Echnaton: Der sonderbare Sohn des einzigen Gottes - wissenschaft.de | DAMALS
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Der sonderbare Sohn des einzigen Gottes
In der Reihe der ägyptischen Pharaonen ist Amenophis IV., auch bekannt als Echnaton, der Rätselhafteste. Seine Nachfolger empfanden sein Wirken als derartig skandalös, dass sie jedes Andenken an ihn zerstört wissen wollten. Heute hat ihm seine Frau Nofretete an Bekanntheit den Rang ablaufen.
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Wie zahlreich sind deine Werke, die dem Angesicht verborgen sind, du einer Gott, dessengleichen nicht ist! Du hast die Erde erschaffen nach deinem Herzen, der du allein warst, mit Menschen, Herden und jeglichem Wild, allem, was auf Erden ist und auf seinen Füßen läuft, allem, was in der Luft ist und mit seinen Flügeln auffliegt.“ So heißt es im „Großen Sonnenhymnus“, der im Felsengrab von Echnatons Schwiegervater Aja überliefert worden ist und dessen Verse dem Pharao selbst zugeschrieben werden.
Die frappierende Ähnlichkeit der Zeilen des Hymnus mit den Versen des 104. Psalms fiel schon unmittelbar nach der Wiederentdeckung des Grabes im späten 19. Jahrhundert auf. Doch wie war das möglich? Und: War hier wirklich von dem EINEN Gott die Rede?
Tatsächlich hatte Amenophis IV. sich in einem radikalen Schritt der alten Götter Ägyptens entledigt und sie durch den einen, unvergleichlichen Schöpfer allen Lebens ersetzt: Aton, den Sonnengott, dessen Wirken an jedem Ort auf Erden sichtbar ist, der von den Strahlen der Sonne erreicht wird. Mit dieser völlig unerhörten Maßnahme erschütterte der Pharao seine Untertanen bis ins Mark – war doch alles, woran sie bis dahin geglaubt hatten, auf einmal nichtig und falsch.
Amenophis IV. war der Sohn und Nachfolger von Amenophis III., des neunten Königs jener 18. Dynastie, mit der die Epoche des „Neuen Reiches“ begann. In ihr stieg Ägypten zur bedeutenden Regionalmacht auf. Amenophis III. war bereits im Alter von etwa zwölf Jahren auf den Thron gelangt und regierte Ägypten mehr als 30 Jahre lang. Er galt als Herrscher des Friedens und des Wohlstands und hinterließ vor allem als Auftraggeber monumentaler Bauwerke, zum Beispiel in Luxor, seine Spuren. Auch seine Hofhaltung galt als kostspielig und prächtig. Ungewöhnlich war nur die Wahl seiner „großen Königsgemahlin“: Teje war die Tochter eines Mannes aus der Beamtenschicht und die Heirat des Pharaos mit einer Bürgerlichen ein bis dahin ungekannter Vorgang.
Amenophis IV. signalisiert politische Kontinuität, greift aber in die Götterwelt ein
Als Nachfolger von Amenophis III. war zunächst sein ältester Sohn Thutmosis vorgesehen. Erst dessen überraschender Tod im 30. Regierungsjahr seines Vaters führte dazu, dass sein jüngerer Bruder Amenophis seinen Platz einnahm. Es wird davon ausgegangen, dass dieser etwa Anfang 20 war, als er nach dem Tod des Vaters 1351 v. Chr. den Thron bestieg. Zu diesem Zeitpunkt war Amenophis IV. wohl bereits verheiratet, gebar seine Frau Nofretete ihm doch noch in seinem ersten Regierungsjahr eine Tochter. Nofretete war die Tochter Ajas, bei dem es sich vermutlich um einen Bruder von Teje, der Mutter von Amenophis, handelte – das heißt die Ehefrau war gleichzeitig die Cousine des neuen Herrschers. Es ist vermutet worden, dass sie, wie ihr Vater Aja, der unter Amenophis IV. zum „Kommandeur der Streitwagentruppe“ und mächtigen Berater des Herrschers aufsteigen sollte, direkt an den Regierungsgeschäften beteiligt gewesen sein könnte. Eine wichtige Rolle spielte sie in jedem Fall bei der Selbstinszenierung der königlichen Familie. Neben der berühmten Büste sind zahlreiche weitere Abbildungen von ihr erhalten.
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Bei der Wahl seiner Thronnamen, welche die Pharaonen neben ihrem Geburtsnamen führten, orientierte sich Amenophis IV. an seinem Vater und demonstrierte damit Kontinuität zu dessen auf Ausgleich bedachter politischen Agenda. Tatsächlich ging zunächst scheinbar alles seinen gewohnten Gang. So sind etwa mit dem Herrscherwechsel keine personellen Veränderungen in der höheren Beamtenschicht belegt. Ungewöhnlich waren allein die Namensgebung seiner ersten Tochter Meritaton („Liebste des Aton“) und die Entscheidung, als erstes größeres Bauwerk einen Tempel für Re-Harachte-Aton in Auftrag zu geben.
Die ägyptische Götterwelt war kompliziert – und stetig im Fluss. Gottheiten konnten sich weiterentwickeln, sich verändern, miteinander verschmelzen und sich wieder voneinander lösen. Wichtigster Gott war der Sonnengott Re, der am Tag in einer Barke am Himmel entlangfuhr und nachts die Gewässer der Unterwelt durchquerte, wo er nicht nur seinem Widersacher Apophis, sondern auch Osiris, dem Herrscher des Totenreichs, begegnete. Eine zentrale Rolle spielte auch der Reichsgott Amun, der verborgene Gott des Windes, der wie Harachte, der die Morgensonne symbolisierte, häufig in Verschmelzung mit Re auftrat.
Die Pharaonen beherrschten ihr Reich als „Söhne des Re“. Das Wort Aton bezeichnete hingegen ursprünglich die Sonne als Himmelskörper, es konnte damit aber auch der Sonnengott selbst gemeint sein. Doch Re-Harachte-Aton wich bald einem Sonnengott mit bekannten Namen, aber einem gänzlich anderen Wesen: Aton offenbarte sich im Leben spendenden Lichtstrahl der Sonne, war Weltenschöpfer und Weltenherrscher, Quelle und Ursprung allen Lebens – und den Gläubigen allein durch die Vermittlung von Amenophis IV. zugänglich. Noch wichtiger aber war: Aton duldete keine anderen Götter neben sich. Der neue Gott wurde der einzige Gott. Wer das nicht akzeptierte, wurde zum Ungläubigen.
Wer seine Privilegien nicht verlieren will, folgt besser dem neuen Universalgott
In seinem dritten oder vierten Regierungsjahr ließ Amenophis IV. in Karnak einen neuen Tempel errichten, der Gem-pa-Aton („Gefunden ist Aton“) genannt wurde. Es handelte sich um den bis dahin größten sakralen Bau des Reiches – und die Anlage war völlig anders konzipiert als alle bis dahin bekannten Tempel. Wurden deren Höfe, Hallen und Räume immer dunkler, je näher man dem Allerheiligsten kam, so gab es im neuen Tempel keine dunklen Räume, sondern überall das von Aton gespendete Licht. Es gab auch anders als gewohnt kein zentrales Kultbild – denn Aton war ja schließlich Licht.
Umso faszinierender war die künstlerische Gestaltung, besonders jener Statuen, die den König selbst zeigten: Über kräftigen Oberschenkeln erhob sich ein schmal zulaufender Körper, ein schmales Gesicht und ein übertrieben großer Hinterkopf. Diese unnatürliche Darstellung stand in scharfem Kontrast zu den gewohnten Bildern sportlich-athletischer Herrscher.
Für eine Weile durften die alten Götter noch neben Aton weiterexistieren. Doch schon bald war Schluss damit. Für ihre Tempel und Priester war kein Bedarf mehr. Die Tempel wurden geschlossen, den Priestern andere Aufgaben zugewiesen. Proteste seitens der Beamtenschaft duldete Amenophis IV. ebenfalls nicht: Wer sich nicht anpasste, verlor seine privilegierte Stellung. Mit etwas Verspätung kam es nun doch zur großen Personalrochade in der höheren Beamtenschaft. Viele derer, die blieben, änderten als Zeichen der Anpassung ihre Namen. Gleichzeitig boten sich Chancen für ambitionierte Aufsteiger.
Doch mit dem Bau eines neuen Tempels für den neuen Gott war es nicht getan. Zu sehr waren die bestehenden Zentren des Reichs mit dem Kult der alten Götter verbunden. Also musste eine neue Hauptstadt her: Achet-Aton („Horizont des Aton“). Als Bauplatz wählte Amenophis IV. ein einsames Wüstenfeld am Nil. Stelen markierten die Grenzen der neuen Stadt. Gleichzeitig zeugen Inschriften von ihrer Erbauung: „Ich errichte Achetaton für Aton, meinen Vater, an diesem Platz, ich will ihm Achetaton nicht im Süden, im Norden, im Westen oder im Osten davon errichten … Ich baue den großen Tempel für Aton, meinen Vater, in Achetaton an dieser Stelle … ich werde alle Arbeiten verrichten, die nötig und die zu machen sind für Aton, meinen Vater, in Achet-aton an dieser Stelle … Ich errichte mir Königspaläste und ich baue einen Harem für die Königliche Gemahlin in Achetaton an dieser Stelle! Man baue mir ein Grab im Berg von Achetaton, wo die Sonne aufgeht, in welchem meine Bestattung erfolgen soll.“
Echnaton erbaut sich eine Stadt als Residenz und Kultstätte
Tempel, Palastanlagen und ein Königsgrab sollten entstehen, denn keinesfalls wollte der Herrscher wie seine Vorgänger im Tal der Könige bestattet werden. Und wirklich wurde in nur wenigen Jahren eine beeindruckende Stadt gebaut, die halb königliche Residenz, halb Kultstätte des neuen Gottes war. In kürzester Zeit und unter extremen klimatischen Bedingungen errichteten Tausende Ingenieure, Steinmetze, Maurer und Künstler unter Leitung des Baumeisters Maanachtuef mitten in der Wüste einen sehr großen und mehrere kleine Tempel, außerdem Paläste, Kasernen, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, Werkstätten und Ställe, den angesprochenen Harem, komfortable Häuser für die hohen Beamten und einfache Unterkünfte für das Heer von Handwerkern und Arbeitern.
Mit der Stadtgründung legte Amenophis IV. auch seinen Geburtsnamen ab: Nicht Amenophis, sondern Echnaton, der „Strahl des Aton“, wollte er von nun an genannt werden. Im sechsten Jahr seiner Regierung wurde die Stadt feierlich eingeweiht. Auch hiervon berichtet eine Stele: „Seine Majestät erschien mit einem Pferdegespann auf einem großen Wagen aus Elektron … es wurde ein großes Opfer dargebracht an Brot und Bier, an großen und kleinen Rindern, Kälbern und Vögeln, an Wein und Früchten, an Weihrauch und an allen Arten von guten Pflanzen zum Tag der Gründung von Achetaton, für die lebendige Sonne, die Lobpreis und Liebe entgegennimmt, für Leben, Heil und Gesundheit des Königs.“
Ausgrabungen zeigen, dass die hohe Geschwindigkeit bei der Errichtung der Stadt durchaus nicht zu Lasten der Qualität der künstlerischen Ausgestaltung und des Wohnkomfort ging: Die in der Südstadt gelegenen vornehmen Häuser der wohlhabenden Bevölkerung waren prächtig ausgestattet, verfügten über Badezimmer und Latrinen und waren von Gärten mit Teichen und Brunnen umgeben.
In der Südstadt lebte und arbeitete auch der Bildhauer Thutmosis, in dessen Werkstatt am 6. Dezember 1912 jene Büste der Nofretete gefunden wurde, die heute im Ägyptischen Museum in Berlin ausgestellt wird. Auch andere bedeutende Funde befinden sich heute nicht in Ägypten, sondern in Berlin oder Oxford: Im dortigen Ashmolean Museum sind etwa die Fragmente eines Wandfreskos zu sehen, das im Wohnhaus des Königs entdeckt wurde und die königliche Familie zeigt.
Die unter Echnatons Herrschaft entstandenen Kunstwerke zeugen von einem völlig neuen künstlerischen Stil, der kaum weniger radikal war als die oktroyierten religiösen Reformen. Gleichwohl war sich der Herrscher bewusst, dass es zur Durchsetzung des neuen Glaubens mit großzügigem Mäzenatentum und dem Bau einer neuen Stadt nicht getan war. Ein mindestens ebenso großes Anliegen war ihm daher die grundlegende Umgestaltung des Bildungswesens. Als nachhaltigste Maßnahme erwies sich dabei die von Echnaton angeordnete Reform der Schriftsprache. Bis dahin wurde im Schriftverkehr eine klassische Sprache gepflegt, die sich so weit von der gesprochenen Alltagssprache entfernt hatte, dass sie für die allermeisten Ägypter den Charakter einer Fremdsprache hatte. Damit war nun Schluss. Echnaton ordnete an, die Umgangssprache zur neuen Schriftsprache zu machen.
Das Volk leidet unter dem Verlust des alten Götterglaubens
Die oktroyierte Verordnung eines neuen Glaubens muss die Untertanen Echnatons all seinen Maßnahmen zum Trotz zutiefst verunsichert haben. Dramatisch muss ihnen besonders ein ganz spezieller Aspekt der neuen Religion erschienen sein: Das Totenreich des Osiris und das Jenseitsgericht, vor dem über die Sünden der Verstorbenen gerichtet wurde, wurden einfach abgeschafft. Himmel und Hölle hörten auf zu existieren. Alles, was blieb, alles, was sie nach dem Tod erwarten durften, war die Anschauung Atons.
Dass das Vorgehen auf Widerspruch stieß und viele Untertanen im Geheimen weiterhin dem alten Glauben anhingen, ist hinreichend belegt. Andererseits wirkte sich die Entfremdung von Herrscher und Volk nicht negativ auf das Funktionieren der Institutionen aus. Hätte die Verwaltung des Reiches nicht weitergearbeitet wie gewohnt, wäre die Umsetzung eines umfangreichen Bauprojekts wie Achetaton kaum möglich gewesen.
Von einer gut funktionierenden Administration zeugen auch die sogenannten Armanabriefe, 379 in babylonischer Keilschrift verfasste diplomatische Schreiben, die aus den Ruinen des Staatsarchivs in Achetaton geborgen wurden und die ein eindrückliches Bild von den äußeren Beziehungen des Pharaonenreichs liefern. So zeugen die Tontafeln sehr anschaulich von der andauernden Konkurrenz Ägyptens mit dem Reich der Hethiter ebenso wie von den blutigen Strafexpeditionen nach Nubien.
Aus den späten Regierungsjahren Echnatons ist indes wenig Konkretes bekannt. Nach dem Tod Nofretetes betrat mit Kija eine andere Königsgemahlin die Bildfläche, doch scheint Nofretetes Vater Aja seinen großen Einfluss am Hof gewahrt zu haben. Davon zeugen insbesondere die Ereignisse nach Echnatons Tod im 17. Jahr seiner Regierung, 1335 v. Chr.
Wie das Löschen eines Traumas – Echnatons Vermächtnis wird getilgt
Wie von ihm gewünscht, wurde Echnaton in einem Felsgrab bei Achetaton bestattet. Seine Nachfolge trat sein Sohn Tutanchaton an, der jedoch erst fünf Jahre alt war. Im Machtkampf um die Regentschaft setzte sich zunächst seine ältere Schwester Meritaton mit Hilfe ihres Großvaters Aja gegen die Königsgemahlin Kija durch. Als dann ihr Bruder mit neun oder zehn Jahren offiziell die Regierungsgewalt übernahm, hatte die behutsame Restauration des alten Götterglaubens bereits begonnen. Im zweiten oder dritten Jahr seiner Regierung vollzog der Sohn dann schließlich auch den offenen Bruch mit der Politik seines Vaters. Er änderte seinen Namen von Tutanchaton in Tutanchamun, verlegte die Residenz nach Memphis und flehte die alten Götter an, zurückzukehren und sich wieder um Ägypten zu kümmern, wie die sogenannte Restaurationsstele zu berichten weiß.
Treibende Kraft bei diesen Vorgängen waren der mächtige Großvater Aja und der aufstrebende General Haremhab. Im zehnten Jahr seiner Regierung starb Tutanchamun dann völlig überraschend und wurde in jenem eilig zurechtgemachten und relativ kleinen Grab im Tal der Könige beigesetzt, das Howard Carter 1922 wiederentdecken sollte.
Da Tutanchamun keinen Erben hinterließ, riss Aja die Macht an sich. Nach seinem baldigen Tod wurde er seinerseits von Haremhab ersetzt. Dieser legitimierte seine Machtergreifung mit einem Orakelspruch des Amun – und rechnete gnadenlos mit der alten Dynastie ab. Inschriften wurden entfernt, Statuen zerbrochen, alle Pharaonen nach Amenophis III. aus der offiziellen Überlieferung gestrichen.
Doch völlig tilgen konnte Haremhab die Spuren von Echnatons Wirken nicht: Dessen Sprachreform blieb ebenso erhalten wie sein Einfluss auf die Literatur und die bildende Kunst. Dennoch tat die damnatio memoriae ihre Wirkung. Für lange Zeit geriet Echnaton in Vergessenheit. Erst als im 18. Jahrhundert die systematische Erforschung des alten Ägypten einsetzte, wurde er wiederentdeckt.
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