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Der Visionär von Mallorca
Der Philosoph und Missionar Ramón Llull (1232–1316) war ein genialer Außenseiter, der aus Sicht der modernen Wissenschaft als ein früher Vertreter des interreligiösen Dialogs gilt. In seiner Heimat, den Balearen, wird er bis heute verehrt.
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Erste Hinweise auf die Person und das Werk von Ramón Llull gewährt bereits ein genauer Blick auf sein Grabmal in der Basilika Sant Francesc unweit der Touristenströme in der mallorquinischen Inselhauptstadt Palma. Geschaffen wurde es Ende des 14. Jahrhunderts vom Bildhauer Francesc Sagrera. Das Monument steht für den Anspruch des Franziskanerordens, die Verehrung des bedeutenden Religionsphilosophen an sich zu ziehen.
Die gestalterische Anordnung des Grabs von Ramón Llull in einer Gewölbenische der Kirche links vom Hauptaltar ist äußerst ungewöhnlich. Der Tote ist in der oberen Körperhälfte liegend und auf einem Kissen ruhend in Gebetshaltung dargestellt, doch sein Gesicht zeigt nicht nach oben, sondern ist dem Betrachter zugewandt. Die Gesetze der Schwerkraft überwindend, scheint er zu schweben. Das christusähnliche Antlitz wirkt würdevoll und asketisch. Haar und Bart bedecken Schultern und Brust.
Betrachtet man die untere Körperhälfte, wirkt es dagegen, als stehe er auf einem Sockel. Die horizontale und die vertikale Dimension sind so auf einfache, aber geniale Weise miteinander verwoben. Der Bildhauer spielt damit auf die zentralen Motive des christologisch geprägten Denkens des großen Mallorquiners an. Getragen wird der Sarkophag von einer Säulenreihe, mit Aussparungen für figürliche Darstellungen der Sieben Freien Künste. Allerdings wurden diese Skulpturen nie ausgeführt.
In einem Bogen über dem Sarkophag nehmen zwei Engel die Seele des Verstorbenen in Empfang, um sie in den Himmel zu geleiten. Wie häufig in der mittelalterlichen Bildsprache wird die Seele dort als nackter Säugling oder als kleines Kind dargestellt. Bezeichnenderweise kopiert die Seele detailgetreu die Gebetshaltung des Verstorbenen. Das Grabmonument spiegelt im Licht christlicher Stilisierung wider, wie Ramón Llull sich selbst präsentiert hatte und wie er auch wohl gesehen werden wollte: als Pilger mit langem Bart, den zu tragen er auch den Ordensrittern empfahl, eingehüllt in ein bodenlanges Gewand.
Der mittelalterliche Vordenker wird heute auch in der IT-Branche als Pionier gefeiert
Die rund 265 in Katalanisch, Latein und Arabisch verfassten Werke Ramón Llulls sind heute vornehmlich den Spezialisten in Palma de Mallorca, Barcelona und Freiburg im Breisgau vertraut. Einige seiner Schriften wurden auch ins Deutsche übersetzt: „Die neue Logik“ (1985), „Das Buch vom Freunde und vom Geliebten“ (1992), „Das Buch vom Heiden und den drei Weisen“ (1998) sowie die zweisprachige Ausgabe der „Ars brevis“ (1999) ermöglichen einen guten Einstieg in die llullistische Gedanken- und Gefühlswelt.
Viele seiner Themen besitzen nach wie vor Aktualität. Anscheinend gibt es zurzeit auch eine kleine Ramón-Llull-Renaissance, weil Informatiker und die IT-Branche ihn als Gründervater eines logischen, vor allem aber eines automatisierten Argumentierens entdeckt haben. Wie eine Schublehre das präzise Messen, so ermöglichen Llull zufolge neun Buchstaben auf einer dreiteiligen Drehscheibe das rationale Argumentieren sowie das Ausloten ihrer Relationen, und dies in allen Sprachen.
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Unbestritten ist die führende Rolle Ramón Llulls bei der Etablierung einer eigenständigen Literatur in der katalanischen Volkssprache, in der er zahlreiche poetische und sogar philosophische Werke verfasste. Sein Erziehungsroman „Blaquerna“ (1283) etwa schildert das vorbildliche Leben einer christlichen Familie, deren Sohn mit Zustimmung der Eltern ein besonders gottgefälliges Leben führt. Der Protagonist, der mit autobiographischen Zügen ausgestattet ist, durchläuft die geistlichen Lebensformen als Mönch, Abt, Bischof und Papst, bis er als Einsiedler die höchste Stufe spiritueller Vollkommenheit erreicht.
Diese Idealkarriere weist Parallelen auf mit der Legende vom 1295 heiliggesprochenen Papst Gregor dem Großen (amt. 590–604). Der schwäbische Dichter Hartmann von Aue (gest. 1210/1220) konzipierte sie nach lateinischen und altfranzösischen Vorlagen zu Beginn des 13. Jahrhunderts neu. Gregor, das Kind eines inzestuösen Geschwisterpaars und unwissentlich Ehegatte seiner eigenen Mutter, entflieht der Welt und zieht sich als Büßer in die Einöde zurück, bis er wunderbarerweise zum Papst berufen wird.
Bei aller Ungeheuerlichkeit, ja Monstrosität seiner Existenz: Der „gute Sünder“ ist ein Ausnahmemensch, ein „Erwählter“, wie Thomas Mann ihn dann in seiner Version der Legende bezeichnete. In Llulls frommer Novelle bleibt der heikle Untergrund von Sündenschuld und Erlösung zwar ausgeblendet, aber als „Erwählter“, als Ausnahmemensch, dürfte sich der fromme Katalane auf seinem Lebensweg ebenfalls begriffen haben.
„Große Dinge habe ich in der Welt gesucht“
In den zahlreichen autobiographischen Passagen seines Gesamtwerks, insbesondere in der „Vita coaetanea“ (1311), die er während seines Aufenthaltes in Paris einem Mönch diktierte und mehrfach überarbeitete, verleiht er seinem Lebensgefühl und seiner häufig schwankenden Stellung zwischen Gott und der Welt immer wieder Ausdruck. So bekennt er sich in poetischer Form im „Cant de Ramon“ (1300) freimütig zu seiner außerordentlichen Originalität und zu seiner von der Welt verkannten Größe: „Neues Wissen wurde [von mir] gefunden, / der Mensch kann die Wahrheit erkennen / und die Lüge zerstören. / Sarazenen werden getauft, / Tataren, Juden und andere Irrende, / durch das Wissen, das Gott mir gegeben hat. / … Ich bin ein alter, armer, verachteter Mann, / es gibt keine Hilfe von irgendeinem Menschen / und es ist ein großer Feind, der mich bedrängt. / Große Dinge habe ich in der Welt gesucht, / viele gute Beispiele habe ich gegeben: / wenige sind bekannt und geliebt.“
Die Karriere als Gelehrter, Dichter, Missionar und Friedensapostel wurde Ramón Llull keineswegs in die Wiege gelegt. Geboren wurde er 1232 in Palma (damals Majorca) als Sohn eines Offiziers im Dienste Jakobs des Eroberers (1208–1276), der Mallorca 1229 auf kriegerischem Weg der islamischen Herrschaft entriss.
Vorgesehen war der einzige Sohn aus angesehener stadtbürgerlicher Familie für ein weltliches, ein höfisches Leben als „ritterlicher“ Edelmann. Aufgrund seiner Bildung und literarischen Ambitionen fungierte er zunächst als Page, dann als Erzieher und später als Seneschall am Hof. Seine Bindung an das Haus Aragón hatte zeitlebens Bestand. Er heiratete 1256 und bekam zwei Kinder mit seiner Frau Blanca Picany. Literarische Erfolge feierte er schon in jungen Jahren mit seinen, dem Zeitgeschmack entsprechenden, Liebesgedichten im Stile eines Troubadours.
In der Mitte des Jahres 1263, im Alter von knapp über 30 Jahren, geriet der dem weiblichen Geschlecht durchaus zugeneigte Weltmann unversehens in eine schwere Lebenskrise. Anstelle eines äußeren Anlasses wie des Überdrusses an seiner siebenjährigen Ehe ereilte ihn eine Heimsuchung anderer Art. In einer Folge von fünf Visionen soll dem Familienvater der gekreuzigte Christus erschienen sein. Er habe ihm den Auftrag erteilt, die Welt zu verlassen und sich vollständig in den Dienst Gottes zu stellen.
Diesem Auftrag wollte und konnte er sich nach anfänglichem Zögern nicht entziehen, zumal ihm diese höhere Legitimation ermöglichte, mit dem Ehestand ohne kirchliche Sanktionen zu brechen. Anders als der heilige Franziskus und der gute Sünder Gregor setzte Ramón Llull seine Konversion nicht mit radikaler Überstürzung um, sondern änderte planvoll und sukzessive seine Lebensumstände.
Zunächst legte er fest, mit welchen Zielsetzungen er dem von Christus erteilten Auftrag nachkommen könne. Er nahm sich vor, die Heiden und die Irrgläubigen, womit der Islam und das Judentum gemeint waren, zu bekehren; das „beste Buch der Welt gegen die Irrtümer der Ungläubigen“ zu verfassen; die herrschenden Mächte davon zu überzeugen, Klöster zu gründen, und künftige Missionare mit den Sprachen der Ungläubigen vertraut zu machen.
Aufbruch ins Ungewisse: Llull wählt das Leben eines Pilgers
Einige Monate nach seiner Bekehrung nahm er das Pilgergewand und begab sich auf die Suche nach einer passenden Lebensform und einer intellektuellen Grundlage für seine weitgesteckten Ambitionen. Er fand sie in der Rolle des Büßers, der vita peregrini, und kommt zu dem Entschluss, sich im Selbststudium statt im Universitätsmilieu das erforderliche Wissen und die theologischen Kompetenzen für seine Projekte anzueignen.
Das hatte zur Folge, dass er doch noch rund zwölf Jahre im Kreis seiner Familie zubrachte, bevor er im Auftrag Gottes als „erleuchteter Gelehrter“ eine spirituelle, wissenschaftliche, literarische und missionarische Aktivität ohnegleichen an den Tag legte.
In diesen vier Jahrzehnten bis zu seinem Tod 1316 stürzte er sich in ein umtriebiges Reiseleben, um Zustimmung für seine Schriften und Unterstützung für seine Pläne bei den Mächtigen der Ordensgemeinschaften, an der Kurie, an den Höfen und Universitäten in Spanien, Frankreich, Italien und Sizilien zu gewinnen.
Als Missionar der islamischen Völker trat er in Tunis und Bugia (heute Béjaïa) unerschrocken und ohne Überheblichkeit in Erscheinung. Großer Erfolg war ihm dabei freilich nicht beschieden, im Gegenteil: Er geriet auf seinen Missionsreisen in Seenot und saß mehrmals in nordafrikanischen Gefängnissen.
Als großer Gelehrter in der Christenheit berühmt und nachgefragt, als katalanischer Dichter in seiner Heimat gefeiert, wäre er gern dem Orden der Franziskaner beigetreten. Doch sein Vorleben ließ dies nicht zu. Nachdem er auf seiner letzten Missionsreise nach Algerien von einer fanatischen Menge verfolgt und beinah zu Tode gesteinigt wurde, erlag er der Legende zufolge seinen Verletzungen auf einem Schiff kurz vor dessen Ankunft in Mallorca. Die Franziskaner in Palma de Mallorca nahmen seinen Leichnam in ihre Obhut und erkannten ihn damit postum als einen der Ihren an.
Die Produktivität des großen Katalanen resultiert zu einem guten Teil aus den Erfahrungen und Wendungen eines Lebens, das noch ruheloser und radikaler war als das seines Vorbilds Franziskus von Assisi. Sein Außenseitertum in der kirchlichen und intellektuellen Elite seiner Zeit spornte ihn nicht nur zu schriftstellerischen Höchstleistungen an, sondern verlieh seinem auf das Praktische abzielenden, auf Wirkmächtigkeit bedachten Denken eine für die Zeit ungewöhnliche Originalität.
Die katalanische und die arabische Sprache standen bei ihm gleichberechtigt neben dem Latein der Scholastik. Als Laie, der er wohl statusmäßig blieb, verknüpfte er, der mit den Ritterorden der Kreuzzüge sympathisierte und sie zur Einheit aufforderte, das Beste aus beiden Welten methodisch miteinander, nämlich ritterliche Tatkraft mit kontemplativer Tiefe.
Während seiner Meditationen im Jahr 1274 auf dem Puig de Randa, einem 542 Meter hohen Berg im Süden der Insel Mallorca, will Ramón Llull dann die Erleuchtung empfangen haben, die ihm dazu verhalf, das geplante „beste Buch der Welt gegen die Irrtümer der Ungläubigen“ auch zu verfassen. In der „Zusammengefassten Kunst der Wahrheitsfindung“ („Ars compendiosa inveniendi veritatem“) entwickelte er die bedeutendste Wissenschaftslehre seiner Zeit, die er in der Folgezeit ständig verbesserte.
Für Llull war die Überzeugungskraft oder Wahrheit von Dogmen wie der Inkarnation oder der Trinität nicht durch die Autorität von Traditionen und heiligen Schriften zu begründen und zu vermitteln, sondern sie ergab sich „logisch“ aus dem methodisch angeleiteten Prozess rationaler Auseinandersetzung im Rahmen einer universalistisch angelegten Wissenschaft (scientia universalis). Ein in diesem Sinne geführter Dialog würde zur Wahrheit und infolgedessen auch zur Versöhnung von Judentum, Islam und Christentum führen und selbst die Heiden zur Bekehrung bewegen.
Die Vision vom friedlichen Miteinander der Religionen
Die Reflexion über das Zusammenleben der verschiedenen Religionsgruppen auf der Insel, gepaart mit der Überzeugung, dass der Mensch ein sich vermenschlichendes Lebewesen ist (animal homificans), bilden den Nährgrund für diesen Denkansatz.
Llulls Einsichten werden in einer mustergültigen interreligiösen Debatte in seinem „Buch von dem Heiden und den drei Weisen“ (1274–1276) in Szene gesetzt: Je ein Gelehrter der drei monotheistischen Religionen findet sich unter fünf (allegorischen) Bäumen zum Gespräch über Glaubensfragen ein, wo unter kundiger Anleitung der als Frau personifizierten Intelligenz die Voraussetzungen, die Spielregeln und Zielsetzungen einer solchen Disputation einvernehmlich festgelegt werden.
Die Aussicht auf einen „immerwährenden Frieden“ bewegt einen der Weisen sogar zu der utopischen Vorstellung, ob nicht alle Völker „mit Hilfe der Wissenschaft … in einem einzigen Gesetz und einem einzigen Glauben zusammenfinden könnten“. Das einmal aufgenommene Religionsgespräch besteht die erste Bewährungsprobe: Ein ziellos herumirrender heidnischer Philosoph, tief verzweifelt in seinem Unglauben, kann in gemeinsamer Anstrengung der Vertreter der monotheistischen Religionen vom Segen des Glaubens überzeugt werden.
Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs muss der Heide feststellen, wie stark die drei Religionen sich einander unterscheiden, sich bei vielen Themen widersprechen und sogar bekämpfen. Tränenüberströmt bittet er die Weisen um die Erläuterung ihrer Glaubensüberzeugungen, damit er sich für den richtigen Glauben entscheiden könne.
Dem kommen die Gelehrten nach, nicht ohne sich auf die bereits erwähnte Methode der Wahrheitsfindung und auf eine verbindliche Gesprächskultur zu einigen. Nur dem Heiden wird es auf seine Bitte hin gestattet, sich mit Fragen oder Einwänden an den jeweiligen Apologeten zu wenden. Nach Maßgabe der vereinbarten Prinzipien, Werte und Kategorien erklären der Jude, der Christ und der Muslim dem Heiden jeweils die Grundzüge ihres Glaubens, wobei sie sich, so weit wie möglich, um Vernunftgründe bemühen. Sie realisieren insoweit das, was man später Aufklärung nennen wird.
Ramón Llull formuliert dieses Programm selbst folgendermaßen: „Dieses Buch stellt eine Lehre und eine Methode vor, getrübte Geister zu erhellen und schlafende Große aufzuwecken, sowie Fremde und Freunde im gegenseitigen Kennenlernen miteinander zu verbinden.“
Der Heide darf zwischen den Religionen frei wählen
Mittelalterliche Religionsgespräche resultierten nicht immer aus realen Konflikten des Zusammenlebens der verschiedenen Religionen. Aber sie zeigten die Tendenz, am Ende die Ablehnung des anderen zu bestärken und Unversöhnlichkeit zu schüren. Ramón Llulls drei Gelehrte sind jedoch so weise, nicht in diese Falle zu tappen. So überlassen sie dem Heiden die Wahl zwischen den Religionen. Seine Entscheidung nehmen sie nicht zur Kenntnis, denn es wäre unredlich, daraus einen Vorteil für den eigenen Standpunkt ziehen zu wollen.
Selbstverständlich ist zu berücksichtigen, dass die abendländisch-christliche Tradition, in welcher der Mallorquiner Llull denkt und schreibt, nicht das originäre Glaubensverständnis von Judentum und Islam wiedergibt. Doch findet man in der Geistesgeschichte des Mittelalters nur wenige andere Denker wie Petrus Abaelardus (1079–1142) oder Nikolaus von Kues (1401– 1464), denen in Glaubensfragen ebenfalls mehr an der Erkenntnis von Gemeinsamkeiten als am Aufspüren von Gegensätzen gelegen war. Die Verabsolutierung der eigenen Positionen und Werte, so die gemeinsame Überzeugung dieser großen Gelehrten, versperrt gerade den Weg zu Dialog, Wahlmöglichkeit und Eintracht.
In diesem Sinn kann man von dem bedeutenden Katalanen noch und heute gerade besonders lernen, wie man einander bei allen Unterschieden und Konflikten begegnet, ohne sich in Verblendung, Feindschaft und Krieg zu verlieren. „Denn Krieg, Wirrsal, Mißgunst, Unrecht und Schande hindern die Menschen daran, sich auf einen Glauben zu einigen.“
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