Angesichts der schwerwiegenden Verantwortung, die wir beide für die Erhaltung des Friedens auf der Welt und des Lebens auf dem Planeten tragen, bin ich mir Ihrer Zustimmung sicher, dass wir offen miteinander kommunizieren müssen, um die Sichtweise des jeweils anderen deutlich erkennen zu können. In diesem Sinne schreibe ich Ihnen.“ Mit diesen Worten wandte sich US-Präsident Ronald Reagan (1981–1989) an den neuen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) Michail Gorbatschow (1985–1991). Er tat dies im April 1985 – zu einer Zeit, als Töne dieser Art etwas Neues waren. Die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen galten bis dahin als zerrüttet. Tatsächlich hätten es die wenigsten für möglich gehalten, dass schon ein halbes Jahr später Reagan und Gorbatschow an einem Tisch sitzen würden. Das Bemerkenswerteste an dem Gipfeltreffen in Genf war deshalb auch, dass es überhaupt stattfand.
Die letzten direkten Gespräche zwischen den beiden Supermächten hatten 1978 in Wien stattgefunden. Seitdem waren Versuche, die Eskalation des Kalten Krieges zu stoppen, regelmäßig gescheitert. Besonders die Kriege im Irak, im Iran und in Afghanistan trieben einen Keil zwischen die Kontrahenten in Ost und West. US-Präsident Jimmy Carter (1977–1981), der aufrichtig versucht hatte, Differenzen mit der Sowjetunion beizulegen, sah sich gezwungen, seine Beschwichtigungspolitik zu korrigieren. Er ging widerstrebend auf Konfrontationskurs, verlor die nächste Wahl jedoch gegen Reagan, der noch weitaus aggressiver auftrat. Für Reagan war die Sowjetunion das „Reich des Bösen“, mit dem man sich nicht arrangierte, sondern das es zu besiegen galt. Die USA begannen nun damit, Antikommunisten auf der ganzen Welt zu unterstützen – ganz egal, wie diese zur Demokratie oder zu Menschenrechten standen. Das Bekenntnis zur Freiheit wurde für Verbündete der USA in erster Linie ein Bekenntnis zur wirtschaftlichen Freiheit und zum Kampf gegen Linke im weitesten Sinne. Dies galt besonders für Lateinamerika.
Die Sowjetunion versuchte, in diesem globalen Konflikt mitzuhalten, stieß aber bald an wirtschaftliche Grenzen. Als Leonid Breschnew 1982 starb, folgte ihm Juri Andropow im Amt des Generalsekretärs der KPdSU. Dieser versuchte, sich China anzunähern und gleichzeitig einen Keil zwischen die USA und Westeuropa zu treiben. Bei Letzterem kam ihm die Friedensbewegung entgegen, die wegen Reagans martialischer Rhetorik eine beachtliche Größe erreicht hatte. Die Angst vor einem Atomkrieg wuchs; es gab Proteste gegen die Stationierung von amerikanischen Pershing-II-Raketen in Europa, und in der Bundesrepublik zog die pazifistisch orientierte Partei der Grünen ins Parlament ein. Viele sahen in Reagan und seiner Regierung schießwütige Cowboys, von denen man sich nicht in einen Krieg hineinziehen lassen wollte.
Letztlich hatte Andropow aber keinen Erfolg, weder in China noch in Europa. Die westeuropäischen Regierungen gaben der Friedensbewegung nicht nach und ließen sich nicht von Washington abspalten – sicherlich auch deshalb, weil die aggressive Politik des Kreml zuvor nicht nur in den USA, sondern auch in Europa antikommunistische Hardliner an die Macht gebracht hatte. Der Abschuss eines südkoreanischen Passagierflugzeugs im sowjetischen Luftraum und die US-amerikanische Invasion im kleinen Karibikstaat Grenada schienen das endgültige Zerwürfnis der Supermächte zu besiegeln. Allerdings bereitete sich währenddessen sowohl in Washington als auch in Moskau eine Veränderung vor. Der kranke Andropow brachte als Nachfolger allmählich Gorbatschow in Stellung, und Reagan entwickelte beim Übergang von seiner ersten zu seiner zweiten Amtszeit das aufrichtige Bedürfnis, einen Atomkrieg mit der Sowjetunion auszuschließen. Als Andropow starb, folgte zunächst ein Intermezzo: Ein Kompromiss mit der alten Garde in Moskau erforderte es, dass Gorbatschow nur der zweite Mann hinter Konstantin Tschernenko blieb. Doch dieser starb bereits ein Jahr später. Gorbatschow trat seine Nachfolge an.





