Immerhin, die Städte wurden kleiner, und die Bildung wanderte, sofern sie nicht ganz verfiel, von den Stätten aristokratischen Reichtums und Selbstbewusstseins in die Klausen demütig-eifriger Mönche. Heather sucht nicht wie Generationen früherer Historiker Schuldige, etwa dekadente und ignorante Römer oder raublustige Invasoren. Vielmehr berichtet er von einem Reich, das im 4. Jahrhundert stark war und blühte, an dessen nördlichen und östlichen Rändern sich aber neue Mächte formierten. Er vermag zu überzeugen, weil sein Bericht zwar von einer fernen Zeit kündet, doch zugleich von Globalisierung und Migration, von Wanderungen, die nicht „ursprünglich“ waren, sondern sich aus der Existenz der damaligen ersten Welt ergaben, und von Modernisierungen, aus denen sich für die neuen Gruppen zugleich ungeahnte Ansprüche und Optionen ableiten ließen.
Und je mehr sich alte ethnisch-moralische Gewissheiten über Römer, Goten und Hunnen auflösen, desto spannender lesen sich die Miniaturen über Diplomaten und Panegyriker, Heermeister und Grundbesitzer, über Aëtius, Attila und Sidonius Apollinaris. Doch eine spannende Generalthese hat der in Oxford lehrende Historiker auch anzubieten: Westrom fiel durch die Hunnen, aber weniger unter ihren militärischen Schlägen als durch die katalytischen Effekte, welche von der „konkur‧rierenden imperialen Supermacht“ ausgelöst wurden. Das Imperium Romanum hatte ein bemerkenswertes Maß an Stabilität erreicht, war aber als Großsystem auch ein „wackeliges Gebäude“. Dass es – anders als Attilas Reich – so lange Bestand hatte, und in Konstantinopel sogar noch 1000 Jahre länger, das war das eigentliche Mirakel.
Rezension: Walter, Uwe





