Gelfands Tagebucheinträge zeugen von Erschöpfung, aber auch von der Erwartung des nahen Sieges. Sie zeigen die Schwierigkeiten, die der Schöngeist mit gewalttätigen Frontkameraden hatte. Gelfand war ein gutaussehender junger Mann und kam in Berlin mit vielen Menschen ins Gespräch, auch unterhielt er zahlreiche Liebschaften. Die Liebesbriefe von Frauen an ihn bezeugen, dass offenkundig keine Gewalt im Spiel war.
Das Tagebuch dokumentiert nicht nur, wie ein Rotarmist dachte, was er erlebte, fühlte und über seine Kameraden berichtete, sondern es wirft auch ein Licht auf die deutsche Zusammenbruchsgesellschaft, auf das Chaos, die menschlichen Irrungen und Wirrungen, auf das Auflösen von Normen. Allerdings darf man sich auch nicht ganz täuschen lassen, denn natürlich gibt es Auslassungen und Ausblendungen. Gewalt anderer So-wjetsoldaten gegenüber deutschen Frauen beispielsweise kommt gar nicht vor. Die traumatischen Erfahrungen, die Frauen machen mussten, die vielen Vergewaltigungen, die Plünderungen und Besäufnisse – alles findet hier kaum oder gar nicht seinen Niederschlag. Es wird aber auch kein verklärender oder romantisierender Blick auf Deutschland geworfen. Im Gegenteil: Es war Hassobjekt. Die Zeit der Vergeltung war gekommen, wie es in der sowjetischen Propaganda hieß, nun ging es um Auge um Auge und Zahn um Zahn.
Mit diesem Tagebuch liegt ein authentisches Zeugnis vom Kriegsende 1945 in Deutschland aus der Perspektive eines Rotarmisten vor. Die Herausgeberin Elke Scherstjanoi hat recht: „So weit konnten wir noch nie in die Gedankenwelt eines Siegers vordringen.“
Weitere Bücher zum Thema: Anthony Beevor/Luba Vinogradova, Ein Schriftsteller im Krieg. Wassili Grossmann und die Rote Armee 1941-1945, München 2007.
Victor Zaslavsky, Klassensäuberung. Das Massaker von Katyn, Berlin 2007.
Rezension: Wolfrum, Edgar





