Den größten Gewinn zieht man zweifellos aus den Entwicklungsprozessen der sozialen Ungleichheit, hier breitet Wehler viel mehr Material aus, als in den meisten anderen Gesamtdarstellungen zur deutschen Nachkriegsgeschichte zusammen zu finden ist. Man spürt, dass der Sozialhistoriker sich in seinem ureigensten Element bewegt, wenn er über Eliten, Randschichten, „Heiratsmärkte“ oder über klassenspezifische Ungleichheiten in den Bereichen von Gesundheit, Kriminalität und Sozialräumen schreibt. Allein diese Kapitel machen das Buch unentbehrlich.
Auf anderen Feldern, die Wehler nicht richtig interessieren, wird die Darstellung blasser. Zudem blendet der Autor manchmal deshalb ab, weil andere Werke bereits mehr hergeben, als er darzu‧stellen gewillt ist. Dies betrifft deutlich die politische Geschichte – und zwar gleichermaßen die inneren wie äußeren Angelegenheiten. Wer im Ablauf der Geschichte nicht firm ist, der kann sich in Wehlers Werk leicht verirren. Ob man die kulturelle Entwicklung der lernenden bundesdeutschen Demokratie bevorzugt am „Historikerstreit“ einfangen kann, erscheint einigermaßen gewagt. Auch basieren die Abschnitte zur evangelischen Kirche in der DDR – immerhin die letzte gesamtdeutsche Klammer bis 1969 und später Hort der Opposition – auf ziemlich alter Literatur.
An vielem lässt sich herummäkeln; doch die Gesamtleistung bleibt imposant. Dass die DDR nicht so gleichgewichtig behandelt wird wie die Bundesrepublik, hat einige Kritiker auf die Barrikaden gebracht – zu Unrecht. Denn Wehler hat recht: Die Bundesrepublik verkörperte den zukunftsfähigen Neustaat, die DDR hat als sowjetische Satrapie in die Sackgasse geführt.
Rezension: Wolfrum, Edgar





