Marcus Tullius Cicero ist nicht gerade als ruhmreicher Feldherr in die Annalen der römischen Geschichte eingegangen. Im Gegenteil: Der Redner, Anwalt, Philosoph und Politiker hatte persönlich eine ausgesprochene Abneigung gegen alles, was mit Militär zu tun hatte. Daher war es für ihn eine Schreckensnachricht, als der Senat ihm im Februar des Jahres 51 v. Chr. die Statthalterschaft in Kilikien übertrug. Denn nicht nur, dass er sich nun einige Zeit fern der politischen Bühne in Rom, die für ihn die Welt bedeutete, aufhalten musste – mehr noch plagte ihn die Vorstellung, im äußersten Südosten Anatoliens womöglich gegen die Parther kämpfen zu müssen, die im Orient zu Rivalen der Römer im Kampf um Macht und Einfluss geworden waren. In einem Brief an seinen engen Freund und Berater Atticus schrieb er: „Mein einziger Trost in dieser entsetzlichen Kalamität ist wirklich nur die Hoffnung, dass sie nicht länger als ein Jahr dauert.“
Cicero hatte Glück: Die befürchteten Gefechte mit den Parthern fanden nicht statt. Andere römische Befehlshaber hatten bei seiner Ankunft die parthischen Armeen bereits besiegt. Daraufhin wurde der, solange es um die starken Parther gegangen war, kriegsmüde Cicero plötzlich ungewöhnlich aktiv. Er setzte seine Truppen gegen einheimische kilikische Bergvölker in Marsch, feierte in Issos, wo 333 v. Chr. Alexander der Große den Perserkönig Dareios III. geschlagen hatte, einen nach eigener Einschätzung grandiosen Sieg und nahm schließlich eine Bergfestung namens Pindenissos ein, deren Namen in Rom kaum ein Mensch kannte. Besser gesagt: Er beobachtete diese kriegerischen Vorgänge aus sicherer Distanz – die Vorstellung, Cicero hoch zu Ross an der Spitze einer Legion voranreiten zu sehen, war nicht nur für seine Soldaten kaum denkbar. …
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Prof. Dr. Holger Sonnabend





