „Union Jack“ angesehen werden, der Verbindung des englischen Georgskreuzes mit dem schottischen Andreaskreuz: Unter seiner Herrschaft suchte man erstmals nach einer gemeinsamen Flagge, die Jakob zwar im gesamtstaatlichen Sinne noch nicht durchsetzen konnte, aber gleichwohl für seine königliche Marine anordnete.
Dennoch hat Jakob in der englischen Geschichte keinen sonderlich guten Ruf. Das Haus Stuart insgesamt entsprach in keiner Weise dem Hauptmotiv der englischen, nationalstaatlichen Identitätsbildung: Protestantismus verbunden mit parlamentarischer Herrschaft. Wenn im 19. Jahrhundert jemand an die Stuarts zurückdachte, fiel ihm zuerst ein, daß sie eine Neigung zum Katholizismus hatten und Tyrannen waren, gegen die man eine Revolution benötigte, um die „alten englischen Freiheiten“ wiederherzustellen. Und Jakob VI./I. war nun einmal der erste dieser verhaßten schottischen Linie, der es auf den englischen Thron geschafft hatte. Sein Recht darauf war weithin unbestritten: das dynastische Erbrecht. Beim Tod Elisabeths 1603 war er als Ururenkel Heinrichs VII., des ersten Tudor-Königs, der nächste männliche Anwärter auf den Thron. Elisabeth hatte sich zwar nicht öffentlich zu seinen Gunsten ausgesprochen, doch hatten ihre Räte alles in die Wege geleitet, um eine friedliche Thronfolge herbeizuführen.
In der liberalen englischen Geschichtskonstruktion konnte man Jakob VI./I. zwar nicht die Schuld für Revolution und Bürgerkrieg zuschreiben, aber je mehr man seinen Sohn, Karl I., anprangerte, desto deutlicher wurden die Kontinuitätslinien zur Herrschaft des ersten Stuart auf dem englischen Thron. Man konstruierte einen jahrzehntelangen Kampf des englischen Parlaments um seine Freiheiten – um Redefreiheit, protestantische Freiheit, Freiheit der Person und um Steuerhoheit.
Auf jedem dieser Gebiete schien schon Jakob VI./I. eine gewaltige Schuld aufgehäuft zu haben. Hatte er nicht zügellos Monopole an seine Günstlinge gegeben und unberechtigte Steuern und Abgaben erhoben? Hatte er nicht in mehreren Fällen exponierte Gegner hinrichten lassen? Hatte er nicht die Katholiken begünstigt? Hatte er nicht 1621 demonstrativ die Protestation des Unterhauses aus dem Protokollbuch herausgerissen? Von der späteren Geschichte des 17. Jahrhunderts her fiel ein tiefer Schatten auf den ersten Stuart-König. Es kam hinzu, daß sein Andenken keinerlei Begeisterung zu wecken vermochte. Maria Stuart – das war ein romantisches Leben, das die Phantasie zu inspirieren vermochte. Elisabeth – in ihr verbanden sich Intelligenz, Erotik und die Idee einer Herrschaft über die Weltmeere. Bei der Erinnerung an Heinrich VIII. mischten sich Faszination und Abscheu: Natürlich war er ein skrupelloser Frauenverbraucher – aber hatte er nicht die englische Nation erst recht begründet durch seine Souveränitätserklärung gegenüber dem Papst? Bei Jakob VI./I. dagegen wußte man nicht viel Positives zu erinnern, schon gar nichts Faszinierendes: Er war ein Schulmeister auf dem Thron, er scheute die Kriege, die England später so viel Ruhm brachten, und er erschien persönlich als eine abstoßende Figur: schmutzig, rechthaberisch, trunksüchtig – ja, und dann natürlich auch noch sexuell von zweifelhafter Veranlagung. Dieses teils nur blasse, zumeist aber durchaus negative Bild des Sohnes von Maria Stuart und Lord Darnley darf korrigiert werden: König Jakob VI./I. war ein zutiefst menschlicher Monarch. Wenn der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. von Frankreich seinen Lebenswandel auf dem Totenbett bereuen lernte (angeblich soll er zuletzt geäußert haben: „Ich habe den Krieg zu sehr geliebt“), wenn Friedrich II. von Preußen als Menschenverächter und Zyniker starb, wenn Kaiser Rudolf II. in geistiger Verwirrung endete: Jakob VI. von Schottland und I. von England erscheint als menschlicher Monarch, der zwar mit fürstlichem Vergnügen auf die Jagd ging, aber die Schlächterei des Krieges scheute; der in einem Zeitalter fremdenfeindlicher Vorurteile auf die merkwürdige Idee kam, Schotten und Engländer zu einer gemeinsamen Nation zu formen; der in einer Epoche des religiösen Hasses und der Religionskriege auf einen Ausgleich der Konfessionsparteien hinarbeitete und auch echte Toleranz zu leben lehrte.





