John Paul Getty III.: Der verschleppte Ölprinz - wissenschaft.de | DAMALS
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Der verschleppte Ölprinz
Die kalabrische Mafia ’Ndrangheta entführte im Juli 1973 den 16-jährigen US-Amerikaner John Paul Getty III., Enkel des gleichnamigen Ölmagnaten. Weil der reiche Großvater nicht zahlen wollte, schnitten die Gangster ihrem Opfer das rechte Ohr ab. Getty kam frei, aber auf seinem Leben lag fortan ein dunkler Schatten.
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von DAVID NEUHÄUSER
Die Piazza Farnese liegt im historischen Zentrum Roms, zwei Minuten Fußweg entfernt vom Campo de’ Fiori. Benannt ist der Platz nach dem Palazzo Farnese, einem Renaissancepalast, an dessen Bau unter anderen Michelangelo beteiligt war. Zwei Brunnen aus dem 17. Jahrhundert dominieren das Areal.
In der Nacht auf den 10. Juli 1973 war es still auf der Piazza Farnese. Um drei Uhr überquerte sie ein 16-jähriger Jugendlicher. Er war eher schmächtig, hatte rote gelockte Haare, und seine Laune war vermutlich recht gut – gerade hatte er noch im Nachtklub „Tree Tops“ gefeiert. Nun befand er sich auf dem Heimweg. Doch auf der Piazza Farnese sollte sein Leben eine dramatische Wendung bekommen: Männer zerrten ihn in ein Auto und brausten davon. Sie brachten ihn weit fort, bis ins süditalienische Kalabrien. Und kurz darauf begann die gebannte Weltöffentlichkeit damit, über das Schicksal des Jungen zu spekulieren. Der Entführte war US-Amerikaner und hörte auf den Namen Paul. Aber mit vollem Namen hieß er John Paul Getty III. Sein Großvater, der Öl-Tycoon John Paul Getty (1892 –1976), galt als reichster Mann der Welt.
Die Entführer, Mitglieder der kalabrischen Mafia ’Ndrangheta, gingen mit gutem Grund davon aus, dass sich von den Gettys ein stattliches Lösegeld würde erpressen lassen. Wie sich zeigen sollte, war die Lage jedoch komplizierter als angenommen. Die Mafiosi hatten nicht mit den familiären Verwerfungen im Haus des Ölmilliardärs gerechnet.
John Paul Getty, der in Sutton Place, einem Schloss in der englischen Grafschaft Surrey, lebte, galt seit langem als äußerst eigenwillig. Um seinen Geiz rankten sich Legenden. So sagte man, er habe in seinem Schloss ein Münztelefon einbauen lassen, um nicht für Ferngespräche seiner Gäste zahlen zu müssen; dies entsprach den Tatsachen. Bei jedem Kauf feilschte er erbittert. Und wer Anekdoten zu berichten hatte, schwankte dabei meist zwischen Belustigung und Abscheu. Seine fünfte Ehefrau, Louisa Theodore Lynch, genannt „Teddy“, erzählte, ihr Mann habe sie dafür gescholten, dass die medizinische Versorgung ihres gemeinsamen Sohnes, des todkranken Timothy Getty, zu kostspielig sei. Der Junge starb im Alter von zwölf Jahren. Kurz darauf ließ sich Teddy scheiden.
Aus der vierten Ehe des Milliardärs war John Paul Getty II. hervorgegangen. Dieser heiratete 1956 die Wasserballspielerin Abigail Harris, genannt „Gail“, und zog mit ihr wenig später nach Italien, wo er die Leitung der Getty-Tochterfirma „Getty Oil Italiana“ übernahm. Mit dabei war der erstgeborene Sohn der beiden: John Paul Getty III. Dessen Kindheit und Jugend sollte sich in Rom abspielen – so wie die seiner drei Geschwister. Das Familienglück zerbrach allerdings schnell. Die Eltern ließen sich scheiden; John Paul Getty II. heiratete die Schauspielerin Talitha Pol und verbrachte mit ihr ein Leben im Drogenrausch. Sie hielten sich oft in Marrakesch auf, wo sie sich auch für das US-amerikanische Magazin „Vogue“ ablichten ließen. Talitha starb 1971 an einer Überdosis.
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Paul verbrachte die meiste Zeit bei seiner Mutter Gail in Rom. Der Einfluss des Vaters und seiner zweiten Frau war jedoch deutlich spürbar. Wie diese wurde er Teil der Hippie-Bewegung. Er zog mit den deutschen Zwillingsschwestern Gisela Martine Zacher und Jutta Winkelmann zusammen, die Kontakte zur Berliner „Kommune 1“ hatten; von der Presse wurde die Verbindung der drei als Ménage à trois bezeichnet. Paul sprach über gesellschaftliche Utopien, und er nahm Drogen. Er flog von mehreren Schulen, etwa nachdem er Wände mit gegen den Direktor gerichteten Sprüchen beschmiert, schlagende Lehrer ihrerseits geschlagen und einen Brand gelegt hatte. Bei einer Demonstration warf er einen Molotow-Cocktail. Und wo es eine Party zu feiern gab, war er nicht weit. Die italienische Boulevardpresse berichtete voller Vergnügen über den jungen Getty und nannte ihn den „goldenen Hippie“ oder den „Ölprinzen“.
Paul zeichnete, stellte Schmuck her, den er auch verkaufte, und träumte davon, die Welt zu verändern. Martine erzählte später, dass zu dieser Zeit die Idee aufkam, eine Entführung vorzutäuschen, um an das Geld des reichen Großvaters zu kommen. Damit wollte man in Marrakesch eine Kommune aufbauen. Ganz sicher war seine Entführung durch die ’Ndrangheta auf der Piazza Farnese nicht die erste Begegnung des jungen Getty mit der Mafia.
Seine Rolle als Enkel eines Milliardärs lehnte er zwar ab, konnte die damit verbundene Arroganz allerdings nicht ablegen. Er war von der Mafia fasziniert, wie es nur jemand sein kann, der denkt, sie könne ihm nicht schaden. Gisela erklärte später, die Pläne, sich entführen zu lassen, hätten nicht lange Bestand gehabt. Ob die Mafia in solchen Plänen bereits eine Rolle gespielt hatte oder nicht – auf jeden Fall wusste sie, wer Paul war und wo man ihn erwischen konnte.
Während die Entführer ihr Opfer in Richtung der kalabrischen Berge fuhren, wo sie es fünf Monate lang gefangen halten sollten, rechneten zu Hause in Rom die wenigsten mit einem Verbrechen. Paul war für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt. Und so nahm man an, er werde schon wieder auftauchen – bis sich zwei Tage später die Entführer meldeten: Pauls Mutter Gail erhielt einen Telefonanruf; ihr wurde eröffnet, dass ihr Sohn entführt worden sei und dass sie ihn im Tausch gegen die gewaltige Summe von zehn Milliarden Lire (rund 17 Millionen Dollar) wiederhaben könne.
Nun war Gail zwar keineswegs arm, doch einen derart großen Betrag konnte sie nicht annähernd aufbringen. Dasselbe galt für Pauls Vater, der inzwischen in Großbritannien lebte. Natürlich zielten die Entführer darauf ab, dass der Familienpatriarch John Paul Getty für das Lösegeld aufkommen würde. Der reichste Mann der Welt werde selbstverständlich eine für ihn recht kleine Summe zahlen, um dem eigenen Enkel das Leben zu retten.
Allerdings sah der Öl-Tycoon die Dinge anders: Er vermutete, dass Paul die Entführung selbst eingefädelt habe. Gails zunehmend verzweifelte Anrufe ließ er unbeantwortet. Stattdessen trat er vor die Presse und verkündete, er werde nicht zahlen. Seine Begründung: „Ich habe 14 Enkel. Und wenn ich auch nur einen Penny Lösegeld bezahle, werde ich 14 entführte Enkel haben.“
Die italienische Polizei ermittelte in alle Richtungen und durchforstete das Umfeld Pauls, zu dem nicht nur Hippies, sondern eben auch Mafiosi gehörten. Pauls Freundinnen Gisela und Jutta wurden vorübergehend festgenommen. Die Entführer brachten ihr Opfer unterdessen von einem Versteck ins nächste und glaubten wohl zunächst weiterhin, dass das Lösegeld bald bezahlt werden würde. Pauls Eltern baten den Patriarchen händeringend um Hilfe, aber dieser blieb unnachgiebig.
Der Großvater setzte voll und ganz darauf, Zweifel zu säen. Dazu schickte er auch einen eigenen Ermittler nach Italien. Vielleicht wollte er die Sache aussitzen; vielleicht wollte er die Entführer auch zum Verhandeln bewegen. Das Leben seines Enkels kümmerte ihn in jedem Fall nicht besonders. Allmählich setzte sich diese Erkenntnis auch bei den Entführern durch. In einem Brief bezeichneten sie die Gettys als „Sadisten“, die trotz ihres Reichtums ihren Sprössling leiden ließen.
Zu keinem Zeitpunkt herrschte völlige Funkstille zwischen den Entführern und den Gettys. Immer wieder rief ein Mann mit rauher Stimme bei Giovanni Jacovoni an, einem Anwalt, der Paul vor Gericht vertreten hatte, als dieser wegen des Molotow-Cocktails angeklagt worden war. Jacovoni verhandelte mit den Entführern und versuchte ihnen klarzumachen, dass 17 Millionen Dollar nicht zu bekommen waren. Er hatte insofern Erfolg, als seinem Gesprächspartner anscheinend gewisse Zweifel kamen. Das wiederum sorgte dafür, dass sowohl Jacovoni als auch die Polizei öffentlich die Ernsthaftigkeit der Entführer in Frage stellten. Jacovoni erklärte gegenüber einem Reporter: „Es gibt Momente, da bin ich mir sicher, dass
alles ein Schwindel ist.“
Für den Milliardär in seinem englischen Schloss entwickelte sich alles so, wie er es wollte. Nachdem Paul über drei Monate in Höhlen und Wellblechhütten gefangen gehalten worden war, entschieden die Entführer, das Lösegeld deutlich zu senken: auf 3,2 Millionen Dollar. Diese neue Forderung allerdings stellten sie mit größtmöglichem Nachdruck: Paul wurde bei vollem Bewusstsein ein Ohr abgeschnitten. Zusammen mit einer Locke des Jungen wurde das Ohr in einem Plastikumschlag per Post an die Tageszeitung „Il Messaggero“ geschickt.
Dort kam es allerdings lange nicht an. Ein Streik legte die italienische Post lahm – und erst knappe drei Wochen später, am 10. November 1973, also exakt vier Monate nach der Entführung auf der Piazza Farnese, bekam Jacovoni einen Anruf aus der Redaktion des „Messaggero“; die Journalisten hatten das Ohr erhalten. Dabei stand auf einem Zettel: „Dies ist Pauls erstes Ohr. Sollte die Familie in zehn Tagen noch immer denken, dass das alles ein Scherz ist, kommt das zweite Ohr dazu. In anderen Worten: Er kommt in kleinen Stücken.“
Schon wegen des Streiks, von dem die Entführer wohl nichts wussten, war die Frist längst verstrichen. Und vielleicht hätten sie Paul wirklich das andere Ohr abgeschnitten, hätte sich sein Gesundheitszustand nicht rapide verschlechtert. Die Wunde entzündete sich; dazu kam eine Lungenentzündung. Sie verabreichten ihm Penicillin und Alkohol und fürchteten, dass ihr Opfer sterben würde, bevor sie an die Millionen herankamen.
Damit war der Punkt erreicht, an dem Milliardär John Paul Getty bereit war, nun doch zu zahlen – aber noch immer nicht die ganze Summe: In einer letzten Verhandlung wurde das Lösegeld auf 2,9 Millionen Dollar heruntergehandelt. Davon zahlte der Patriarch 2,2 Millionen; mehr, so hatten ihm seine Berater gesagt, könne er nicht von der Steuer absetzen. Die Restsumme lieh er seinem Sohn, Pauls Vater, zu einem Zinssatz von vier Prozent.
Das Lösegeld wurde bezahlt, und Paul kam frei. Am 15. Dezember 1973 ließen ihn die Entführer an einer Autobahn südlich von Neapel laufen – abgemagert, verwahrlost, krank und traumatisiert. Seine Mutter Gail fuhr mit ihm so schnell es ging in die Alpen, wo er sich beim Skiurlaub erholen sollte. In der internationalen Presse war er nun ein Star; der Briefbote brachte bündelweise Fanpost begeisterter junger Frauen. Und Paul war fest entschlossen, sein Leben fortzusetzen, auch wenn ihn Ängste plagten. Er freute sich über kleine Filmrollen, die man ihm anbot. Und er heiratete Gisela, eine der beiden Zwillingsschwestern – womit er sich seine Enterbung einhandelte, weil er mit der frühen Heirat gegen den Familienvertrag der Gettys verstieß.
Paul und Gisela zogen nach Los Angeles, wo Paul durch Giselas Vermittlung sogar eine Rolle im Wim-Wenders-Film „Der Stand der Dinge“ erhielt. Zu den Bekannten der beiden, die schon zuvor in der linken Kunstszene keine Unbekannten gewesen waren, gehörten die Musiker Bob Dylan und Leonard Cohen, der Schauspieler Dennis Hopper sowie der Regisseur Federico Fellini.
1975 wurde ihr Sohn Balthazar Getty geboren; da war Vater Paul gerade einmal 18 Jahre alt. Gemeinsam mit Giselas Tochter Anna waren sie nun zu viert. Das Familienleben wurde allerdings durch den zunehmenden Drogenkonsum Pauls in Gefahr gebracht. Vergeblich versuchte er wohl, das Trauma zu betäuben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Gisela und die Kinder Abstand zwischen sich und Paul brachten.
1981 fiel John Paul Getty III. ins Koma. In seinem Blut fand man einen Cocktail aus Alkohol, dem Beruhigungsmittel Valium und dem Schmerzmittel Methadon. Als er wieder erwachte, war er querschnittsgelähmt, stumm und halbblind. Seine Mutter übernahm die Pflege und musste sich erneut mit der Bitte um Geld an den Patriarchen der Familie wenden. John Paul Getty war längst tot, gestorben 1976 in seinem englischen Schloss. Einen großen Teil seines Vermögens hatte er gespendet, in erster Linie an das J. Paul Getty Museum in Los Angeles.
Sein Sohn, Pauls Vater, war nun das Familienoberhaupt. Für die Pflege seines Sohnes wollte er aber nicht zahlen. Gail musste ihn vor Gericht dazu zwingen. Im Jahr 2011 starb Paul schließlich im Alter von 54 Jahren an den Folgen einer langen Krankheit und den Nachwirkungen der Drogen-Überdosis.
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