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Der silberne Baum der Mongolen
Durch den Mongoleneinfall im 13. Jahrhundert wurde Europa mit einer ihm völlig unbekannten Kultur konfrontiert. Einem flämischen Franziskanermönch gelang es, sich als Augenzeuge ein authentisches Bild von ihr zumachen. Nicht zuletzt faszinierte ihn der legendäre silberne Baum vor dem Palast des Khans. Doch sein…
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von FOLKER REICHERT
Wilhelm von Rubruk, geboren um 1215 in einem kleinen Ort bei der heutigen französisch-belgischen Grenze, war ein gebildeter Mann. Wahrscheinlich hatte er an der Pariser Universität studiert und dort gelernt, was ihm später helfen sollte, sich in schwierigen Lebenslagen zu behaupten: Logik, Rhetorik, Dialektik. Wann er dem Franziskanerorden beitrat, wissen wir nicht. An seinem Lebensweg bleibt vieles unklar. Helles Licht fällt hingegen auf die große Reise, die ihn bis in das Herz Asiens führte: an den Hof des Großkhans der Mongolen. Denn darüber verfasste er einen für seine Zeit ganz ungewöhnlichen Bericht.
Wilhelm war nicht der erste, dem eine so abenteuerliche Reise gelang. Ein Gesandter des Papstes, Franziskaner wie Wilhelm, hatte schon zehn Jahre vorher versucht, den Großkhan von weiteren Kriegszügen gegen Europa abzuhalten. Außerdem sollte er Informationen über das neue Großreich im Osten, die Absichten seiner Herrscher und das Geheimnis seiner Stärke zusammenzutragen. Zwar lieferte er zu letzterem wertvolle Einsichten, die Kriegslust der Mongolen konnte er allerdings nicht dämpfen.
Wilhelm reiste mit einem anderen Auftrag. Als es ihn in den Nahen Osten verschlug, wurde er mit einem Brief Ludwigs des Heiligen zu den Mongolen geschickt. Denn der König von Frankreich hatte sich die Eroberung der Heiligen Stadt Jerusalem zum Ziel gesetzt und suchte nach einem Bündnispartner im Rücken der Muslime. Wilhelm überbrachte das Schreiben, bestand aber darauf, nur ein einfacher Geistlicher zu sein, der sich um das Seelenheil der Menschen kümmern wollte. Bei seinen Gastgebern stieß er damit auf wenig Verständnis. Allen seinen Beteuerungen zum Trotz wurde er als Gesandter eines Königs betrachtet und von einem Machthaber zum nächsten „durchgereicht“, am Ende mit einem Antwortschreiben des Großkhans an Ludwig betraut. Faktisch ließ er sich in eine Rolle drängen, die er mit Worten weit von sich gewiesen hatte. Immerhin gelang es ihm durch sein bescheidenes Wesen und die Geradlinigkeit seines Auftretens, seine verschiedenen Gesprächspartner für sich einzunehmen.
Ohne irgendwelche Karten immer weiter ostwärts – für den Europäer ein echter Kulturschock
Wilhelms Weg führte in gerader Richtung durch halb Asien, nördlich am Kaspischen Meer, südlich am Bal-khasch-See vorbei, zwischen Altai-Gebirge und Gobi hindurch, durch Waldgebiete, Steppen, Halbsteppen und Wüsten. Wochenlang sah man nichts als Himmel und Erde. Der Weg schien immer aufwärts, nie abwärts zu führen. Halbwegs brauchbare Karten standen nicht zur Verfügung. Denn von Innerasien wussten die europäischen Kartographen so gut wie gar nichts. Man reiste immer weiter nach Osten, aber ohne jede Orientierung.
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Da er im Mai 1253 aufbrach und acht Monate unterwegs war, bekam Wilhelm zunächst die Hitze des Sommers in der Steppe, dann die ganze Härte des zentralasiatischen Winters zu spüren. Man hatte ihn gewarnt, dass dort die Bäume und Steine vor Kälte zerspringen. Doch er vertraute auf Gott. Als der Winter näherrückte, gab man ihm und seinem Begleiter Bartholomäus von Cremona Jacken und Hosen aus Schafsfell, Socken aus Filz und festes Schuhwerk. Kutte und Sandalen der Franziskanermönche erwiesen sich in dieser Weltgegend als völlig ungeeignet. Das musste er einsehen.
Doch es waren nicht die körperlichen Anstrengungen, die Wilhelm am meisten zusetzten, sondern die Fremdheit der Lebensformen, die Mühen der sprachlichen Kommunikation, die Ansprüche, die ein ganz anderes kulturelles Umfeld an ihn stellten. Beim Aufbruch in die Steppe meinte Wilhelm, er habe die Pforte zur Hölle durchschritten. Jenseits von Don und Wolga liege „eine andere Welt“.
Nichts schien ihm vertraut, alles war für ihn neu und unerhört: das Land, die Menschen, die Regeln, nach denen sie lebten. Ihr scheinbar zielloses Umherziehen „ohne bleibende Statt“, ihr Leben in fahrbaren, mit Filz umkleideten Zelten fand er äußerst befremdlich, ihre fast ausschließlich fleischliche Nahrung nicht minder. An den Freitagen musste er also Fleisch essen oder hungern. Dass sich die Männer sinnlos betranken, konnte Wilhelm noch hinnehmen. Aber dass auch die Frauen an den Zechgelagen teilnahmen, machte ihm sichtlich zu schaffen. Er hielt sie allesamt für Barbaren. Vielleicht hätte er sich über das eine oder andere sofort Klarheit verschaffen können. Doch es fehlten ihm die sprachlichen Mittel. Der Dolmetscher, den er mitgenommen hatte, versagte regelmäßig.
Aber Wilhelm war nicht nur ein gebildeter, sondern auch ein lernfähiger Mann. Er lernte, dass die Mongolen denn doch nicht so schrecklich waren, wie sie ihm zunächst vorkamen. Vor allem begriff er, dass nicht nur er von ihnen, sondern auch sie von ihm befremdet sein mussten. Das Aufeinandertreffen war nämlich für beide Seiten eine Herausforderung. Die erste mongolische Frau, die er zu Gesicht bekam, hat Wilhelm völlig verschreckt: „Ihr fehlte fast die ganze Nase“. Dafür hatte sie ihr Gesicht mit irgendeiner schwarzen Salbe beschmiert – „für unsere Augen ein grässlicher Anblick“. Aber mit der Zeit gewöhnte er sich daran, dass Ost- und Zentralasiaten kleinere Nasen als Europäer besitzen. Und mit einigen mongolischen Frauen kam er in nähere Verbindung, weil sie dem nestorianischen Christentum anhingen. Bei Coca, einer der Ehefrauen des Großkhans, durfte er sogar etwas Mongolisch lernen. Was dazu führte, dass er wenigstens mitbekam, dass sein Dolmetscher alles falsch übersetzte.
Auch die Lebensweise der Mongolen lernte Wilhelm allmählich zu schätzen, sogar ihre Speisen und Getränke. Während andere Reisende vor und nach ihm noch lange mit den ihnen vorgesetzten Speisen haderten, fand Wilhelm die mongolischen Pferdewürste am Ende viel schmackhafter als die Schweinswürste in Flandern. Kumys oder Airag, die vergorene, leicht alkoholische Stutenmilch, wollte er zunächst nur dann trinken, wenn es nichts anderes gab. Der erste Eindruck war schockierend. Aber mit der Zeit fand Wilhelm Geschmack an ihr: „Wie Traubenwein prickelt sie auf der Zunge, hinterlässt einen Geschmack wie Mandelmilch und weckt im Inneren des Menschen ein Wohlbehagen.“ Als ihm auf der Rückreise höflichkeitshalber Traubenwein statt Kumys angeboten wurde, bedauerte er die Entscheidung seiner Gastgeber. Denn gerade für einen hungrigen Gast sei Stutenmilch viel bekömmlicher, also nahrhafter. Nur mit dem Zechen ohne Maß und Ziel konnte er sich nie anfreunden.
Endlich am Ziel: die Metropole der Mongolenherrscher
Ende Dezember 1253 erreichten Wilhelm von Rubruk und sein Gefährte das Zeltlager des Großkhans, drei Monate später endlich Karakorum, die junge Hauptstadt des mongolischen Großreichs. Dschingis Khan selbst soll den Ort in dem als heilige Landschaft betrachteten Orkhon-Tal ausgesucht und zum Mittelpunkt seiner Herrschaft bestimmt haben. Doch zur richtigen Kapitale ausgebaut wurde er erst unter Dschingis Khans Nachfolgern Ögödei (1229 –1241) und Möngke (1251 –1259). Bis zu ihrer Zerstörung im späten 14. Jahrhundert bestand Karakorum aus zwei Straßenachsen, vier Stadtvierteln und einem Erdwall mit vier Toren. Auf einer Fläche von 1,2 Quadratkilometern lebten schätzungsweise 10 000 bis 15 000 Menschen.
Die Forschung hat mittlerweile eine recht genaue Vorstellung vom Aussehen des alten Karakorum (DAMALS 6 – 2005). Bodenfunde und schriftliche Quellen ergänzen einander. Die genaueste Beschreibung liefert Wilhelm von Rubruk. Durch ihn wissen wir, dass Karakorum zwölf buddhistische Tempel, zwei Moscheen und eine christliche Kirche besaß und dass in einem der vier Stadtviertel muslimische Kaufleute, in einem anderen chinesische Handwerker und Ärzte wohnten. Das eine illustriert den religiösen Pragmatismus und die Toleranz der mongolischen Herrscher, das andere den kosmopolitischen Charakter der Stadt. Die Großkhane Ögödei, Güyük und Möngke legten sich nicht auf eine Religion fest und zogen Untertanen aus dem ganzen Reich zur Versorgung des Hofs und der Hauptstadt heran.
Sogar Gefangene aus Westeuropa lebten in Karakorum. Mit einem von ihnen, einem Pariser Goldschmied namens Guillaume Boucher, freundete Wilhelm sich an. Viele nützliche Informationen, Hinweise und Tipps verdankte er ihm. Boucher war in Ungarn in die Hände der Mongolen gefallen, wurde nach Zentralasien verschleppt und lebte nun schon seit mehr als zehn Jahren in Karakorum. Als Sklave musste er verschiedenen Herrschaften dienen, zuerst der Mutter des Khans, dann dessen jüngstem Sohn, aber auch dem Großkhan selbst.
Wilhelm nannte seinen Namensvetter einen gebildeten Mann, der es verstand, sich unentbehrlich zu machen. Das half ihm, sein schweres Schicksal zu ertragen. Denn seine Kunst war gefragt. Er schmiedete wertvolle liturgische Geräte, kannte sich mit Wandmalerei so gut wie in der Kunst des Holzschnitzens aus und fertigte schließlich im Auftrag des Groß-khans ein Wunderwerk europäischer Technik an.
Wunderwerk zur Repräsentation: der Trinkbaum des Khans
Wilhelm von Rubruk beschreibt es folgendermaßen: Über einem Unterbau mit vier Löwen, die weiße Stutenmilch speien, erhebt sich ein silberner Baum. Zweige, Blüten, Früchte – alles aus Silber. Im Inneren führen vier Röhren nach oben, die an ihren Enden die Gestalt von vier Schlangen annehmen. In einer der Röhren fließt Traubenwein, in der nächsten vergorene Stutenmilch, in der dritten eine Art Met, in der vierten Reiswein. An der Spitze des silbernen Baums ließ Guillaume Boucher eine Engelsfigur anbringen, die eine Posaune in der Hand hält. Sobald jemand zu trinken wünscht, bläst der Engel in das Instrument, worauf das gewünschte Getränk in großen Schalen aufgefangen und schließlich dem Gast serviert wird. Gesteuert wird der Mechanismus durch einen Mann, der in einer Höhle versteckt unter dem silbernen Baum sitzt.
Großkhan Möngke ließ die Anlage bauen, um seine Gäste bei den großen Hoffesten und den damit verbundenen Gelagen zu beeindrucken. Sie wurde am Eingang zum Palast des Khans aufgestellt, dort also, wo sich heute das Kloster Erdenezuu mit seinen 102 weißen Stupas befindet. Wir wissen allerdings nicht, wie sie ganz genau aussah. Nichts von ihr ist erhalten geblieben und andere Beschreibungen gibt es nicht. Konnte man wirklich einen „Engel“ dort sehen? Oder war es ein geflügeltes Mischwesen tibetisch-mongolischer Herkunft? Nur Vermutungen sind möglich. Im frühen 18. Jahrhundert entstand in den Niederlanden ein Kupferstich, der Wilhelms Beschreibung illustriert. Er wurde vielfach nachgedruckt und prägt bis heute das Bild vom alten Karakorum. In der Mongolei sogar im öffentlichen Raum: In Kharkhorin (dem heutigen Karakorum) und Ulaanbaatar (der heutigen Hauptstadt) stehen übergroße Nachbildungen des silbernen Baums, die dem Kupferstich des anonymen niederländischen Künstlers folgen, und genauso ist er auch auf Banknoten des jungen Staatswesens zu sehen (5000 und 10 000 Tögrög). Jede Mongolin und jeder Mongole hat also – wissentlich oder nicht – regelmäßig mit Wilhelm von Rubruk zu tun. Dessen Beschreibung des silbernen Baums trägt auf diese Weise zu Geschichtsbild und Selbstverständnis der mongolischen Republik bei.
Wilhelm blieb nur wenige Monate in Karakorum. Höhepunkt seines Aufenthalts war ein Religionsgespräch im Beisein des Großkhans, bei dem er eine herausgehobene Rolle spielen durfte. Möngke wollte wissen, welcher Religion er den Vorzug geben sollte. Deshalb ließ er Vertreter des Buddhismus, des Christentums und des Islams gegeneinander antreten. Zunächst musste Wilhelm die nestorianischen Geistlichen auf seine Linie einschwören. Das fiel ihm nicht schwer. Seiner geschulten Dialektik waren sie nicht gewachsen. Aber auch im Disput mit der buddhistischen Seite, angeführt von einem „Götzendiener“ aus China, soll Wilhelm triumphiert haben. Er habe den chinesischen Mönch dermaßen in die Enge getrieben, dass dieser nur noch stumm vor sich hin starrte. Die Muslime lachten dazu und gaben den Christen recht. Anschließend hätten alle gemeinsam gezecht. Leider sind wir über den Verlauf der Debatte äußerst einseitig – nämlich nur durch Wilhelm – informiert. Es ist keineswegs sicher, dass sich alles so zutrug.
Den Großkhan konnte Wilhelm nicht für den christlichen Glauben gewinnen. In einer letzten Audienz hielt Möngke ihm vor, dass auch die Mongolen an einen einzigen Gott glaubten; aber so wie Gott der Hand verschiedene Finger gab, so habe er dem Menschen verschiedene Wege zum Heil gewiesen. Die Christen dagegen würden ihre eigenen Gesetze nicht einhalten. Wilhelm durfte nicht widersprechen und bereute es, sich nicht als Gesandten ausgegeben zu haben; denn „ein Gesandter kann sagen, was er will“. Unter Tränen nahm er Abschied von Guillaume Boucher und machte sich auf die lange und beschwerliche Heimreise.
Grenzgänger, Vermittler und erfolgloser Autor
In den Nahen Osten zurückgekehrt, legte Wilhelm schriftlich Rechenschaft ab und verfasste einen ausführlichen Bericht über seine zweijährige Reise. In Frankreich traf er mit einem Ordensbruder, dem großen Naturphilosophen Roger Bacon, zusammen, erzählte ihm, was er erlebt hatte, und wies ihn auf seine Aufzeichnungen hin. Danach verliert sich seine Spur. Bacon sollte für Jahrhunderte der einzige bleiben, der den wissenschaftlichen Wert des Werks erkannte. Es ist nur in wenigen, dank Bacon überwiegend in England aufbewahrten Handschriften überliefert; gedruckt wurde es erst am Ende des 16. Jahrhunderts. Gemessen an seinem Vorgänger, jenem päpstlichen Gesandten, dem sein Spionagedossier regelrecht aus der Hand gerissen wurde, und erst recht an seinem berühmten Nachfolger Marco Polo, blieb Wilhelm lange Zeit ein erfolgloser Autor. Sein Werk verharrte im Schatten einer übermächtigen Konkurrenz.
Heute gilt Wilhelm von Rubruk als früher Vertreter einer auf teilnehmender Beobachtung basierenden Ethnographie, als Grenzgänger und Vermittler zwischen zwei Kulturen. Sein Buch fasziniert durch empirische Genauigkeit und menschliche Wärme. In der Mongolei wird es geschätzt, weil es anschaulich und einfühlsam die Anfänge des mongolischen Großreichs beleuchtet. Für dessen geschichtliche Bedeutung steht die alte Hauptstadt Karakorum, für deren Pracht der verschwundene silberne Baum.
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