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Der Traum vom unberührten Land
Bis zu zwei Millionen Menschen kehrten im Verlauf der vergangenen 300 Jahre dem deutschen Südwesten den Rücken, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Ebenso wie andere europäische Kolonisatoren stellten sie sich Amerika meist als „virgin land“ – als unberührtes Land – vor. Aber das Land war nicht leer.
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Viele Siedlerinnen und Siedler flohen vor Not und Verfolgung. Der Wunsch nach politischer oder religiöser Freiheit sowie die Sehnsucht nach Wohlstand in dem vermeintlich grenzenlosen Land waren die wichtigsten Gründe für die Auswanderung. Doch die Realität hatte häufig wenig mit den Träumen zu tun. Die Regionen, in welchen sich die Deutschen niederließen, warteten nicht darauf, „entdeckt“ und erschlossen zu werden. Denn dort lebten bereits Menschen. Im Jahr 1500 hatten rund sieben Millionen Indigene Nordamerika bevölkert. Infektionskrankheiten, die aggressive Umsiedlungspolitik der Neuankömmlinge und Gewalt reduzierten bis 1900 ihre Zahl auf etwa 237 000.
Die Auswanderer aus dem deutschen Südwesten hatten Teil am Siedlerkolonialismus. In ihrer neuen Heimat suchten sie Wege zum Zusammenleben mit den Indigenen Amerikas und beteiligten sich gleichzeitig an deren Vertreibung und Vernichtung. Sie begegneten Indigenen in Kooperation und Konkurrenz, kämpften immer wieder gegen sie, aber versuchten auch, sie kennenzulernen. Ihre Vorstellung von Indigenen war oft ambivalent: einerseits geprägt vom rassistischen Bild des „grausamen Wilden“ und andererseits vom idealisierenden Gegenbild des „edlen Wilden“. Vier Beispiele zeigen unterschiedliche Formen der Begegnung zwischen Südwestdeutschen und Indigenen.
Kooperation: der Dolmetscher und Vermittler Conrad Weiser
1710 siedelten sich rund 2400 Menschen aus Südwestdeutschland am Hudson-Fluss an, um dort Schiffspech für die englische Marine zu produzieren. Unter ihnen war auch der 14-jährige Conrad Weiser (1696–1760) aus Großaspach. Im harten ersten Winter wurde Weiser zu benachbarten Mohawk in Kost gegeben. Dort eignete er sich nicht nur die Sprache der Mohawk an, sondern er erlernte auch ihre Art und Weise, Politik zu machen. Mohawk, Seneca, Cayuga, Onondaga, Oneida und Tuscarora bildeten den Bund der Haudenosaunee, von den Briten Six Nations, von den Franzosen Iroquois genannt. Durch Krieg und Diplomatie hatte dieser Bund die Vorherrschaft unter den Indigenen an der Nordostküste erlangt und wurde auch von den rivalisierenden Kolonialmächten Frankreich und England als Machtfaktor ernst genommen.
In den 1730er Jahren versuchten die Haudenosaunee, ihre Machtbasis nach Süden zu erweitern, und schickten den Oneida Swatane (Shikellamy) als ihren Interessenvertreter in die Gegend des heutigen Sunbury in Pennsylvania. Conrad Weiser war 1729 ebenfalls nach Pennsylvania gezogen. Diese Kolonie gehörte den teils in England lebenden Erben von William Penn (1644 –1718), der die Kolonie gegründet hatte. Sie waren Quäker, und sie strebten ein friedliches Zusammenleben aller Bewohner des Landes an, wollten aber durch Förderung der Kolonisation mit ihrem fernen Besitz auch Geld verdienen.
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Der amtierende Gouverneur James Logan suchte Kontakt mit den einflussreichen Haudenosaunee. Zum ersten Treffen 1732 brachte Swatane einen Dolmetscher mit: Conrad Weiser. Bis 1758 sollte Weiser in zahllosen Missionen versuchen, den fragilen Frieden zwischen europäischen Siedlern und Indigenen Amerikas zu wahren und dabei die Interessen der Haudenosaunee und der Briten gegen andere indigene Nationen und Franzosen durchzusetzen.
Im tiefsten Winter reiste er, teils zu Fuß, durch tiefen Schnee die 800 Meilen zu den Onondaga, um Botschaften der Gouverneure von Virginia und Pennsylvania zu übermitteln. Weiser war auch als Dolmetscher dabei, als die Penn-Brüder 1737 mit dem Volk der Lenape (auch Delawaren genannt) den „Walking Purchase“ abschlossen, einen Landerwerb, bei dem, wie sich herausstellte, die Indigenen letztlich betrogen wurden. Zwischen 1756 und 1758 vermittelte Weiser bei den Konferenzen von Easton auch den Frieden zwischen den Haudenosaunee und den Lenape, der Höhepunkt seiner Karriere als „Indian Ambassador“. Bei seiner schwierigen Arbeit half ihm, dass er als in Deutschland Geborener keiner der Parteien angehörte. Die Haudenosaunee verliehen ihm den Ehrennamen „Tarachiwagon“, Himmelslenker.
Konkurrenz: Elisabeth Fink-Henle und die Dakota in Minnesota
Ein besonders tragisches Beispiel der Verflechtung der Schicksale europäischer Siedlerinnen und Siedler mit denen der Indigenen Amerikas stellt die Geschichte von Elisabeth Fink-Henle (1831–1907) aus Erbach bei Ulm und den Angehörigen der Dakota Nation in Minnesota dar. Fink-Henle hatte sich 1854 einer Gruppe südwestdeutscher Kolonisten angeschlossen, die Land in Minnesota erwerben wollte. Sie war die einzige Frau unter den 32 Pionieren, die das Städtchen New Ulm und das Dorf Milford an der Mündung des Cottonwood-Flusses in den Minnesota-Fluss gründeten: „Am 9. Oktober langte die kleine Kolonie an dem neuen Bestimmungsort an. Doch was gab’s nun weiter? Da war Gottes wilde Natur, kein Haus und keine Hütte zur Unterkunft. Umschau haltend, fand man sogenannte Indianer ,tepees‘, die leer waren. Die Indianer hatten die tepees verlassen wegen der Pocken, die unter ihnen herrschten. Die Kolonie bezog die tepees.“ So berichtete Fink-Henles Sohn Athanasius Henle.
Die Tipis am Cottonwood-Fluss waren allerdings nicht dauerhaft verlassen. Die dort lebenden Dakota waren empört, als sie bei der Rückkehr von der Nahrungsbeschaffung ihre Hütten besetzt fanden. Die Deutschen verscheuchten sie allerdings, indem sie das Gerücht verbreiteten, es gebe eine Pocken-Epidemie.
1856 zogen Fink-Henles Eltern und Geschwister aus Erbach ebenfalls nach Milford, das nahe der Grenze zum neuerrichteten Dakota-Reservat lag. Der Gouverneur des jungen Staates Minnesota, Alexander Ramsey, hatte die Dakota 1851 zu gewaltigen Landabtretungen gezwungen. Die Verträge waren das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben waren. So hatte der Senat in Washington kurzerhand die eigentlich den Dakota zugesprochene Fläche halbiert. Von den 3,75 Millionen Dollar, die den Dakota zustanden, wurde der Löwenanteil korrupten Händlern und Agenten ausbezahlt.
Im kleinen Restreservat war das Überleben schwierig. Versprochene Zahlungen blieben aus, angelieferte Nahrungsmittel waren verdorben. Und so löste ein kleiner Vorfall im August 1862 einen Flächenbrand der Gewalt aus, an dessen Ende mehr als 600 Siedlerinnen und Siedler, rund 110 Soldaten und 150 Dakota tot waren. Etwa 6000 Dakota wurden zudem Opfer ethnischer Säuberungen. Auslöser war ein missglückter Eierdiebstahl am 17. August gewesen, bei dem junge Krieger drei Männer und zwei Frauen in der Nähe von Acton töteten.
Am selben Tag warb die US-Armee in New Ulm Freiwillige für den fernen Bürgerkrieg an. Viele Dakota-Krieger glaubten, die Zeit sei günstig, um die weißen Farmer zu vertreiben. Ihr erfahrenster Anführer, Ta Oya Te Duta (Little Crow; 1810 –1863), erklärte sich widerstrebend bereit, die Angriffe anzuführen, aber er warnte seine Mitstreiter: „Seht! Die Weißen sind wie die Heuschrecken, die in dichten Schwärmen kommen wie ein Schneesturm … Tötet einen, zwei, zehn – und dann werden zehnmal zehn kommen, um euch zu töten.“
Er sollte recht behalten. Während einige Dakota Milford, New Ulm und weitere Siedlungen angriffen, teilweise zerstörten und Siedlerfamilien massakrierten, blieb die Mehrheit der Dakota neutral oder beschützte sogar Weiße. Das Militär blies nun aber zu einem von der Presse unterstützten „Vernichtungskrieg“. Am 23. September 1862 mussten sich die Dakota ergeben.
Eine Militärkommission verurteilte 303 Männer in skandalösen Schnellverfahren zum Tod. Nach einer Intervention durch Präsident Abraham Lincoln (1861–1865) wurden am 26. Dezember 1862 dann 38 Dakota in einem öffentlich inszenierten Spektakel hingerichtet. Selbst die am Krieg unbeteiligten Dakota-Familien wurden in ein Internierungslager bei Fort Snelling gebracht, wo zwischen 130 und 300 Menschen im harten Winter starben. Der Rest musste 1863 Minnesota verlassen, die Verträge von 1851 wurden annulliert.
In Milford hatten Dakota 55 Menschen getötet, darunter 17 Verwandte von Elisabeth Fink-Henle. Ihre Kernfamilie überlebte jedoch. Angeblich hatten Dakota sie vor dem Angriff gewarnt und verschont, weil die Süddeutschen eine freundliche Nachbarschaftsbeziehung zu ihnen aufgebaut hatten.
Kämpfen: Soldat Karl Herzog im Krieg gegen die Paiute
Der Stuttgarter Schriftsetzer Karl Herzog (1819 – nach 1862) kämpfte wiederholt gegen indigene Amerikaner. Seit den 1830er Jahren verfolgte die US-Regierung eine zunehmend aggressive Expansionspolitik. Mit dem „Indian Removal Act“ vom 28. Mai 1830 wurden die Indigenen Amerikas mehr oder weniger gewaltsam dazu gezwungen, das Staatsgebiet der damaligen USA zu verlassen und in ein „Indian Territory“ westlich des Mississippi (das spätere Oklahoma) zu ziehen.
Aber damit begnügten sich die weißen US-Amerikaner nicht lange. Im Lauf des 19. Jahrhunderts enteigneten sie die Indigenen flächendeckend und zwängten sie auf meist unfruchtbaren Landresten zusammen. Sie setzten ihren Machtanspruch auch gewaltsam durch. Karl Herzog war 1848 in die USA ausgewandert. Weil er zunächst keine Arbeit fand, verpflichtete er sich als Soldat. Im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846–1848) eroberten die USA das heutige Arizona, Utah, Nevada und Kalifornien. 1853 wurde Herzog in Fort Yuma am Colorado River an der Grenze zwischen Kalifornien und Arizona stationiert. Er begleitete Vermessungsexpeditionen in die Wüste und kämpfte dann 1860 gegen Paiute in Nevada.
Nach einem Hungerwinter im Jahr 1859 und einem Vorfall in Williams Station, wo wohl zwei Paiute-Mädchen vergewaltigt worden waren, griffen aufgebrachte Paiute-Krieger im Frühjahr 1860 die Weißen an. Herzogs Einheit wurde zur Unterstützung einer Freiwilligenwehr abgeordnet. 79 Weiße und 25 Indigene kamen in einem Gefecht am Pyramid Lake ums Leben. Der „Paiute-War“ war Teil einer Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Indigenen und Euroamerikanern, mit denen der Widerstand der Indigenen Amerikas gegen ihre Vertreibung und Vernichtung gewaltsam gebrochen wurde.
Kennenlernen: die Reisen des Herzogs Paul Wilhelm
Herzog Paul Wilhelm von Württemberg (1797–1860), ein Neffe des ersten württembergischen Königs Friedrich, sollte eigentlich Offizier werden. Doch 1822 quittierte er seinen Dienst, um sich ganz seiner wissenschaftlichen Neugier widmen zu können. Unter anderem unternahm er vier Forschungsreisen nach Amerika. Er beobachtete dabei seine Umgebung unter naturwissenschaftlichen, ethnographischen, historischen, politischen und kulturgeschichtlichen Kriterien, führte Tagebuch, zeichnete, fertigte Statistiken an – und sammelte botanische, mineralogische, zoologische und ethnologische Objekte.
Die erste Amerikareise von 1822 bis 1824 ist durch seinen gedruckten Reisebericht ausführlich dokumentiert. Auf dieser Reise traf er beispielsweise Potawatomi und Osage in St. Louis, Iowa in Jefferson City, Kansa (Kaw) am Kansas River und auf der Rückreise Oto und Pawnee bei Fort Atkinson. Indigene Amerikas und deutscher Forscher begegneten einander offenbar neugierig und respektvoll.
So zitiert der Herzog in seinem Bericht eine Ansprache des Pawnee-Priesters Ha-o-peku-leschar. Dieser betonte, der Herzog sei willkommen, „mit uns das Friedensfest zu feiern und von unseren Speisen zu genießen wie ein Bruder mit dem anderen. Du bist nicht in das Land gekommen, mit uns zu handeln und mancherlei unnützen Tand oder giftige Getränke, wie doch viele tun, für unser bestes Eigentum hinzuwerfen und dich an unserer Armut zu bereichern. Du willst uns von deinem Land etwas Neues sagen.“
Und doch zeugen die Beschreibungen des Herzogs von seinem Unverständnis für die „Wilden“. Mit der rücksichtslosen Umsiedlungspolitik der US-Regierung zeigte er sich einverstanden. Bei seiner dritten Amerikareise in den Jahren von 1849 bis 1856 ließ sich Herzog Paul vom Maler Balduin Möllhausen begleiten. Unter dem fortgeschrittenen Druck der Kolonisatoren mussten die Indigenen Amerikas mittlerweile immer mehr ums Überleben kämpfen; den weißen Eindringlingen begegneten sie zunehmend abweisend oder feindlich. Auch Herzog Paul und Möllhausen wurden beschossen und gerieten sogar kurz in Gefangenschaft.
Von seinen ausgedehnten Forschungsreisen brachte der Herzog zahlreiche Präparate und von Indigenen Amerikas geschaffene Objekte nach Württemberg. Er präsentierte sie in einem naturhistorischen und ethnologischen Museum in 20 Zimmern seines Schlosses in Mergentheim. Herzog Paul starb hochverschuldet. Nach seinem Tod wurden die Sammlungen versteigert und in alle Himmelsrichtungen zerstreut.
Epilog: „Indianer“-Begeisterung im deutschen Südwesten
Einen ganz eigenen amerikanischen Traum leben die über 50 000 Menschen in Deutschland, die einem der zahllosen „Wild-West“-Vereine angehören. Die Begeisterung der Menschen in Mitteleuropa für „Indianer“ reicht weit ins 19. Jahrhundert zurück und hatte früh einen Schwerpunkt in Südwestdeutschland. Den ersten „Wild-West-Club“ rief 1921 Fritz Enderle in Freiburg ins Leben; 1948 gründeten „Westernfreunde“ in Karlsruhe den ersten deutschen Nachkriegsclub.
In diesen Vereinen spielen Menschen zwar auch Weiße wie Cowboys, Trapper oder Kolonialsoldaten; weitaus die meisten aber identifizieren sich mit den Indigenen Amerikas. Sie bauen Tipis, nähen Hirschledergewänder, schießen mit Pfeil und Bogen, tanzen oder lernen die Sprache der Cherokee oder Lakota; viele der „Indianthusiasten“, wie der Ethnologe Hartmut Lutz dieses Phänomen nennt, sind sehr gut informiert über Geschichte und Gegenwart der Indigenen Amerikas. Ihre Faszination speist sich aus einer Mischung aus Outdoor-Romantik, antizivilisatorischer Ablehnung der Industrialisierung und der Identifikation mit Randgruppen.
Die Ethnologin Yolanda Broyles-González (Kansas State University) erforschte mehr als ein Jahrzehnt die „Cheyennes“ im Schwarzwald. Viele Vereinsmitglieder verbrachten jedes Wochenende und alle Ferien in Tipis im Schwarzwald. Broyles-Gonzalez deutete dieses Hobby als eine Form von „grünem“ Widerstand gegen die Zumutungen der Moderne.
Die Identifikation mit den Indigenen recht sehr weit: Seit 1951 treffen sich die westdeutschen Vereine alljährlich zu einem gemeinsamen „Indian Council“. Dass bei Indigenen eine solche kulturelle Aneignung („cultural appropriation“) ein zwiespältiges Gefühl auslöst, verwundert nicht.
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