Der Zeithistoriker und Publizist zeichnet ein – wie stets exzellent geschriebenes – Porträt einer ostdeutschen Jugend, die Ende der 60er Jahre zum Aufbruch bereit war, an einen reformier- und demokratisierbaren Sozialismus glaubte und den Prager Frühling als Vorboten des Wandels auch in der DDR sah. Der Einmarsch des Warschauer Paktes in der CSSSR im August 1968, die damit einhergehenden spontanen Proteste in Ostdeutschland und die scharfe Reaktion des Ministeriums für Staatssicherheit nimmt in Wolles gesellschaftsgeschichtlicher Studie gebührenden, keineswegs jedoch dominierenden Raum ein. Vielmehr gibt Wolle Einblicke in Lebens- und Gedankenwelten einer Generation, die in der Nachkriegszeit geboren und mit der DDR erwachsen geworden war.
Anschaulich schildert er, wie diese Generation trotz Mauer und Stacheldraht westdeutsche und westeuropäische Trends und Debatten gleichermaßen verfolgte wie Reformtendenzen im Ostblock. Der Autor verweist darauf, dass die friedliche Revolution des Jahres 1989 auch eine Revolution der 40-Jährigen genannt werden könne. Und so konstatiert er im Hinblick auf die unterschiedliche Generationenerfahrung in West und Ost: „Die West-68er träumten von der Revolution und haben eine evolutionäre Wandlung des Systems bewirkt. Sie bewiesen durch ihre Biographien, was sie widerlegen wollten, nämlich die Reformfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ost-68er dagegen wollten den Sozialismus reformieren und haben mit 21 Jahren Verspätung – teilweise gegen ihren Willen – eine Revolution ausgelöst, die zur Vernichtung des sozialistischen Systems führte.“
Rezension: Mählert, Ulrich





