Da half es auch nichts, dass der Bundespräsident in seiner Ansprache zum Jahreswechsel 1950/51 die Hymne für die Radiohörer rezitierte: „Land des Glaubens, deutsches Land, / Land der Väter und der Er-ben, / uns im Leben und im Sterben / Haus und Herberg, Trost und Pfand, / sei den Toten zum Gedächtnis, / den Lebend’gen zum Vermächtnis, / freudig vor der Welt bekannt, / Land des Glaubens, deutsches Land!“ Nun trafen täglich Bürgerbriefe bezüglich der Hymnenfrage ein.
Mit dem Einzug der Alltagshistorie in das Forschungsprofil der Historikerzunft gerät auch die Quellengattung Bürgerbrief immer mehr in den Blickpunkt des Interesses. Die hier untersuchten 212 Briefe stammen aus dem Zeitraum August 1949 bis März 1952. Die Auswahl bezieht sich auf die Zuschriften ans Bundeskanzleramt. Etwa 80 Prozent der Briefe – und dies ist weitaus mehr als üblich bei Bürgerbriefen – wurden von Männern geschrieben. Durch eine systematische Auswertung der Zuschriften lassen sich Kontinuitäten und Diskontinuitäten des staatsbürgerlichen Selbstverständnisses der Bürger in den Gründungsjahren der Bundesrepublik erkennen sowie Kernpunkte der Argumentation bestimmen.
Die Mehrzahl wollte das „Deutschlandlied“ beibehalten und lediglich eine Umdichtung der ersten Strophe vornehmen. Diese Briefschreiber richteten ihre Vorschläge meist ans Bundeskanzleramt, wähnte man Konrad Ade‧nauer doch auf Seiten der „Deutschlandlied-Befürworter“. Exemplarisch hierfür schrieb ein Herr aus dem Westfälischen am 31. Juli 1951 an Adenauer: „Die neue auf Veranlassung des Herrn Bundespräsidenten geschaffene Nationalhymne ist immer noch, selbst nachdem sie auf dem Deutschen Sängerfest in Mainz vorgetragen worden ist, nicht außerhalb des Streits der Meinungen. Auch Sie hängen noch den schönen Klängen Joseph Haydns an, die viele nur ungern missen möchten.“
Viele der Zuschriften waren recht umfangreich, wobei nicht nur die Thematik der Hymne Gegenstand der Einlassung war, sondern auch die Motive ihrer Niederschrift erklärt wurden. Oft holten die Schreiber weit aus, manchmal fand ein Rückgriff bis zu den Germanen statt. Dabei war bei weitem nicht jede Einsendung so professionell wie die eines Kölner Heimatschriftstellers und Musikdirektors, der am 18. März 1951 bereits eine Platte mit seiner musikalischen Neuerung aufgenommen hatte, besungen von dem Kölner Männergesangsverein „Polyhymnia“, „der in diesem Jahre 100jährig jubiliert.“
Der Text war eingängig und enthielt mit den Tugenden Pflicht und Fleiß Themen, die geradezu exemplarisch für andere Hymnenvorschläge waren: „Mein Deutschland! Mein Deutschland! / Dir gilt mein ganzes Denken. / Mein Deutschland! Mein Deutschland! / Will Herz und Seel’ dir schenken. / Du Land der Arbeit, Land der Pflicht, / Ich reiche dir die Hand, / Nie leiste ich auf dich Verzicht, / Geliebtes Heimatland!“.





