Der Sohn hat den Ruf des Vaters ruiniert. In seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ gibt Goethe ein Bild seines Vaters, des Kaiserlichen Rats Johann Caspar Goethe, das alles andere als schmeichelhaft ist. Er erwähnt den Vater zwar wesentlich häufiger als die allseits beliebte Mutter, doch er schlägt dabei einen Ton an, der ahnen lässt, dass auch nach Jahrzehnten noch ein Generationenkonflikt mit dem Vater in ihm schwelte.
Nahezu boshaft ist es, wie Goethe wichtige Fakten, die für den Vater sprechen würden, verschweigt oder anderen Personen zuordnet. Selbst wenn man zu Goethes Gunsten in Rechnung stellt, dass der inzwischen über 60-Jährige längst nicht mehr alle Einzelheiten aus seiner Kinder zeit präsent haben konnte und auch er nicht vor dem verklärenden Blick der Erinnerung gefeit war, dann bleibt doch das negative Image haften, das er seinem Vater verpasst hat: pedantisch, knickerig, unmusisch, humorlos. So wird Johann Caspar Goethe seitdem gesehen, und selbst Thomas Mann fragte sich daher, wie dieser „berufsuntätige, sammeleifrige Eigenbrötler und lastende Pedant“ zum Vater des größten deutschen Dichters werden konnte.
Mit einer Gedenkausstellung zum 300. Geburtstag von Johann Caspar Goethe will nun das Freie Deutsche Hochstift im Frankfurter Goethehaus endlich das negative Bild von Goethes Vater korrigieren. Die Ausstellung der beiden Kuratoren Doris Hopp und Dr. Joachim Seng, die alte und neue Quellen zur Biographie des „Herrn Rat“ zusammengetragen und teilweise neu bewertet haben, stellt Johann Caspar Goethe in sieben Facetten seiner Persönlichkeit vor. Sie präsentiert ihn als selbstbewussten, auf seine Unabhängigkeit bedachten Bürger der Reichsstadt Frankfurt sowie als Doktor beider Rechte, einen „gründlichen, ja eleganten Juristen“. Auch war er ein umsichtiger Verwalter des ererbten Vermögens, ein liebevoller Ehemann und Familienvater sowie ein verantwortungsbewusster Pädagoge, der nicht nur seinen Sohn in jeder Hinsicht förderte, sondern auch – darin seiner Zeit voraus – seiner Tochter eine umfassende Bildung ermöglichte.
Zudem zeigt sich Johann Caspar Goethe als Freund und Förderer der Musen, der mit seiner Familie musizierte, eine bemerkenswerte Bibliothek aufbaute und eine eigene Kunstsammlung zusammentrug, wie als polyglotter Bildungsbürger mit einer „Vorliebe für die italiänische Sprache und für alles was sich auf jenes Land bezieht“, wie der Sohn – diesmal nicht abfällig – in „Dichtung und Wahrheit“ bemerkte. Am 5. Dezember wird die Ausstellung über Johann Caspar Goethe eröffnet, im Goethehaus und damit am historisch passendsten Ort, da das Haus im Großen Hirschgraben vollkommen das Werk von Goethes Vater ist.
Der eigentliche Gedenktag liegt allerdings schon gut vier Monate zurück. Im Sommer vor 300 Jahren, am 27. Juli 1710, wurde Johann Caspar Goethe in Frankfurt geboren. Sein Vater war der Schneidermeister Friedrich Georg Göthé, der es seit 1686 zum „Dior von Frankfurt“ (Doris Hopp) gebracht hatte und schließlich durch die Heirat mit einer verwitweten Schneiderstochter 1705 in den Besitz des ansehnlichen Gasthauses zum Weidenhof auf der Zeil gekommen war. Der jüngste Sohn ging im Herbst 1730 zum Jurastudium zunächst nach Gießen, bald nach Leipzig. Am 30. Dezember 1738 wurde er zum Doktor der Rechte promoviert. Aufgrund des beträchtlichen Familienvermögens konnte Johann Caspar Goethe es sich leisten, im Herbst 1739 zu einer längeren Bildungsreise durch Europa aufzubrechen, die ihn zunächst nach Italien führte. Etwa im Sommer 1741 war er wieder zu Hause in Frankfurt. Doch Italien blieb das Land seiner Träume, und vor allem Neapel hat er geliebt. „Wer Neapel nicht gesehen habe, habe nicht gelebt“, sagte er einmal dem Sohn, der nicht zuletzt durch den Vater zu seiner eigenen Italienreise inspiriert wurde.





