Sigmund Freud, Pionier der Psychoanalyse, zählt heute zu den prominentesten Figuren der Wiener Jahrhundertwende. Die kulturelle Dynamik der Stadt mag auf seine Forschungen Einfluss gehabt haben, er selbst haderte jedoch mit den Zuständen in Wien.
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Das Verhältnis Sigmund Freuds zu seiner Heimatstadt Wien gilt als schwierig. Seine ursprünglich aus Galizien und Mähren stammende Familie erlebte um 1900 die Widersprüchlichkeit der späten Regierungszeit von Kaiser Franz Joseph I.: Einerseits bot die religiöse Toleranz Entfaltungsmöglichkeiten, andererseits kam es im Fin de Siècle zu Wellen des Antisemitismus, die auch die Freuds zu spüren bekamen.
Bei allen Tendenzen zur Assimilation hielt die Familie an ihren Wurzeln fest: Man sprach Jiddisch, und die Familienfeste orientierten sich an den religiösen Bräuchen. 1925 betonte Sigmund Freud, stets „Jude geblieben“ zu sein. Verknüpft waren damit jedoch Erfahrungen von Ausgrenzung und Erniedrigung. Er schrieb dazu: „Es ist ein Elend hier zu leben, und keine Atmosphäre, in der die Hoffnung, etwas Schweres zu Ende zu bringen, sich erhalten kann. … Wien und die Verhältnisse hier sind mir beinahe schon physisch zuwider.“
Die Diskriminierungserlebnisse des Vaters prägen auch den Sohn
Als Ausgleich für diese problematischen Rahmenbedingungen diente Freud sein steter Wissensdurst. Bereits der fleißige und begabte Jugendliche sog das rege Geistesleben der k. k. Residenzstadt in sich auf, so überwand er auch die häusliche Armut und eine gewisse Hilflosigkeit des Vaters Jakob. Dieser war aus Sicht des Sohns einerseits der gedemütigte Jude, andererseits aber auch als früher Lehrer eine Respektsperson.
Sigmund Freud hielt in „Die Traumdeutung“ eine Ausgrenzungserfahrung seines Vaters fest: „Als ich ein junger Mensch war, bin ich … am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön gekleidet, mit einer Pelzmütze auf dem Kopf. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlag die Mütze in den Kot, und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! … Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben.“
Der Vater entwickelte sich zur Schlüsselfigur, jede „matrilineare Deutungsmöglichkeit“ (also über die Mutter) von Kultur schlug Sigmund Freud konsequent aus. Jakobs Tod im Jahr 1896 erwies sich langfristig als einschneidender Verlust. Er wurde zum vielleicht frühesten Auslöser der Selbsterforschung des Sohnes und nahm auf diese Weise eine zentrale Position im psychoanalytischen Lehrgebäude ein. In „Das Ich und das Es“ schreibt er: „… die erste und bedeutsamste Identifizierung des Individuums [ist] die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit“.
Die wachsende Millionenstadt Wien war unterdessen in vielerlei Hinsicht Schauplatz von Technologieschüben und Beschleunigungseffekten. Die Entstehung neuer Medien, Verkehrs- und Kommunikationsformen machte urbane Zentren generell zu Orten der Reizüberflutung. Eine spannungsgeladene, von Widersprüchen gekennzeichnete Jahrhundertwende stellte dabei existentielle Fragen und rüttelte an bisherigen Werten und Tabus.
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Vor allem Männer der kulturellen Avantgarde und bürgerlichen Eliten erlebten die Demokratisierung und den Traditionsverlust, die Anforderungen der Technisierung und der Verstädterung als Hintergrund für eine maskuline Krise. Von „Neurasthenie“ war die Rede, zumal die Hysterie gemeinhin der weiblichen Physis zugeordnet wurde. Den Verwerfungen und der Verunsicherung dieser nervösen Epoche ausgesetzt, erscheinen die Lehren und Therapiekonzepte von Freud als geradezu folgerichtige Antworten auf seine Zeit.
Es drängt sich auf, ihn und sein Denken eng mit der Verfasstheit des späten Habsburgerreiches zu verknüpfen. Dessen Forscher und Künstler arbeiteten – so ein Befund – an der Beziehung zwischen Politik und Psyche: Auflösungsprozesse – versinnbildlicht in nationalen und sozialen Zentrifugalkräften – korrespondieren mit der Idee der „Identitätsdissoziation“ als maßgebliche Erfahrung des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Der Schwund der geschlossenen, handlungsfähigen Persönlichkeit ebenso wie das Konfliktgemenge angesichts der schwankenden kaiserlichen Vaterfigur könnten demgemäß als Hinweise auf den Österreich- und Wien-Bezug Freuds gedeutet werden.
Der Interpretationsansatz greift allerdings zu kurz. Die Bedrohung des Bestehenden und der multiple Transformationsschock trugen internationalen Charakter: Etliche „Laboratorien der Moderne“ und namentlich europäische Hauptstädte wie Paris hätten sich nicht minder als Geburtsorte der Psychoanalyse geeignet.
Freuds Schaffen kann nur bedingt aus den Lebensbedingungen, Kräftekonstellationen und Geistesströmungen in der k. k. Haupt- und Residenzstadt abgeleitet werden. Vieles spricht dafür, dass die habsburgische Donaumetropole für die Pioniere der Seelenforschung eigentlich ein eher ungünstiger Boden war.
Denn in der ärztlichen Praxis und in der medizinischen Wissenschaft, in den Spitälern und Universitätsinstituten Wiens dominierten Prinzipien, die die Entwicklung der Psychoanalyse erschwerten. Als Aspirant und Sekundararzt am Wiener Allgemeinen Krankhaus bereitete sich Sigmund Freud auf eine Berufslaufbahn vor, die sich unter der Ägide seiner Lehrer und insbesondere des berühmten Psychiaters Theodor Meynert (1833 –1892) auf anatomische Forschungen verlegte.
Der junge Arzt löst mit seinen Thesen wenig Begeisterung aus
Nach seiner Habilitation 1885 nutzte Freud ein sechsmonatiges Stipendium für einen Aufenthalt in Paris. Dort öffnete ihm der Neurologe Jean-Martin Charcot (1825 –1893) die Augen für psychogene Faktoren, Störungen ohne pathologische Veränderung der „materiellen Substanz“, psychologische Erklärungen von Geisteskrankheiten, hysterische Symptome und Methoden der Hypnose.
Zurück in Wien, gründete Freud eine Arztpraxis und heiratete 1886 Martha Bernays. Den Ideen, die ihn beschäftigten, stand die örtliche Ärzteschaft misstrauisch bis ablehnend gegenüber. Der frühere Mentor Meynert war es vor allem, der seiner Linie treu blieb und Belege für eine „hirnanatomische Lokalisierung der maskulinen Überspanntheit“ einforderte.
Freud aber schlug einen anderen Weg ein und fand dabei die Unterstützung seines Kollegen Josef Breuer (1842 –1925). Die Kooperation erlangte hauptsächlich durch den Fall „Anna O.“ Bekanntheit. Hinter dem anonymisierten Patientennamen verbarg sich die später als Frauenrechtlerin bekannt gewordene Bertha Pappenheim (1859 –1936).
Berthas schwere hysterische Symptome, die nach der Erkrankung und vor allem nach dem Tod ihres Vaters auftraten, äußerten sich in Stimmungsschwankungen, Halluzinationen, Angstzuständen, Nervenschmerzen, Amnesien, Lähmungserscheinungen, Sprach- und Essstörungen.
Mittels Hypnose sollten die Ursachen ermittelt werden. Es handele sich, konstatierten Freud und Breuer, um bestimmte Reminiszenzen, an denen Nervenkranke zu leiden scheinen. Die Erinnerungen und den begleitenden Affekt wachzurufen bedeute, die Symptome ohne Wiederkehr zum Verschwinden zu bringen. Die Einsichten, aus denen sich laut Breuer eine „kathartische“, also reinigende Methode entwickelt, bildeten den Kern der 1895 publizierten „Studien über Hysterie“, mit denen die beiden forschenden Ärzte den Weg zur Psychoanalyse betraten.
Freud ging jedoch weiter. Nicht bloß hinter den hysterischen Affekterregungen, sondern hinter den Neurosen generell wollte er sexuelle Konflikte und Erlebnisse erkennen. Breuer wollte ihm auf diesem Weg nicht mehr folgen. In seinen Erinnerungen schreibt Freud über diesen Schritt: „Ich ging über die Hysterie hinaus und begann, das Sexualleben der sogenannten Neurastheniker zu erforschen, die sich zahlreich in meiner Sprechstunde einzufinden pflegten.“
„Die Traumdeutung“: Das erste Schlüsselwerk Freuds
Im Alleingang entstand daraufhin ein Schlüsselwerk, das Verleger Franz Deuticke noch symbolisch aufwertete: „Die Traumdeutung“ versah er mit dem Erscheinungsjahr 1900, obwohl das Buch tatsächlich bereits 1899 auf den Markt kam. Autor Sigmund Freud meinte selbstbewusst: Trotz „mehrtausendjähriger Bemühung“ sei wenig Substantielles zur Lösung des Rätsels in Vorschlag gebracht worden. Der Verfasser werde Abhilfe schaffen und zum Verständnis „eines sinnvollen psychischen Gebildes“ beitragen.
Sein erstes Ziel war die Erschließung sogenannter „manifester und latenter Trauminhalte“. Beim Prozess der „Traumarbeit“ gehe es, so Freud, um Kindheitserlebnisse, Wunschvorstellungen und umgestaltete Triebimpulse. Dabei komme es zur „Verschiebung“ – ein unwesentliches Element wird stark betont, ein wesentliches tritt zurück – und zur „Verdichtung“ – mehrere Vorstellungen komprimieren sich zu einer Kurzformel. Im Bild des Traumes legte Freud den Grundstein für ein wirkmächtiges Modell psychischer Instanzen, des „Bewußt-Vorbewußten“ und des „Unbewußten“ sowie eines dazwischen befindlichen Zensurbereichs.
Freuds Erwartungen erfüllten sich allerdings nicht: „Die Traumdeutung“ blieb zunächst ein Ladenhüter, die akademische Psychologie äußerte sich vorwiegend kritisch.
Freud fühlte sich isoliert, eine Stimmungslage, die von Querelen im Freundeskreis und gesundheitlichen Problemen verstärkt wurde. Zwar gab es in der Folge positive Würdigungen seiner Veröffentlichungen und Kenntnisse. Freuds subjektives Gefühl der Vereinsamung beruhte jedoch in gewisser Weise auf dem Gegensatz zwischen seiner eigenen Erwartungshaltung und der gesellschaftlichen Reaktion.
Daran änderte die Ernennung zum außerordentlichen Professor im Oktober 1902 wenig. Ein Ordinariat blieb außer Reichweite. Und selbst Wohlmeinende hatten in diesen Tagen ihre Schwierigkeiten, den Ideen des Seelenforschers, der seit 1891 im Haus Berggasse 19 residierte und praktizierte, zu folgen.
Mit seinen weiteren Schriften trat der Eros immer stärker in das Zentrum seiner Betrachtungen, etwa zu Sodomie, Päderastie oder „Zweigeschlechtlichkeit“. Die Ausprägungen kindlicher Sexualität stellten schließlich jenes Untersuchungsgebiet dar, das größtmögliche Beachtung fand. Zwei Stufen traten dabei zuerst hervor: In der „oralen Phase“ erkunden Einjährige die gesamte Umgebung mit dem Mund. Danach, in der „analen Phase“, verlagert sich der Lustgewinn auf das Ausscheiden von Exkrementen und die Entwicklung eines Kontrollmechanismus, der zur Sauberkeitserziehung beiträgt. In der anschließenden „phallischen Phase“ wird die eigene Genitalregion interessant. Sie geht – bezogen auf den gegengeschlechtlichen Elternteil – mit Inzest-Phantasien einher und bringt die kulturtheoretisch wirksame Idee des Ödipus-Komplexes hervor.
Freuds Schwerpunktsetzung, die auch den Übergang von der „kranken“ zur „gesunden“ Seele markiert, wurde zur Suche nach Motivationsursachen: Er unterschied zwischen Sexual- und Ichtrieben, gab dann aber die Idee der Zweiteilung zugunsten aggressiver und allgemein sexueller Ausprägungen eines libidinösen Triebes auf.
Die 1902 gegründete Mittwochsrunde – später die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, eine Art mythische Tafelrunde mit Freud als regelrechtem Religionsstifter und Übervater – zerbrach auch daran. Alfred Adler (1870 –1937) begründete in der Folge die Individualpsychologie und operierte vor allem mit dem Schlüsselbegriff der „Minderwertigkeit“.
Er entfernte sich damit von der Triebpsychologie und von Freud gerade in jener Phase, als dieser einem beinahe mechanistischen Konzept der Libido, des „Eros“ und „Sexus“ das Wort redete. Die Heftigkeit des Konfliktes bezeichnete also das Aufeinanderprallen besonders gegensätzlicher Theorieangebote. Eine Entspannung hätte eigentlich die dritte Phase im Arbeitsleben von Freud bringen können. Nun betonte er die zusammenhängenden seelischen Vorgänge in einer Person, das „Ich“ als Ausdruck der Einheitlichkeit oder als Streben danach.
Der Erste Weltkrieg verdüstert die Thesen der Psychoanalyse
Adler erkannte die Annäherung. Persönliche Animositäten, die Schaffung von Dogmen, die Entstehung von Schulen und Institutionen vertieften jedoch den Bruch. Die Individualpsychologie bot positive Lebensbewältigungskonzepte an, während sich psychoanalytische Theorien im Ersten Weltkrieg verdüsterten. Bei der Mobilmachung 1914 fühlte sich Sigmund Freud zwar erstmals „seit 30 Jahren wieder als Österreicher“. Der patriotischen Phase folgte aber die Ernüchterung.
Mit dem Massenschlachten des Kriegs gelangte Freud zur Überzeugung, dass es „außer dem Trieb, die lebende Substanz zu erhalten …, einen anderen, ihm gegensätzlichen geben“ müsse. Der „Thanatos“ (Verkörperung des Todes in der griechischen Mythologie) oder „Todestrieb“ als „Aufhebung der inneren Reizspannung im Seelenleben“ wird unter derartigen Voraussetzungen biologisch begründet, zumal der Tod „das Ziel allen Lebens und das Leblose dem Leben vorgängig“ sei. In Freuds Worten: „Unsere Auffassung war von Anfang an eine dualistische und sie ist es heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und Sexualtriebe, sondern Lebens- und Todestriebe benennen.“
Solche Thesen, die in der 1920 erschienenen Arbeit „Jenseits des Lustprinzips“ erstmals explizit vertreten wurden, trugen in besonderer Weise spekulativen Charakter und vergrößerten die Kluft zwischen Theorie und Praxis. In den Kliniken beachteten selbst Experten, die sich von der Psychoanalyse inspirieren ließen, das Thanatos-Konzept kaum. Freud hielt hingegen an seinen Ansichten fest: Die Annahme eines Destruktions- oder Todestriebes veranlasste ihn zu einer weiteren Schrift mit dem Titel „Das Unbehagen in der Kultur“.
Für die in Wien zu dieser Zeit aufstrebende Sozialdemokratie waren diese Thesen Freuds nur schwer verdaulich. Die Überzeugung, infolge einer primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander sei die Gesellschaft beständig vom Zerfall bedroht, passt naturgemäß schwer zum optimistischen Plan einer organisierten Arbeiterbewegung, die – wie der politisch aktive Alfred Adler und das „Rote Wien“ – einen „neuen Menschen“ und eine bessere Welt zu schaffen beabsichtigte.
Ähnliches gilt für die Beurteilung des Umbruchs von 1917/18: Der Untergang der Monarchien in Mittel- und Osteuropa zerstörte nach psychoanalytischer Sichtweise die auf Reue und Strafe basierende patriarchalische Gemeinschaft. Paul Federn (1871–1950), seit 1903 bei den „Freudianern“, sah die Gefahr eines Ordnungsverlustes, einer generellen Befreiungstendenz in der „vaterlosen Gesellschaft“.
Das patriarchalische System des „Urvaters“ der Psychoanalyse brach im Übrigen in dieser Phase personell etwas auf. Vornehmlich in Sachen Erziehung und Schulwesen wurden Frauen in seinem Umfeld tätig. Zu nennen sind insbesondere seine Tochter Anna Freud (1895 –1982) sowie die Kinderpsychologin Melanie Klein (1882 –1960).
Anna Freud forscht im Bereich der Pädagogik
Ein Beispiel für die Aktivitäten im pädagogischen Bereich war außerdem das Schulprojekt von Dorothy Burlingham (1891–1979) und Anna Freud in Wien-Hietzing. Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen acht und 15 Jahren wurden dort fachübergreifend und projektorientiert unterrichtet. Für Anna Freud hatte diese Art der Ausbildung den Vorteil, Theorien über die kindliche Entwicklung in der Praxis überprüfen zu können.
Eine neuerliche Etablierung paternaler Autoritäten in der Gesellschaft galt für die Analytiker und Analytikerinnen der Zwischenkriegszeit indes nicht bloß als möglich, sondern als wahrscheinlich. Plausibel erschien sie aus mehreren Gründen: Die Mentalität vieler Frontheimkehrer und das Denken der „Schützengrabengemeinschaft“ beruhten auf Hierarchien, Befehl und Unterordnung. Der militarisierte Staat mit seinen Entscheidungsbefugnissen und Kontrollmechanismen veränderte die Erwartungshaltungen des „uniformierten“ Einzelnen und der „verwalteten Massen“. Damit waren Grundlagen für autoritäre und totalitäre Herrschaftssysteme geschaffen.
Deren Opfer wurde auch ein bereits schwer krebskranker Sigmund Freud. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland verließ er 1938 Wien. Im Londoner Exil wurde seine Tochter Anna eine unverzichtbare Stütze für den immer schwächer werdenden Vater. In Anna fand er zudem seine Kronprinzessin. Marie Bonaparte, eine Freundin und Wegbegleiterin, empfand Anna in jenen dunklen Tagen als Hoffnungspotential – auch für die Weiterentwicklung der Psychoanalyse. Anna Freud beschritt nämlich trotz der familiären Pflichten eigene Wege als Theoretikerin und Therapeutin, über das väterliche Erbe hinaus. Für sie war London ein Anfang. Freud schreibt über sie: „Was an mir noch erfreulich ist, heißt Anna.“ Als „Pflegerin“ sei sie „ebenso vortrefflich wie als Analytikerin, Schneiderin, Landwirtin oder was immer sie anfaßt“.
Wien gehörte hingegen der Vergangenheit an, auch hinsichtlich der Tiefenpsychologie. Geradezu symbolhaft für die Dauer eines langen Fin de Siècle von den 1870ern bis zum Ende der 1930er Jahre, starb Sigmund Freud am Morgen des 23. September 1939, drei Wochen nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.
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