Hatry wird häufig als Pionier der Luft- und Raumfahrttechnik bezeichnet, von der RAK-1 eine direkte Linie zum Sputnik-Satelliten und den Apollo-Missionen gezogen. Dr. Kurt Möser, Konservator am Landesmuseum, sieht den Flugpionier jedoch in einer anderen Tradition: „Julius Hatry war vor allem fasziniert von der Geschwindigkeit. Sein Auftraggeber Fritz von Opel probierte auf ganz vielen Gebieten Rückstoßraketen aus, beispielsweise auch bei Autos.“ So orientierte sich die RAK-1 am konventionellen Segelflugzeug, war also eigentlich eine ziemlich einfache Konstruktion. Revolutionär dagegen war die Antriebstechnik, die in den 1920er Jahren als besonders modern, zukunftsträchtig und spektakulär galt: Mit Raketen hoffte man, besonders große Geschwindigkeiten zu erreichen. In der Tat war die Beschleunigung enorm – absolut gesehen war man jedoch, wie sich mit der Zeit herausstellen sollte, mit konventionellen Antrieben wesentlich schneller. Hatrys Entwicklungen spiegelten damit auch den Geist dieser Zeit wider, der geprägt war von Fortschrittsglauben und Begeisterung für eine neue Technik, die Zeit und Raum überwinden sollte.
Bei Hatry, geboren 1906 in Mannheim, zeigte sich schon früh sein Faible für Flugzeuge. Mit gerade einmal 15 Jahren wurde er Mitglied des Mannheimer Fliegerclubs, fünf Jahre später bestand er als erster Badener die C-Prüfung für Segelflieger – die höchste Kategorie. Zwar nahm er ein Ingenieurstudium an der TH München auf, brach es jedoch bald ab, um als Fluglehrer im ostpreußischen Rossitten zu arbeiten. Dort fertigte er seine ersten großen Flugzeugmodelle, so etwa die „Wasserratte“, das weltweit erste Segelflugzeug, das auf dem Wasser landen konnte. Im Sommer 1929 schließlich begann Hatry mit dem Bau der RAK-1 und bot Fritz von Opel eine Zusammenarbeit an – nicht zuletzt, damit dieser ihm nicht zuvorkommen konnte, denn der Juniorchef der Rüsselsheimer Opel-Werke experimentierte selbst seit Jahren mit Raketenautos und -draisinen. Den ersten Testflug am 19. September absolvierte Hatry selbst, die öffentliche Präsentation in Frankfurt zehn Tage später war indes von Opel vorbehalten. Die Presse wurde eingeladen, die „New York Times“ berichtete. Und von Opel ließ heimlich die Schriftzüge auf dem Leitwerk übermalen: Statt „Hatry-Flugzeug“ stand dort jetzt „Opel-Sander RAK 1“ – Hatry protestierte, war den Geldgebern gegenüber aber machtlos.
Zunächst hatte von Opel zwei Fehlstarts, doch beim dritten Versuch klappte es: Die RAK-1 legte in einer Höhe von 20 Metern und bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 100 km/h rund zwei Kilometer zurück. Der Flug endete mit einer Bruchlandung, doch die Öffentlichkeit feierte die Sensation: Der erste bemannte Raketenflug hatte stattgefunden. Nach diesem vielversprechenden Start kam Hatrys Arbeit jedoch aufgrund widriger Umstände ins Stocken. So verunglückte sein Auftraggeber Max Valier 1930 bei einem Raketenmotortest tödlich. 1935 verboten ihm die Nationalsozialisten aufgrund seiner teilweise jüdischen Abstammung jegliche Forschung. Hatry wandte sich dem Film zu, arbeitete als Kameramann, Drehbuchautor und Regisseur. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges produzierte er Dokumentarfilme, führte Regie am Theater und synchronisierte französische Filme. In den 1980er Jahr wurde er wieder im Luftfahrtwesen aktiv, engagierte sich etwa in der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt.





